Schreibabys: Ruhe und Langeweile beruhigen das Baby

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Babys, die in den ersten Monaten ihres Lebens viel schreien, belasten Mütter und Väter. Welche Gründe dahinterstecken und wie Eltern ihre Jüngsten am einfachsten beruhigen – Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen und ein Kinderarzt geben Tipps.

Von Claudia Lehnen

 

Zum Impftermin habe ein Vater einmal einen Föhn mitgebracht. Sein Sohn, so die Erfahrung, beruhige sich am besten beim monotonen Rauschen des Haartrockners. Auch dem Impfeinstich wollte das Elternteil mit dem Dröhnen den Schrecken nehmen. Kinderarzt Anselm Bönte aus Köln hat dem Vater dann erfolgreich abgeraten. In der Tat könne man manche Säuglinge durch das sogenannte weiße Rauschen beruhigen, für den Kinderarztbesuch erschien ihm die Föhntechnik dann aber doch weniger geeignet.

Babys können sich nur durch Schreien Aufmerksamkeit verschaffen

Die wichtigste – und für viele Eltern beruhigende Nachricht kommt ganz zu Beginn: Alle Babys schreien. Das Gebrüll beunruhigt Vater und Mutter, es gehört aber zu den wichtigsten Ausdrucksmitteln eines Säuglings. Ob Hunger, Durst, volle Windel, Nähebedürfnis, zu kalt, zu warm, Müdigkeit, Langeweile – was auch immer das Neugeborene bewegt, seine nahezu einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, ist das Schreien.

„Es ist die Sprache des Kindes“, sagt Kathleen Grüter, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin von der Schreiambulanz in Köln. Statistisch gesehen schreit das Baby etwa um die sechste Lebenswoche herum am meisten, im Schnitt laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) etwa 2,5 Stunden am Tag. Bis zum Alter von drei Monaten spricht man laut Grüter von einer neurologischen Unreife, „alle Babys schreien da mehr oder weniger gleich viel“.

Erst wenn das Kind auch danach über drei Wochen hinweg, mehr als drei Tage in der Woche, mehr als drei Stunden brüllt, spräche man laut einer wissenschaftlichen Definition von einem „Schreibaby“. Das sei laut Grüter bei etwa jedem zehnten Kind der Fall. Selbstverständlich werde auch denjenigen jungen Familien geholfen, auf die diese Definition nicht zuträfe.

Blähungen als Folge verrichteter Schwerstarbeit

Viele Eltern von Schreibabys seien in Sorge, dass das Kind körperlich leide, sagt Kinderarzt Bönte. Und natürlich gebe es somatische Gründe wie eine Infektion oder eine Entwicklungsstörung. Aber schon Verdauungsstörungen würden Schreibabys eher nicht von etwas friedlicheren Gleichaltrigen unterscheiden, sagt Bönte: „Die meisten Babys haben Blähungen.

Das ist auch nicht verwunderlich. Würde ein Erwachsener in Relation zu seinem Körpergewicht so viel Milch trinken wie ein Baby, dann müsste er zwölf Liter am Tag zu sich nehmen, das ist Schwerstarbeit,“ sagt Bönte. Dennoch zeigten ältere Studien, dass Schreibabys nicht mehr Darmgas im Leib haben als andere Säuglinge. Man geht deshalb davon aus, dass Babys, die viel schreien, sensibler als ihre Altersgenossen sind und deshalb empfindlicher reagieren.

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Mit diesen Tipps beruhigen Sie ihr schreiendes Kind

Ruhe:

Wer sein schreiendes Baby beruhigen will, kommt deshalb am ehesten weiter, wenn er sich der Sache seelisch nähert. Erstmal, so sagt auch Kinderarzt Anselm Bönte, sei es wichtig zu akzeptieren, dass nach der Geburt eines Babys erstmal die große Langeweile und Ruhe ins Leben Einzug halte. Sehr junge Mütter, die gewohnt waren, sich bei Partys und auf Reisen auszutoben, hätten damit ebenso Schwierigkeiten wie etwas ältere Paare, deren Alltag durch den Job sehr abwechslungsreich gewesen sei.

„Der Alltag mit Baby ist geprägt von Füttern, Wickeln, Spaziergängen, Schlafen. Erstmal passiert da nicht sehr viel mehr. Und das ist auch gut so“, sagt Bönte. Viel Besuch, ständige Ortswechsel, Reizüberflutungen in der Einkaufsstraße sollten Eltern in den ersten Wochen und Monaten besser vermeiden. Möglichst unaufgeregte tägliche Routinen lassen das Baby dagegen zur Ruhe kommen.

Warum vor allem die Zeit kurz nach der Geburt entscheidend ist, erfahren Sie in unserem Artikel: „Die ersten Lebensstunden sind die wichtigsten“.

Körperkontakt:

Die Nähe zur vertrauten Person beruhigt viele Kinder. Gerade in der „Bauch zu Bauch“-Stellung, am besten in einem Tragetuch, fühlten sich Babys an ihre Zeit im Mutterleib erinnert – sie hören Atmung und Herzschlag der Mutter, spüren durch das Tuch eine Begrenzung und würden durch die Bewegungen der Mutter sanft geschaukelt.

„Die Mutter vermittelt ihrem Kind dadurch: Bei mir findest du Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit“, sagt Mona Willke, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin von der Schreiambulanz Köln. Auch streicheln und sanfte Massagen des Bauches oder des Rückens vermitteln Säuglingen Ruhe.

Schaukeln:

Leichtes Wiegen und Wippen genießen viele Kinder. Es erinnert sie an die Schwerelosigkeit im Mutterleib. Kindeärzte und Psychotherapeuten warnen aber davor, es zu übertreiben. „Es gibt Eltern, die mit ihrem schreienden Baby immer höher und schneller auf dem Gymnastikball auf und nieder hopsen.

Andere stellen den Maxi-Cosi auf den Trockner. Das ist gerade bei Kindern, die dazu neigen, besonders viele Reize aufzunehmen, oft auch kontraproduktiv“, sagt Mona Willke. Elektronische Federwiegen, die man in den Türrahmen hängen kann, seien in den ersten 3 Monaten eine gute Hilfe, damit die Eltern für einen kleinen Zeitraum durchatmen können.

Danach sollten sie aber gezielter und weniger eingesetzt werden, sagt Willke. „Eltern sollten Kinder darin unterstützen, sich selbst zu regulieren. Das wird durch eine Federwiege eher behindert.“

Musik und Rhythmen:

Manche Kinder können durch monotone Töne beruhigt werden, etwa wenn der Staubsauger dröhnt oder das Kind in der Wiege neben der Waschmaschine steht. Der Grund: Im Mutterleib wuchs das Kind neun Monate neben dem pumpenden Herz und dem Gurgeln der Verdauung heran – es ist an Hintergrundgeräusche also gewöhnt.

Auch hier gilt aber: Nicht übertreiben! Die angenehmere Variante ist vielleicht das Singen – auch dann, wenn in den Eltern nicht zufällig ein Gesangstalent schlummert. So hat eine Studie der Universität Montreal ergeben, dass Säuglinge doppelt so lange ruhig bleiben, wenn Mütter ihnen vorsingen, wie wenn sie nur beruhigend auf sie einreden.

Professor Isabelle Peretz erklärt, warum das Singen so effektiv ist: „Emotionale Selbstkontrolle ist bei kleinen Kindern noch nicht entwickelt, und wir glauben, dass das Singen Babys hilft, diese Fähigkeit zu entwickeln.“ Die Studie, die in der Fachzeitschrift „Infancy“ veröffentlicht wurde, beobachtete dreißig gesunde Kinder in einem Alter zwischen sechs und neun Monaten.

Lieder beruhigten die Babys demnach für etwa neun Minuten, Reden nur etwa halb so lang. Die Ergebnisse sind laut den Wissenschaftlern von Bedeutung, weil insbesondere Mütter aus westlichen Ländern viel mehr sprechen, wenn sie ihr Kind beruhigen wollen, als sie singen.

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Entlastung:

Ein Großteil der Eltern, die bei der Schreiambulanz nach Hilfe suchen, sind einfach sehr belastet. Einige sind alleinerziehend, andere haben sich das Leben mit dem Kind viel entspannter vorgestellt. „In Hochglanzmagazinen und auf Instagram sieht alles immer ganz toll aus. Das Baby lacht, die Mutter ist schön und schlank, alles ist sauber und unkompliziert.

Das ist aber nicht die Realität in den meisten Familien“, sagt Willke. Häufig helfe es den Eltern schon, sich vom Bild des Idealkindes zu verabschieden und das Realkind anzunehmen. Dazu gehöre auch zuzugeben, dass man überfordert sei. „Wenn die Mutter denkt: Am liebsten würde ich das Baby aus dem Fenster werfen, dann ermutigen wir sie, das auch auszusprechen.“

„Es ist keine Schande überfordert zu sein in dieser Ausnahmesituation.“ Wichtig sei dann nur, sich Hilfe zu holen. „Manchmal muss die Mutter aber auch einfach mal zwei Tage schlafen.“ Dann müsse eben der Nachbar oder die Nachbarin mal was zu essen vorbeibringen oder die Oma eine Stunde mit dem Baby um den Block gehen.

Und überforderte Mütter tun nach der Überzeugung von Kinderarzt Bönte gut daran, „dem Vater, der abends von der Arbeit nach Hause kommt, das Baby in die Hand zu drücken und selbst erst einmal ein Bad zu nehmen“. Bevor die Mutter aus Überforderung ihr eigenes Kind schüttle, „sind alle Mittel erlaubt, die dem Kind nicht schaden“, sagt Willke.

Selbstregulation:

Alles, was Kindern hilft, sich selbst zu beruhigen, ist erst einmal eine gute Idee. Dazu gehört auch der Schnuller. „Der ist wunderbar, weil er das Saugbedürfnis gezielt befriedigt.“ Aus kieferorthopädischer Sicht sollte man dabei ein gewisses Maß einhalten. „Zum Einschlafen oder Beruhigen sind Schnuller aus unserer Sicht aber völlig ok“, sagt Willke. Auch wenn das Kind es schaffe, den eigenen Daumen in den Mund zu stecken oder am Fäustchen zu lutschen, sollten Eltern das laut Willke zulassen.

 

Zeitverzögerung bringt großen Lerneffekt

Es ist häufig gerade nicht die perfekte Mutter oder der perfekte Vater für ein zufriedenes und friedliches Kind nötig. Mona Willke und Kathleen Grüter von der Schreiambulanz in Köln haben beobachtet, dass Kinder am besten schliefen, deren Eltern nicht direkt beim ersten Schreien auf das Baby reagierten. Einfach, weil noch andere Aufgaben zu erledigen oder vielleicht noch ein paar andere Kinder zu versorgen seien.

Diese ein oder zwei Minuten Zeitverzögerung würden für die Säuglinge einen großen Lerneffekt für das gesamte weitere Leben bergen, sagt Willke: „Das Kind hat dann nämlich die Gelegenheit, sich selbst zu beruhigen.“ Und schafft es vielleicht auch im späteren Leben aus unangenehmen Situationen selbst wieder herauszufinden – notfalls auch ohne den Beistand anderer und ohne Hilfsmittel wie Smartphones oder Alkohol.

 

Quellen:

https://medicalxpress.com/news/2015-10-calms-baby-longer.html

www.acamh.onlinelibrary.wiley.com

www.kindergesundheit-info.de