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Zahnschienen aus dem Internet: Wie empfehlenswert sind sie?

Aligner sind dünne Kunststoff-Schienen, die viel unauffälliger für gerade Zähne sorgen als die klassische Spange, aber deutlich teurer sind. Seitdem das Patent der Erfinder ausgelaufen ist, versprechen Internet-Anbieter Schnäppchenpreise. Allerdings gehen sinkende Preise fast immer mit einem eingeschränkten Service einher. Und Kritiker warnen: Das Risiko wächst, dass die Behandlung schiefgeht.

„Gerade Zähne schon ab 26 Euro pro Monat, in drei bis sieben Monaten, jederzeit ärztlich betreut” oder „Dein perfektes Lächeln mit einer Zahnschiene vom Testsieger ab 33 Euro monatlich”. Dazu strahlende junge Menschen, die entspannt in die Kamera lächeln. Was einem auf den verschiedensten Social-Media-Kanälen präsentiert wird, klingt nach tollen Angeboten.

30 Euro im Monat: Die werde ich ja wohl noch zusammenkriegen. Leider ist es jetzt allerdings so wie bei vielen vollmundigen Werbeversprechen: Von der angeblichen „Bestpreisgarantie” sollte man sich nicht blenden lassen. Die Qualität der ärztlichen Betreuung scheint längst nicht immer gesichert und in schlimmen Fällen kann die angepriesene Behandlung schwerwiegende Folgen haben.

Was sind Aligner – und warum sind sie so teuer?

Hinter dem Versprechen eines perfekten Lächelns steckt oft ein Angebot zur Behandlung mit sogenannten Alignern. Das sind dünne Schienen aus Plastik, die über die Zähne gezogen werden, um Fehlstellungen zu korrigieren. Das Prinzip: Etwa alle zwei Wochen wird eine neue Schiene eingesetzt, bis alle betroffenen Zähne ihre Zielposition erreicht haben.

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Die Schienen gibt es nicht „von der Stange”, sie werden individuell angepasst. Jede einzelne Schiene wird aus Kunststoff gefräst.

Die Zahnschienen sind durchsichtig, also viel unauffälliger als die klassische Spange. In den vergangenen Jahren sind Aligner sehr populär geworden – insbesondere bei Menschen, die dem üblichen Zahnspangenalter längst entwachsen sind. Anders als feste Zahnspangen lassen sich die Schienen jederzeit aus dem Mund nehmen. Sie zeigen schneller Wirkung, wenn man sie rund um die Uhr trägt und nur zum Essen herausnimmt; aber nicht bei jeder Art der Behandlung ist das zu empfehlen.

Die Schienen gibt es nicht „von der Stange”, sie werden individuell angepasst. Jede einzelne Schiene wird aus Kunststoff gefräst. Dadurch sind Aligner deutlich teurer als klassische Zahnspangen. Gesetzliche Krankenkassen beteiligen sich grundsätzlich nicht an den Kosten. Bei erwachsenen Patientinnen und Patienten mit anderen Zahnspangen tun sie das allerdings auch nur in Ausnahmefällen, daher fällt das oft nicht weiter ins Gewicht. (siehe „Was zahlt die Krankenkasse?”)

Nur in Zusammenarbeit mit Fachpersonal

Ende der 1990er Jahre hat die US-Firma Align Technology die Zahnschienen entwickelt. Ursprünglich ließ sich das Unternehmen seine Aligner patentieren. Das Patent ist aber 2017 ausgelaufen. Seither gibt es mehr als diesen einen Anbieter, die Online-Start-ups sind wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Ihr Geschäftsmodell: Weil sie die Aligner übers Internet vertreiben, sinken die Preise.

Der ursprüngliche Hersteller hatte die Aligner ausschließlich in Zusammenarbeit mit Fachpersonal angeboten. So beschreibt Konstantin von Laffert, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, die Entwicklung: „Der Patient ging zum Kieferorthopäden oder zum kieferorthopädisch versierten Zahnarzt, und dieser begleitete ihn dann durch die Behandlung.” Diese Begleitung bieten Online-Anbieter nicht im gleichen Umfang an. Das Risiko, dass bei der Behandlung etwas schiefläuft, steigere das erheblich, so von Laffert.

Was ist bei den Online-Anbietern anders?

Er fordert Verlaufskontrollen und eine ausführliche und professionell durchgeführte Diagnostik, bevor die Zahnschienen gesetzt werden. Denn ein vorgeschädigtes Kiefergelenk, Parodontitis und auch ein Implantat stehen dem Einsatz von Alignern oft im Wege oder schränken ihn ein.

„Ist ein Zahn wacklig, der Knochen schon zurückgegangen, kann es sein, dass ich ihn in ein paar Wochen ganz entferne, wenn ich ihn hin- und herbewege.” Ähnlich sei es mit Zahnimplantaten: Versuche man diese zu verschieben, „ist die Gefahr groß, dass sie Probleme machen – und vielleicht sogar verloren gehen”.

Im Detail unterscheiden sich die Angebote der verschiedenen Online-Vertreiber. Einer der großen Player bestellt die Patientinnen und Patienten vor Behandlungsbeginn zum 3-D-Scan in eine Partnerpraxis. Auch manch andere Anbieter bieten diese Option an – alternativ aber die Möglichkeit, den Abdruck selbst vorzunehmen.

Dazu kann man sich eine „Zahnabdruckbox” nach Hause schicken lassen. Zum Inhalt gehört laut Webseite neben vier Abdrucklöffeln und zwölf Behältern mit zwei verschiedenen Arten von Abdruckmasse eine „leicht verständliche Anleitung”.

Wie groß sind die Unterschiede bei den Kosten?

Online-Anbieter von Alignern werben gerne mit ihren Preisen, sie stellen sie offensiv auf ihre Webseiten. Bei einem Anbieter geht’s mit 1.790 Euro für eine „leichte” Behandlung los, eine „komplexe” schlägt mit 3.990 Euro zu Buche. Bei einem preiswerteren Wettbewerber kostet die leichte Behandlung 1.590 Euro, die komplexe 2.790 Euro (jeweils Stand 3.11.23). Neben Einmalzahlungen bieten sie oft auch Ratenzahlung an („Zahle bequem in 6 bis 72 Monatsraten”).

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Konstantin von Laffert geht „von einer Spanne von 2.500 bis 4.500 Euro für eine Alignertherapie beim Kieferorthopäden aus“.

Und was kosten die klassischen Behandlungen beim Kieferorthopäden? Nach Angaben von Prof. Peter Proff, Kieferspezialist an der Universitätsklinik Regensburg, liegen die Kosten je nach Umfang bei bis zu 5.000 Euro. Konstantin von Laffert schränkt ein, die Frage sei schwer zu beantworten, da es immer auf den Fall und eventuelle Komplikationen ankomme. Er gehe allerdings „von einer Spanne von 2.500 bis 4.500 Euro für eine Alignertherapie beim Kieferorthopäden aus“.

Was sagen Verbraucherzentralen zu den Online-Angeboten?

Im Jahr 2021 haben die Verbraucherzentralen NRW und Rheinland-Pfalz vier große gewerbliche Aligner-Anbieter näher untersucht. Geprüft wurde unter anderem, zu welchen Bedingungen Verbraucherinnen und Verbraucher bei diesen Unternehmen Verträge abschließen und welche Folgen die jeweilige Geschäftskonstruktion haben kann. Geprüft wurden Kostenangaben, Kontaktmöglichkeiten, die Behandlungskontrolle und Widerrufsmöglichkeiten sowie das Marketing der Anbieter.

Übrigens

Die Verbraucherschützer ziehen das Fazit, dass die eingeschränkte Betreuung von Patientinnen und Patienten zumindest als „problematisch” anzusehen ist.

Dabei kam einerseits heraus, dass man den Versprechen der Anbieter grundsätzlich kritisch gegenüberstehen sollte, schließlich werde im Internet „für die Aligner-Behandlungen mit anpreisenden und teils irreführenden Werbebotschaften“ geworben. Die Webseiten der untersuchten Anbieter seien „längst nicht so transparent wie ihre Zahnschienen”. Gegen einige der irreführenden Aussagen sind die Verbraucherzentralen rechtlich vorgegangen.

Eine medizinische Bewertung der Behandlung mit Alignern nehmen die Verbraucherzentralen ausdrücklich nicht vor. Allerdings ziehen sie das Fazit, dass die eingeschränkte Betreuung von Patientinnen und Patienten – sie sprechen von einem „kontakt-reduzierten Modell” –  zumindest als „problematisch” anzusehen ist.

Nicht vorzeitig einem Vertrag zustimmen

Auf Nachfrage, was im Zusammenhang mit Alignern aus dem Internet grundsätzlich zu empfehlen ist, sagt die Verbraucherzentrale NRW: Zuerst solle man „das Gleiche bedenken wie bei festen Zahnspangen: Ist eine Korrektur wirklich notwendig – oder geht es um rein ästhetische Aspekte? Wären ohne Behandlung wirklich gesundheitliche Nachteile zu befürchten?” Sei diese Entscheidung gefallen, gelte es, Angebote zu vergleichen und nicht vorschnell einem Vertrag zuzustimmen. „Lassen Sie sich nicht zu etwas drängen.”

Die Verbraucherzentrale NRW verweist auch auf zahnärztliche Richtlinien. Danach setzt die Durchführung jeder kieferorthopädischen Behandlung „eine dem jeweiligen Behandlungsfall entsprechende Patientenuntersuchung sowie die Erhebung, Auswertung und ärztliche Beurteilung von Befundunterlagen voraus”. Aus diesen Daten habe der „Zahnarzt persönlich und eigenverantwortlich eine Behandlungsplanung zu erarbeiten”. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten darauf achten, bevor sie einen Vertrag unterschreiben.

Besonderes Augenmerk sei weiterhin auf die Kosten zu legen, insbesondere was die Ratenzahlung angeht: „Häufig wird mit günstigen Monatsraten geworben, was am Ende trotzdem zu einer teuren Angelegenheit werden kann.”

Bekommen Laien einen Zahnabdruck selbst hin?

„Die Internet-Anbieter müssen kaum Fachpersonal bezahlen und keine Praxen anmieten”, so von Laffert. „Wenn man das bedenkt, wundert es mich, dass die Behandlung bei denen immer noch so viel Geld kostet.” Und es empört ihn geradezu, dass immer noch Zahnabdrucksets verschickt werden: „Das ist für mich das unterste Regal. Wenn ich an mein Studium denke: Wie lange habe ich gebraucht, um den ersten halbwegs vernünftigen Abdruck hinzubekommen! Ein Patient, der noch nie etwas mit Zahnmedizin zu tun hatte, kriegt das nicht hin.”

„Ein Patient, der noch nie etwas mit Zahnmedizin zu tun hatte, kriegt einen Zahnabdruck nicht hin.”

Die Verbraucherzentralen verweisen übrigens auf ihr Portal „Kostenfalle-Zahn.de“, bei dem man sich informieren und beschweren kann.

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Ihre Empfehlung, auf einen Behandlungsplan zu pochen, den eine Zahnärztin oder ein Zahnarzt persönlich und eigenverantwortlich erstellt hat.

Eine klare Absage wollen die Verbraucherzentralen den Anbietern nicht machen, mahnen aber zur Vorsicht. Ihre Empfehlung, auf einen Behandlungsplan zu pochen, den eine Zahnärztin oder ein Zahnarzt persönlich und eigenverantwortlich erstellt hat, ist sicher gut gemeint – dürfte aber im konkreten Fall längst nicht immer umsetzbar zu sein.

Zahnarzt Konstantin von Laffert, der in Hamburg eine eigene Praxis betreibt, findet da deutlichere Worte: „Ich kann es niemandem empfehlen, solch eine Fernbehandlung machen zu lassen”, sagt er pauschal über die Angebote der Online-Unternehmen. Es gebe zwar feine Unterschiede zwischen den Anbietern. Aber es gehöre quasi zur Geschäftsidee, dass man Diagnostik und Verlaufskontrollen vernachlässige.

Quellen

Markus Düppengießer

Autor

Markus Düppengießer, Journalist und Lektor, lebt in Köln. Früher schrieb er vor allem für Tageszeitungen, heute für verschiedene Fachmedien (on- und offline) aus den Bereichen Gesundheit und Personalwesen, für ein Straßenmagazin und eine Kinderzeitung. Zudem ist er Dozent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.