Sehstörungen – das Auge selbst ist häufig gar nicht die Ursache

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Wenn mit dem Auge irgendetwas nicht stimmt, liegt es am Auge – meinen viele. Aber das muss nicht stimmen, die Vielfalt der Sehstörungen ist riesig, die Ursachen unterscheiden sich stark und haben längst nicht nur mit dem Auge zu tun. Was verbirgt sich hinter unterschiedlichen Sehproblemen? Wann sollte man sich Sorgen machen und direkt zum Arzt – und wann handelt es sich um normale Alterungsprozesse? Wir geben einen Überblick über ein komplexes Feld.

von Tim Farin

 

  1. Gang zum Augenarzt ist angebracht
  2. Schilddrüsenprobleme führen zu trockenen Augen
  3. Psychische Probleme lassen Augenlider weniger schlagen
  4. Plötzlich Probleme mit den Kontaktlinsen – wegen der Wechseljahre
  5. Wegen Migräne und Kopfschmerzen eine „Aura“ sehen
  6. Nachtblind wegen Vitaminmangels
  7. Was ist, wenn wir Sterne sehen?
  8. Plötzliche Blitze? Ab zum Arzt!
  9. Makuladegeneration führt zu Gesichtsfeldausfällen
  10. Fehlsichtigkeit bleibt das allerhäufigste Sehproblem

 

Das Auge ist zentral für die Sinneswahrnehmung – Sehstörungen bereiten uns deshalb besondere Sorgen. Im Laufe des Lebens haben fast alle Menschen Probleme mit der Optik. In aller Regel stecken Kurzsichtigkeit (Myopie) oder Weitsichtigkeit (Hyperopie) dahinter – die normalen Verschleiß- und Alterungsprozesse also, die die Brille irgendwann notwendig werden lassen.

Aber nicht immer ist der Augen-Glaskörper mit seinen Funktionen ursächlich für die Sehstörung. Die Gründe können vielfältig sein, so treten Sehbeschwerden auch auf:

  • aus genetischen Gründen
  • bei Allergien
  • bei psychischen Krankheiten
  • bei Bluthochdruck
  • bei Nackenproblemen.

Gang zum Augenarzt ist angebracht

Mal sind es vorübergehende Irritationen, mal schwerwiegende Krankheiten an anderen Organen. Für die Betroffenen ist die Ursache kaum abschätzbar. „Wann immer jemand das Gefühl hat, dass Sehprobleme auftreten, ist der Gang in die Augenarztpraxis angebracht“, sagt Dr. Ludger Wollring, Sprecher beim Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA) und als Ärztlicher Leiter an der Augenklinik Altenessen tätig.

Die Vielfalt der Sehstörungen sei so groß, „dass wir eine sorgfältige Anamnese und Diagnostik betreiben müssen, um der Sache auf den Grund zu gehen und auch mit Fachärzten aus anderen Disziplinen zusammenarbeiten“.

Im Folgenden finden Sie eine Übersicht über einzelne Symptome und deren mögliche Ursache.

Schilddrüsenprobleme führen zu trockenen Augen

Die Symptome: Sehstörungen haben oft mit Tränen zu tun. Wenn die Mischung aus Salzwasser und Fett nicht regelmäßig genug auf den Augen aufgetragen wird, folgen zwangsläufig Sehprobleme. Das liegt häufig daran, dass die Durchblutung der Schleimhäute abnimmt, die Folge zeigt sich dann unter anderem in den Augen.

Mögliche Ursachen: Menschen mit Schilddrüsenproblemen, Diabetiker oder Rheumatiker haben hier oft Probleme, weil ihre Schleimhäute eben nicht genug der benötigten Flüssigkeit produzieren. Es kann aber auch an trockener Heizungsluft liegen oder an konstantem Windzug, dass das Auge sich trocken anfühlt und mitunter gar den Eindruck erweckt, dass Sand oder ähnliche Fremdkörper den Blick stören.

Häufig passiert das aber auch infolge von Entzündungen am Augenlid oder an den Tränendrüsen. Egal, wo die Ursache liegt, in vielen Fällen trocknet das Auge aus, weil der Tränenfilm nicht mehr reicht. „Bei manchen reißt der Tränenfilm schon nach wenigen Sekunden auf, das ist wie das Quietschen der Kreide auf der Tafel“, sagt Augenarzt Wollring.

Mögliche Therapien: Schilddrüsen-Funktionsstörungen ziehen oft Probleme mit dem Sehen nach sich. Entweder gibt es weniger Tränenfilm oder die Lidspalte ist größer. Die meisten dieser Probleme sind mit Tropfen – auch Tränenfilm-Stabilisatoren genannt – zu lösen, die man einige Male am Tag ins Auge träufelt. „Das ist wie die Creme auf der trockenen Haut im Winter.“

Wer ist der richtige Co-Experte? Mit Schilddrüsen-Funktionsstörungen geht man in aller Regel erst einmal zum Hausarzt, er muss dann die Therapie für die organische Ursache vornehmen.

Psychische Probleme lassen Augenlider weniger schlagen

Die Symptome: Stress, erhebliche Anstrengungen oder eine lange, starre Konzentration auf eine Sache können dazu führen dazu, dass die Augenlider weniger schlagen und der Tränenfilm weniger wird. So folgen auch hier Sehstörungen. „Allerdings entsteht durch diese Beschwerden keine langfristige Schädigung am Auge“, beruhigt Wollring. Eine Studie der Universität Magdeburg allerdings schlussfolgerte 2018, dass anhaltender psychischer Stress „wesentlich und ursächlich zu einer Sehverschlechterung“ beitragen könne.

Mögliche Ursachen: Die Augen spiegeln die Seele. Auch das ist ein Grund für Sehstörungen. Wer dauerhaft gestresst ist, also unter Einfluss von Stresshormonen steht, bei dem verändert sich auch etwas an den körperlichen Prozessen. Sehstörungen und die Psyche, auch das ist häufig ein Thema, mit dem sich die Augenärzte konfrontiert sehen.

Expertenmeinung: Dr. Wollring sagt, dass viele psychisch erkrankte Menschen ein erhöhtes Maß an Sensibilität für vermeintliche Sehprobleme zeigen. Es kann sein, dass harmlose Sehschwierigkeiten oder vorübergehende optische Probleme die Patienten beunruhigen oder dass die eigentlichen Beschwerden nicht im Sehkörper zu verorten sind.

Wer ist der richtige Co-Experte? „Auch wir Augenärzte schicken manchmal Patientinnen und Patienten zum Psychiater, weil die beschriebenen Probleme nicht auf organische Ursachen zurückzuführen sind“, sagt Wollring. „Panikattacken und Krisensituationen im persönlichen Erleben führen zu seelischem Stress, der auch zu wahrgenommenen Sehstörungen führt.“ Aber auch tatsächliche psychosomatische Verschlechterungen der Sehleistung sind längst Thema der Forschung.

Plötzlich Probleme mit den Kontaktlinsen – wegen der Wechseljahre

Die Symptome: Wenn beispielsweise mit der Menopause der Östrogenspiegel sinkt, dann reduziert der Körper auch die Befeuchtung der Augen. Das bedeutet mitunter, dass die Augen nicht mehr mit Kontaktlinsen klarkommen, die zur Korrektur von Sehschwächen seit Jahren getragen werden.

Mögliche Ursachen: Es ist mitunter ein komplexes Zusammenspiel, etwa, wenn es um die weiblichen Hormone im Zuge von Verhütung, Schwangerschaft, Geburt und Wechseljahren geht. Hier hat der Wandel im Hormonspiegel mit dem weiblichen Hormon Östrogen erheblichen Einfluss.

Mögliche Therapien: So folgt ein Sehproblem auf das nächste, allerdings bietet eine Brille eine ebenso gute Korrekturmöglichkeit der eigentlichen Sehstörung.

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Wegen Migräne und Kopfschmerzen eine „Aura“ sehen

Die Symptome: Die Betroffenen sehen eine „Aura“ oder haben das Gefühl von eingeschränktem Sehen.

Mögliche Ursachen: Bei Migräne ist im Auge selbst üblicherweise kein Schaden zu finden. Allerdings liegt das an Gefäßeinschränkungen im Kopf.

Wer ist der richtige Co-Experte? Geht es um Kopfschmerzen oder Migräne, ist zuerst der Besuch beim Hausarzt oder Neurologen angezeigt.

Expertenmeinung: Kopfschmerzen können aber auch vom Auge herrühren: Wenn jemand eine starke Sehhilfe bräuchte, aber ohne Brille lebt, dann strengt das das Auge an, Kopfschmerzen können die Folge sein. Kinder, die nach der Schule mittags über Kopfschmerzen klagen, aber am Wochenende nie, haben vermutlich eine Weitsichtigkeit. Hier ist die Sehhilfe die Lösung.

Nachtblind wegen Vitaminmangels

Die Symptome: Wird es dämmerig oder dunkel passt sich das Auge normalerweise an die Situation an. Menschen, die mit Nachtblindheit zu kämpfen haben, sehen dagegen wenig oder gar nichts.

Mögliche Ursachen: „Die Nachtblindheit tritt hierzulande kaum als echte Erkrankung auf“, sagt Wollring. „Die vermeintliche Nachtblindheit ist oft nur eine Frage der Sehhilfe, wenn wir im Dunklen große Pupillen haben und hierbei unsere Sehschwächen erst recht bemerken“.

Expertenmeinung: Die echte Nachtblindheit entsteht durch einen Vitaminmangel, der hierzulande kaum vorkomme.

Was ist, wenn wir Sterne sehen?

Die Symptome: Eine völlig andere Sehstörung liegt vor, wenn wir Sterne sehen.

Mögliche Ursachen: Das passiert häufig, wenn Menschen sich den Kopf stoßen, einen Schlag abbekommen oder auch schnell von der einen zur anderen Seiten sehen. Bei jungen oder jugendlichen Menschen füllt der so genannte Glaskörper das Auge komplett aus. Mit der Zeit schrumpft aber der Glaskörper, so dass er sich im Auge ein bisschen wabbelnd bewegen kann. Bei einem Schlag gegen den Kopf oder ruckartigen Bewegungen knallt der Glaskörper auf die Netzhaut, die allerdings für derlei Belastungen nicht ausgelegt ist. Sie hat nur Nervenzellen für Licht. Druck kann sie nicht feststellen. Die Nervenzellen senden also einen Lichtimpuls über den Sehnerv, wo eigentlich nur Druck auf die Netzhaut kommt. So sehen wir Sterne, obwohl wir Druck spüren sollten.

Plötzliche Blitze? Ab zum Arzt!

Die Symptome: Wenn etwa die Sehschärfe plötzlich nachlässt, wenn Menschen auf einmal Doppelbilder sehen oder den so genannten Rußregen, wenn es blitzt oder wenn starke Schmerzen im Auge auftreten, solle man nicht lange zögern und einen Experten aufsuchen.

Mögliche Ursachen: Wenn Menschen plötzlich Blitze sehen, kann das daran liegen, dass der Glaskörper mit der Netzhaut verklebt war und durch einen Schlag oder einen anderen Impuls von dieser Stelle abreißt. Dann gibt es Schäden an der Netzhaut. Dieses Problem schreitet voran, wenn es nicht behandelt wird. Die Ursache könnte aber auch eine andere sein: „Hier geht es darum, das Problem sofort abzuklären. Einen Schlaganfall, ein Problem mit den Arterien muss man sofort angehen. Hier bleibt keine Zeit fürs Abwarten“, mahnt Wollring.

Mögliche Therapien: „Sehen die Betroffenen Blitze, dann ist es wichtig, die Ursache zu finden. Ist es tatsächlich ein Abriss, so kann man den Riss heute gut mit dem Laser abriegeln, sodass das Problem nicht schlimmer wird“, sagt Wollring.

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Makuladegeneration führt zu Gesichtsfeldausfällen

Die Symptome: Mit dem Alter zunehmend wahrscheinlich sind Sehstörungen, die zu so genannten zentralen „Gesichtsfeldausfällen“ führen. Hierbei erkennen die Betroffenen in der Mitte ihres Blickfeldes nichts mehr genau oder sehen verzerrt. Dieses Problem ist für Millionen Menschen in Deutschland mit dem Altersprozess ein plagendes Beispiel von Sehstörungen.

Mögliche Ursachen: Die „altersbedingte Makuladegeneration“ (AMD) gilt als häufigste Ursache für eine schwere Sehbehinderung. Sie ereignet sich durch ein Absterben der Nervenzellen in der Netzhautmitte. Zwei Formen der AMD gibt es: die so genannte „feuchte“ und die „trockene“ Makuladegeneration. Die häufigere, trockene Variante tritt auf, wenn sich Abfallprodukte des Stoffwechsels im Auge ansammeln.

Mögliche Therapien: Hier fehlte bis vor Kurzem eine Therapiemöglichkeit, sodass ein schleichendes Erblinden sehr wahrscheinlich ist. Inzwischen gibt es allerdings medikamentöse Ansätze, um den Verlust des Sehvermögens zu stoppen. Gut gelingt das sogar schon bei der feuchten AMD, wo mit einer regelmäßigen Medikamenten-Injektion ins Augeninnere der Verfall gestoppt wird.

Fehlsichtigkeit bleibt das allerhäufigste Sehproblem

Nach wie vor am häufigsten aber treten Sehprobleme in Form von Fehlsichtigkeiten auf. Bei der Hyperopie (Weitsichtigkeit) sehen die Betroffenen die nah vor ihnen liegenden Gegenstände unscharf oder haben Probleme beim Lesen, bei der Myopie (Kurzsichtigkeit) verschwimmen die Objekte in der Ferne.

Die Ursachen dafür liegen wie schon bei der Makuladegeneration im Auge selbst. Grund ist die Form des Augapfels im Verhältnis zur Brechkraft des Auges. Auch die so genannte Hornhautverkrümmung führt dazu, dass Menschen unscharf sehen.

„Wenn man zur Weitsichtigkeit neigt, kann man sich da im jungen Alter noch ganz gut helfen“, erläutert Augenärztesprecher Wollring. „Wir haben eine elastische Linse im Auge, die man durch Akkommodation ein wenig verstellen kann“. Die Akkommodation ist die Fähigkeit, über Muskelkraft im Auge die Form der Linse anzupassen und so das durchtretende Licht anders zu brechen.

Doch mit den Jahren wird die Linse härter, und so brauchen selbst ansonsten kerngesunde Menschen irgendwann ab dem 40. bis 43. Lebensjahr eine Lesebrille. Normal sehen kann das Auge schon, aber die Naheinstellung funktioniert dann nicht mehr.

 

Quellen