Pandemien in der Geschichte: Was uns in den kommenden zwei Jahren erwartet

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von Claudia Lehnen

Die Corona-Pandemie erschüttert die Welt. Für denjenigen, der einen Plan hat, mit dem Virus umzugehen, verliert die Krankheit an Schrecken. Medizinhistoriker und Leopoldina-Mitglied Heiner Fangerau erklärt mit einem Blick in die Vergangenheit den Umgang mit Pandemien. Zusammen mit Medizinern legt er dar, welche Schritte in den kommenden Monaten erfolgen müssen, um die Seuche in den Griff zu bekommen.

Eiscreme legt New York lahm – der Typhus

Die Köchin Mary Mallon soll sich mit der Tranchiergabel zur Wehr gesetzt haben, als sie unter Verdacht geriet, für mehrere Typhuswellen in New York Anfang des 20. Jahrhunderts verantwortlich zu sein. Der Hygienedetektiv George Soper hatte die von ihr zubereitete Eiscreme, die sie sonntags Gästen häufig servierte, als Quelle der hochinfektiösen Krankheit ausgemacht. Die Schreckensseuche Typhus war damals allgegenwärtig. Eine Urin- und Stuhlprobe sollte sie abgeben? Auf keinen Fall. Die 37 Jahre alte Irin fühlte sich kerngesund.

Fast zehn Jahre tauchte sie unter, kochte derweil unter falschem Namen, beispielsweise für ein Restaurant am Broadway. Erst als 1915 die Polizei anrückte, musste sie nachgeben und tatsächlich: Ein Test auf das Bakterium Salmonella typhi endete positiv. Sie lebte fortan in einem Haus auf einer Insel im East River in New York, unter Quarantäne. Die Insel hat sie nie mehr verlassen. Sie starb dort 1938 an einem Schlaganfall.

Pandemieplan der Bundesregierung stammt aus 2012

Aus Fällen wie dem von Mary Mallon habe man gelernt, sagt Heiner Fangerau, Professor für Medizingeschichte an der Universität Düsseldorf, Leiter des gleichnamigen Instituts und Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Brechen Pandemien aus, sei es nicht nur wichtig, die offensichtlich Erkrankten im Blick zu haben. Von hoher Bedeutung bei einem Plan zur Bekämpfung von Pandemien sei es auch, Überträger ausfindig zu machen. Und zwar bevor diese Symptome zeigten.

„Gut und konsequent geklappt hat das zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts in Elsass-Lothringen. Dort konnte man den endemischen Typhus in den Griff kriegen, weil man bei den Soldaten ansetzte. Preußen ordnete flächendeckende Massentestungen beim Militär an, Bakterienträger wurden aus dem Verkehr gezogen“, erzählt Fangerau.

Erfahrungen mit Endemien, Epidemien und Pandemien hatte Deutschland also lange vor dem Ausbruch von Covid-19. Auch konkrete Pläne zur Bekämpfung einer drohenden Pandemie lagerten in der Schublade der Bundesregierung. Als Blaupause gab es ein Papier aus dem Jahr 2012. Titel: „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz“. Darin steht, was im Falle einer Pandemie zu tun ist: Schulen schließen, Großveranstaltungen absagen.

Sind die ersten Maßnahmen ergriffen, ist es laut Wissenschaftlern wichtig, die „Pandemiebereitschaft aufrecht“ zu erhalten. Was das für unser Leben in den kommenden Monaten und Jahren bedeutet? Vor allem folgende Punkte bei der Pandemieplanung werden unseren Alltag laut Experten in den kommenden zwei Jahren bestimmen.

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Corona-Tests könnte zum Standard an Flughäfen werden

Um eine Ausbreitung für die Zeit unter Kontrolle zu halten, in der noch kein Impfstoff gefunden wurde, ist nach Meinung von Heiner Fangerau der „Aufbau von Laborkapazitäten“ extrem wichtig. „Wir müssen flächendeckend und frühzeitig so viele Menschen wie möglich testen. Nur dann kann man die Virenträger zeitweise unter Quarantäne stellen und einen Ausbruch im Griff behalten“, sagt Fangerau.

Je mehr Freiheiten uns mit den Lockerungsmaßnahmen wieder zugetraut werden, desto wichtiger sei eine Kontrolle an genau festgelegten Punkten. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass ein Virentest an Flughäfen oder Bahnhöfen in den kommenden Monaten Normalität wird“, sagt Fangerau.

Testen lassen sollten sich derzeit auch Menschen, denen ein Kontakt zu einer an Covid-19 erkrankten Person nicht bekannt ist, die aber an Corona-Symptomen wie Fieber und trockenem Husten leiden. Flächendeckend getestet werden sollen auch Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Auch Lehrer und Erzieher sollen in den kommenden Monaten bei freiwilligen Tests bevorzugt werden.

Krankenkassen übernehmen Antikörpertests bei Symptomen

Große Hoffnungen setzt man zudem in den Antikörper-Test. Der soll klären, wie viele Menschen sich mit dem Coronavirus infiziert haben und nun möglicherweise immun sind. Die Bundesregierung hat Deutschland allein für Mai drei Millionen Kits gesichert, die teilweise bereits in Benutzung sind. In den kommenden Monaten hat der Pharmakonzern Roche sogar jeweils fünf Millionen zugesagt.

Eine Zuverlässigkeitsgarantie gibt es für den Antikörper-Schnelltest noch nicht, der Pharmakonzern spricht selbst von einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 0,2 Prozent. Die Krankenkassen übernehmen dennoch die Kosten für einen Antikörpertest, wenn Patienten auch Symptome hatten. Für alle anderen fallen um die 20 Euro an.

Infrastruktur für einen besseren Umgang mit Pandemien werden ausgebaut

Die größte Sorge zu Beginn der Corona-Pandemie war der Kollaps des Gesundheitssystems. Ein System, das seit den 90er-Jahren 70.000 Krankenhausbetten abgebaut und eingespart hat, schien nicht gerüstet auf einen exponentiellen Pandemie-Verlauf. Aber auch Schutzmasken waren in Deutschland lange noch Mangelware, da schossen die Infektionszahlen schon in abenteuerliche Höhen.

„Jetzt gibt man unheimlich viel Geld aus, um Intensivkapazitäten wieder aufzubauen. Die Geschichte zeigt: Egal wie teuer Prävention ist, sie ist immer günstiger als das, was kommt, wenn man sie vernachlässigt“, sagt Fangerau. Ein Beispiel sei die Cholera-Epidemie 1892 in Hamburg. Lange hatte man sich gewehrt, ein Wasserwerk zu bauen – der Kosten wegen. Später habe man gejammert: „Das hätte uns viel weniger gekostet als diese Epidemie.“

Die Corona-Pandemie müsste ein gesundheitspolitisches Umdenken nach sich ziehen: „Nicht an der Vorsorge sparen“, lautet der Vorsatz. Für Anselm Bönte, Kinderarzt aus Köln, ist die Prävention ebenfalls der Schlüssel zur Vermeidung künftiger Überlastungen des Gesundheitssystems. Vor allem in die „Ausbildungsqualität müsste investiert“ werden. Eine höhere Bezahlung könnte den Pflegeberuf attraktiver machen. „Die Personaldecke ist zu dünn. Was nutzt ein modernes Beatmungsgerät, wenn es keiner bedienen kann?“

Tierhaltung verändern, um kommende Pandemien zu vermeiden

Virologen gehen davon aus, dass bestimmte Viren, die dem Menschen eigentlich nicht gefährlich werden können, sich über Tierpassagen zu Mutationen verändern, die dem Menschen dann doch Schaden zufügen. Bekannte Beispiele hierfür sind die Tollwut, die Pest, Ebola, HIV, West-Nil, Vogelgrippe, Sars, Mers und jetzt eben Sars-CoV-2. Zu derlei Mutationen komme es laut Fangerau vor allem dann, wenn Menschen und Tiere auf engem Raum leben.

„Deshalb – das klingt banal, ist aber eine historische Lehre – muss der Mensch die Haltungsbedingungen seiner Nutztiere verbessern und dann auch überwachen“, sagt Fangerau. Wer Massentierhaltung und enge Märkte mit lebenden Tieren nicht abschaffe, der bekomme es auf Dauer mit immer wieder neuen Pandemien zu tun. Die Zerstörung der Natur durch die Abholzung von Wäldern, Straßenbau in entlegenste Gebiete, Anbau von Palmöl und Soja sowie die Intensivierung der Tierhaltung ist also nicht bloß ein Umweltproblem, sondern auch eines, das die Gesundheit der Weltbevölkerung betrifft.

Wer selbst seinen Teil zur Verhinderung künftiger Pandemien beitragen will, der hat als Verbraucher auch Einflussmöglichkeiten: Kauf von regionalen Produkten aus biologischer Landwirtschaft, Verzicht auf Palmöl und Regenwaldgehölze.

Auf Selbstkontrolle und Aufklärungskampagnen setzen

Restaurantbesuch nur mit Abstand, Einkaufen nur mit Maske – viele Menschen sehen ihre Freiheiten während der Corona-Pandemie eingeschränkt. So lange den Einschränkungen aber eine größtmögliche Freiheit beim Austausch von Informationen entgegensteht, sieht Heiner Fangerau die Funktionstüchtigkeit der Demokratie nicht in Gefahr. Eine gut informierte Gesellschaft könne sich zum Teil auch wirksam selbst kontrollieren, sagt Fangerau und weist auf die Erfolge der Aufklärungskampagnen nach dem Ausbruch von Aids hin.

„Damals gab es Politiker, wie zum Beispiel den Rechtsnationalen Jean-Marie Le Pen aus Frankreich, die sprachen davon, man müsse alle Aidskranken einsperren. Das wurde aber zum Glück nicht Realität. Der Ausbruch wurde mit Aufklärungskampagnen gestoppt, die an die Selbstverantwortung appelliert haben. Das war bei der Aids-Pandemie sehr erfolgreich.“

Erfolgversprechende Medikamente wie Remdesivir testen

Entspannung verspräche ein Medikament, mit dessen Hilfe sich schwere Krankheitsverläufe mildern ließen. Das internationale Konsortium zur Erforschung des Präparats Remdesivir ist optimistisch, das Medikament „binnen Wochen oder weniger Monate zur Verfügung“ stellen zu können, sagte Gerd Fätkenheuer dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Fätkenheuer ist deutscher Studienleiter des Konsortiums zur Erforschung von Remdesivir. Bei dem Präparat handelt es sich um ein „abgelegtes“ Ebola-Medikament. Der Wirkstoff dringt in Viren ein und verhindert so ihre Vermehrung. „Wir können sagen: Remdesivir wirkt“, sagt Fätkenheuer. Wesentliche Nebenwirkungen seien bislang nicht bekannt.

Impfung – erst medizinisches Personal, dann Senioren, dann alle anderen

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, hält konkre­te­re Fortschritte bei der Impfstoffentwicklung gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 bis zum Jahreswechsel für möglich. „Falls klinische Prüfungen positiv ausfielen, unterhalten wir uns gegen Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres darüber, wie man in Richtung einer Zulassung kommt“, sagte Cichutek dem Mannheimer Morgen.

Nicht alle Forscher und Mediziner sind derart optimistisch. Für Kinderarzt Anselm Bönte aus Köln ist Geduld eine Voraussetzung für einen „modernen und sicheren Impfstoff.“ Bönte rechnet „mit der Zulassung einer solchen Impfung vielleicht Mitte nächsten Jahres.“ Liegen Impfstoffe vor, sollten zunächst Ärzte und medizinisches Personal geimpft werden, dann Senioren und Vorerkrankte und im Anschluss gesunde Erwachsene sowie Kinder. Eine Herdenimmunität könne nur erreicht werden, „wenn möglichst viele geimpft werden, auch diejenigen, die nicht oder nur selten erkranken“, sagt Bönte.

Die Zeit bis zur Neuentwicklung eines Impfstoffes könnte möglicherweise auch ein alter Impfstoff überbrücken. In einer Studie untersuchen vier deutsche Kliniken unter der Leitung der Medizinischen Hochschule Hannover, ob ein Impfstoff gegen Tuberkulose indirekt auch einen Schutz vor einer Infektion mit dem neuen Coronavirus bietet. An Mäusen konnte ein gewisser Schutz schon nachgewiesen werden. Und auch die weniger hohen Fallzahlen in Ostdeutschland könnten darauf schließen lassen, dass der Impfstoff Wirkung zeigt. In der ehemaligen DDR war die Impfung gegen TBC nämlich Pflicht.

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Händeschütteln könnte Corona gänzlich zum Opfer fallen

Was gegen Pandemien eigentlich immer hilft, ist Hygiene. Das zeigen dem Medizinhistoriker Heiner Fangerau ein paar kurze Blicke in die Geschichte. Seit sich Hebammen 1847 die Hände mit Chlorkalk wuschen, ging die Müttersterblichkeit erheblich zurück. Bei der Choleraepidemie 1892 in Hamburg half der Einsatz von Desinfektionsmitteln in den Straßen und ein anschließend gebautes Wasserwerk.

Als einzig wirksamer Schutz gegen die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit Aids erweist sich noch heute Sex mit Kondom, saubere Spritzen für Fixer und sterile Nadeln bei Bluttransfusionen. Aber auch einige unappetitliche Gewohnheiten gehören dank dem Ausbruch von Seuchen der Vergangenheit an. „Erinnern Sie sich an die Kultur des Auf-den-Boden-Spuckens im Western? Kampagnen zur Bekämpfung der Tuberkulose haben bewirkt, dass man das nicht mehr macht.

„Vielleicht könnte mit Corona nun auch das Auf-den-Boden-Rotzen im Fußball verschwinden.“ Und das Handschütteln? Fangerau fürchtet, auch diese „schöne Kultur des Friedens“ könnte Corona zum Opfer fallen. „Das ist aber eine Hypothese. Bisher hat keine Pandemie dazu geführt, dass man sich in Europa nicht mehr umarmt.“ Aber – und das verbindet Fangerau mit einer Hoffnung – vielleicht könnte das Fehlen von Seife auf den Schultoiletten in Zukunft tatsächlich der Vergangenheit angehören.

 

Quellen