Infektionsschutz in Kitas und Schulen: Was Sie jetzt wissen sollten

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von Sarah Zöllner

Es ist soweit – endlich, meinen viele. Die Kindertagesstätten öffnen wieder für jedermann. Bei aller Erleichterung bleibt jedoch die Frage: Was tun Kindergärten und Schulen, um die Vorgaben zum Infektionsschutz umzusetzen? Welche Rechte haben Kinder und Eltern in Kitas und Schulen? Und wie können Eltern ihre Kinder langfristig für die entsprechenden Hygienemaßnahmen motivieren?

Kitas nehmen eingeschränkten Regelbetrieb wieder auf

Ben Peters (Name geändert) freut sich: Ab 8. Juni wird er endlich seine Freunde im Kindergarten wiedersehen. Kitas in NRW nehmen zu diesem Zeitpunkt den „eingeschränkten Regelbetrieb“ wieder auf, bieten allen Kindern also einen Betreuungsumfang, der lediglich zehn Stunden unter der vertraglich zugesicherten Betreuungszeit liegt. Auch andere Bundesländer beginnen mit der Wiedereröffnung der Kindergärten und Schulen, bzw. haben dies bereits getan.

Für viele Eltern ist das die lang ersehnte Entlastung nach anstrengenden Wochen, in denen sie neben dem Beruf ihre Kinder zuhause unterrichtet und betreut haben.

Wichtig für die Bildung und Entwicklung von Kindern

Dass Kitas und Grundschulen nicht endlos geschlossen bleiben konnten, darüber sind sich Expertinnen und Experten einig. Kinder brauchen spätestens ab dem Kindergartenalter den Austausch und das Spiel mit anderen Kindern. „Soziale Kontakte und Freundschaften zu anderen Kindern [tragen] entscheidend dazu bei, ein zufriedenes Leben führen zu können“, so Peter Dabrock, ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrates.

Zudem erfüllen Schulen und Kindergärten gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten oder Familien mit Migrationshintergrund eine wichtige soziale Funktion und tragen bedeutend zum Erlernen der deutschen Sprache bei. „Viele Kinder, die zweisprachig aufwachsen, sprechen nur in der Kita Deutsch“, betont die Psychologin Mareike Kunter.

„Wir wissen, wie wichtig dieser Lernort für sie ist, damit sie später einen guten Start in der Schule haben.“ Und nicht zuletzt benötigen berufstätige Eltern eine verlässliche Betreuung ihrer Kinder, um ihrer Arbeit nachgehen zu können. Homeoffice mit paralleler Kleinkindbetreuung und Homeschooling ist ohne Zweifel keine dauerhafte Lösung. 

Wie lassen sich die Vorgaben zum Infektionsschutz sinnvoll umsetzen?

Laut Aussage des Präsidenten des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Dr. Thomas Fischbach, können auch Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter unter intensiver Anleitung durch Eltern sowie Erzieherinnen und Erziehern Hygienemaßnahmen, wie z.B. das Niesen in die Ellbeuge, Händewaschen etc., lernen.

In einer Stellungnahme, die der BVKJ in Kooperation mit mehreren Fachverbänden Ende Mai veröffentlichte, kommen die Experten zu dem Schluss, dass Kinder in der angesprochenen Altersstufe selten ernsthaft an COVID-19 erkranken und das Virus nach aktuellem Kenntnisstand weniger intensiv als Erwachsene verbreiten.

Daher sind diese Maßnahmen Fischbachs Einschätzung nach ausreichend. Wichtiger als die Gruppengröße sei zudem die Konstanz der Gruppen und die Vermeidung einer Durchmischung.

Was tun Kitas und Schulen, um die Vorgaben zum Infektionsschutz zu erfüllen?

„Kinder lernen am besten spielerisch und über Imitation“, so eine Kita-Leitung aus dem Raum Köln. In ihrer Einrichtung ist ihr wichtig, einerseits Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten, die Kinder in dieser besonderen Situation aber auch empathisch zu begleiten. So werde z.B. bei den Mahlzeiten darauf geachtet, dass die Kinder ihr mitgebrachtes Essen nicht teilten, zudem würden sie in festen Gruppen von den immer gleichen Erzieherinnen betreut.

Verletze sich jedoch ein Kind beim Spielen, werde es nach wie vor auf den Schoß genommen und getröstet. „Wir sind ebenso verantwortlich für das körperliche wie für das seelische Wohl der Kinder“, so die Kita-Leitung. Kindergärten und Schulen bemühen sich darüber hinaus auf vielfältige Weise, die Vorgaben zum Infektionsschutz umzusetzen:

  • Klassen- und Gruppenräume, Flure und Treppen sowie die Toiletten werden regelmäßig gereinigt.
  • Auch Türklinken oder Tischplatten werden so oft wie möglich gereinigt und bei Bedarf zusätzlich desinfiziert.
  • In Schulen wird zudem die Klassengröße reduziert, Unterricht findet im Schichtsystem abwechselnd vor Ort oder online statt.
  • In Kitas kümmern sich Erzieherinnen und Erzieher jeweils um nur wenige Kinder innerhalb fester Gruppen, so dass Infektionswege gut nachvollziehbar sind.
  • Bereits die Kleinsten üben regelmäßiges Händewaschen sowie die „Nies-Etikette“, also in die Armbeuge zu niesen und gebrauchte Taschentücher umgehend zu entsorgen.
  • Für die Erzieherinnen und Erzieher werden Schutzmasken und Desinfektionsmittel bereitgestellt, da sie beim Wickeln und Betreuen der Kleinkinder engen Kontakt zu ihren Schützlingen haben.
  • In einigen Schulen tragen Schüler und Lehrende während der Pausen oder sogar im Unterricht bereits einen Mund-Nasenschutz.

Was können Eltern tun, um bei der Umsetzung der Hygienevorschriften zu unterstützen?

Ein gut funktionierender Infektionsschutz in Kindergärten und Schulen ist für alle Beteiligten wichtig. Auch Eltern können sich aktiv dafür einsetzen. Sie können Lehrerinnen und Lehrer sowie das Personal in Kindergärten und Kindertagesstätten unterstützen, indem sie ihren Kindern altersgerecht erklären, weswegen die Hygienevorschriften in Kitas und Schulen überhaupt nötig sind.

In einem Erklärvideo der Stadt Wien erfahren Kinder z.B., dass das Corona-Virus sich beim Husten und Niesen verbreitet und werden dadurch zum Einhalten von Abstandsregeln und zu regelmäßigem Händewaschen motiviert. Weitere gute Materialien für Kinder bietet das Info-ABC der Landesanstalt für Medien NRW.

Hier finden Grundschulkinder anschauliche Erklärungen zu Fachbegriffen wie „Vorerkrankung“ oder „Immunität“. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass im Internet viele Falschmeldungen kursieren, die Kindern unnötig Angst machen können. Auch für Eltern und Lehrkräfte hält die Seite nützliche Materialien bereit. Darüber hinaus verweist sie auf weitere kindgerechte Informationsangebote, wie den Kinderkanal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

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Welche weiteren Forderungen stellen Experten auf?

Trotz „Lockerungen“ ist die Situation in Kitas und Schulen noch immer angespannt. Ungewohnte Abläufe, Kinder, die nur an einzelnen Tagen pro Woche unter strengen Hygienevorschriften die Schule besuchen dürfen sowie vielerorts Personalmangel, da Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter zu einer Risikogruppe gehören: all diese Punkte stellen Eltern und Kinder, aber auch Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher täglich vor neue Herausforderungen.

Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates, betont, dass z.B. Kommunen zusätzliche Schulbusse bereitstellen müssten, um den darin beförderten Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, überhaupt ausreichend Abstand zu halten, dies sei aber bei weitem noch nicht überall der Fall. Auch Marlis Tepe, Vorsitzende des GEW-Lehrerverbandes, weist darauf hin, dass Hygienemaßnamen in Kitas und Schulen nur effektiv funktionierten, wenn die entsprechende Infrastruktur, wie gut ausgestattete Wasch- und Toilettenräume, vorhanden sei.

Welche Rechte haben Kinder und Eltern in Bezug auf Hygiene in Kindergärten?

Das Infektionsschutzgesetz regelt seit 2001 die Aufgaben der Politik in Bezug auf die Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Neben dem Schutz der Bevölkerung in akuten Gefahrensituationen liegt es in der Verantwortung der Bildungsministerien in Bund und Ländern sowie der Kommunen, die baulichen und organisatorischen Bedingungen zu schaffen, unter denen effektiver Infektionsschutz in Kitas und Schulen überhaupt möglich ist.

Sollten Eltern berechtigte Zweifel daran haben, dass in der Schule ihrer Kinder die Vorgaben zum Infektionsschutz umgesetzt werden, können Sie einen Antrag auf Befreiung von der Schulpflicht stellen. Natürlich sollte man sich vorab die Umsetzung der Vorgaben von der Schulleitung zeigen lassen: „Die Kommunikation zwischen Schule und Eltern ist wichtiger denn je zuvor“, so Wassmuth.

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Ist Corona die Chance für bessere hygienische Bedingungen in Grundschulen und Kitas?

Im besten Fall kann diese Krise tatsächlich eine Chance sein, den Alltag in Schulen und Kindertagesstätten positiv zu verändern. Es ist offensichtlich, dass dies eine große Herausforderung für alle Beteiligten ist. Ob sie gemeistert werden kann, hängt maßgeblich davon ab, ob Politikerinnen und Politiker, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher und Eltern auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichten und sich stattdessen gemeinsam für bessere Hygienebedingungen in Grundschulen, Kitas und weiterführenden Schulen einsetzen. Auch dies zeigt Corona: Es bleibt genug zu tun!

Quellen