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Kindliches Übergewicht – so helfen Eltern beim Abnehmen

Fast jedes sechste Kind in Deutschland ist zu dick. Etwa ein Drittel von ihnen gilt sogar als adipös. Mit steigendem Gewicht sinkt fast immer die Lust auf Bewegung, das Verlangen nach Nahrung nimmt hingegen zu – ein Teufelskreis setzt sich in Gang. Eltern tun daher gut daran, beginnendes Übergewicht ihrer Kinder ernst zu nehmen und, vor allem durch das eigene Vorbild, frühzeitig entgegenzusteuern. 

Rund 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland haben Übergewicht

Oft ist es gar nicht so leicht zu sagen: Ist mein Kind zu dick? Oder wächst sich das noch aus? Oder gilt es vielleicht sogar schon als fettleibig? Sind die Röllchen am Bauch nur harmloser Babyspeck? Oder eher eine ernste Bedrohung für seine Gesundheit? Viele Eltern stehen bei Fragen wie diesen verunsichert da.

Fakt ist: In Deutschland gelten rund 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen als übergewichtig, 6 Prozent sogar als fettleibig oder, in der Fachsprache, als adipös. Zwar scheinen sich die Zahlen seit einigen Jahren, nach einem zuvor recht deutlichen Anstieg, auf diesem Niveau zu halten. Ein Grund zur Beruhigung ist das aber nicht. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) leben hierzulande rund 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche, die eindeutig zu viele Kilos auf die Waage bringen. Etwa 800.000 von ihnen leiden an Adipositas.

Übermäßiges Körperfett löst auch schon bei Kindern Begleiterkrankungen aus

„Adipositas, also eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts, ist in jedem Alter, auch schon bei Kleinkindern, ernst zu nehmen“, sagt Prof. Dr. Susann Weihrauch-Blüher. Sie ist Oberärztin für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätskinderklinik Halle/Saale, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und Sprecherin der zur DAG gehörenden Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter (AGA). 

„Auch das Risiko für eine Vielzahl von Krebsleiden steige deutlich, wenn man bereits als Kind oder Jugendlicher adipös sei. ”

„Bleibt Adipositas unbehandelt, kann dies schon im Kindesalter zu Folgekrankheiten führen – etwa von Fettstoffwechselstörungen, Lebererkrankungen, Bluthochdruck, erhöhten Harnsäurewerten bis hin zu einer Störung des Zuckerstoffwechsels und einem Typ-2-Diabetes“, sagt Weihrauch-Blüher. Auch das Risiko für eine Vielzahl von Krebsleiden steige deutlich, wenn man bereits als Kind oder Jugendlicher adipös sei, betont die Medizinerin. Die psychischen Folgen können ebenfalls erheblich sein: Dicke Kinder sind sehr viel öfter als andere von Mobbing und Ausgrenzung betroffen.

Das Gewicht von Kindern lässt sich anhand von Referenzkurven beurteilen

Ob das Gewicht des Kindes noch als normal oder bereits als erhöht gilt, ist für die Eltern nicht immer leicht zu erkennen. Bei Erwachsenen ist es einfacher. Eine recht verlässliche Aussage trifft bei ihnen der Body Mass Index, kurz BMI. Er berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße in Metern zum Quadrat. Liegt der BMI unter 25, gilt man als normalgewichtig. Ab einem Wert von 30 ist man adipös.

„Bei Kindern und Jugendlichen, die sich noch im Wachstum befinden, hat der BMI allein keine Aussagekraft, sondern sollte stets im Kontext von Perzentilen, also Referenzkurven, gesehen werden“, sagt Weihrauch-Blüher. Diese Kurven finden sich zum Beispiel in den gelben Vorsorgeheften oder auch auf der Website der DAG.

„Ein BMI zwischen der 10. und 90. Perzentile, bezogen auf Alter und Geschlecht, bedeutet Normalgewicht“, erläutert die AGA-Sprecherin. „Zwischen der 90. und 97. Perzentile liegt Übergewicht vor und ab der 97. Perzentile eine Adipositas.“ Eltern, die unsicher sind, ob sie den BMI ihres Kindes korrekt berechnet haben oder die Kurven richtig interpretieren, können in ihrer Kinder- oder Hausarztpraxis um Hilfe bitten.

Aus übergewichtigen Kindern werden nur selten schlanke Erwachsene

Genau hinzuschauen lohnt sich in jedem Fall. Denn oft beginnt eine übermäßige Gewichtszunahme schon im Kindergarten- oder frühen Schulalter. „Solange das Kind im Wachstum ist, reicht es häufig aus, das Körpergewicht stabil zu halten und allein dadurch den BMI zu verbessern“, sagt Weihrauch-Blüher. 

„Eine Studie hat gezeigt, dass aus einem übergewichtigen Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent ein übergewichtiger Erwachsener werde. ”

Je länger das Übergewicht anhält, desto schwieriger wird es aber, es wieder loszuwerden. „Viele Kinder mit Adipositas werden auch im Erwachsenenalter von Fettleibigkeit und den Begleiterkrankungen betroffen sein“, prognostiziert die Ärztin. Eine große Langzeitstudie aus Deutschland habe kürzlich gezeigt, dass aus einem übergewichtigen Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent ein übergewichtiger Erwachsener werde.

Die Fettzellen des Körpers besitzen so etwas wie ein Gedächtnis

Gründe dafür gibt es viele. Mit steigendem Gewicht lässt zum Beispiel der natürliche Bewegungsdrang von Kindern fast immer nach. Gleichzeitig nimmt die Lust auf Schokolade, Chips und Ähnliches meist zu. Eine in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte Studie hat zudem kürzlich gezeigt, dass das Körperfett eine Art Gedächtnis besitzt. 

„Da Fettzellen sehr langlebig sind, verlangen sie oft noch viele Jahre vermehrt nach Zucker und Fett. ”

Wie die Forscher um Prof. Dr. Ferdinand von Meyenn von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich schreiben, werden die Fettzellen übergewichtiger Menschen größer und nehmen schneller Energie auf. Diese Eigenschaften behalten die Zellen selbst nach einer deutlichen Gewichtsabnahme bei. Da Fettzellen sehr langlebig sind, verlangen sie oft noch viele Jahre vermehrt nach Zucker und Fett.

Die Studie zeigt einmal mehr, wie wichtig Prävention bereits im Kindes- und Jugendalter ist. Denn sind die Zellen erst einmal auf Übergewicht programmiert, wird es sehr schwer, dieses wieder loszuwerden. „Viel sinnvoller ist es, die Gewichtszunahme an einem Zeitpunkt zu stoppen, an dem man nur nicht weiter zunehmen muss“, sagt Weihrauch-Blüher. 

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Klare Regeln und das elterliche Vorbild führen zum Ziel

Wie aber gehen die Eltern das an? „Im Wesentlichen sind es drei Punkte, an denen sie ansetzen müssen: bei der Ernährung, der Bewegung und dem Medienkonsum“, sagt Weihrauch-Blüher. „Und bei allen drei Themen kommen sie nicht darum, klare Regeln aufzustellen und selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.“

Konkret heißt das, dass Eltern darauf achten sollten, dass die Mahlzeiten möglichst gemeinsam zubereitet und zusammen am Tisch eingenommen werden. Essen vor dem Fernseher, am Handy, Computer oder bei den Hausaufgaben sollte tabu sein. Denn wer nebenbei isst, nimmt fast immer mehr zu sich als nötig – und merkt gar nicht, dass der Körper längst satt ist.

„Wer nebenbei isst, nimmt fast immer mehr zu sich als nötig – und merkt gar nicht, dass der Körper längst satt ist.”

Essen aus frischen Zutaten spart viele Kalorien und hält länger satt

Süßigkeiten und andere Leckereien sollten nicht verboten, sondern in Maßen und am besten gemeinsam genossen werden. „Verbote haben ja oft eine magische Wirkung und reizen dann besonders“, sagt Weihrauch-Blüher. Wichtig ist auch, die Mahlzeiten so oft wie möglich aus frischen Zutaten herzustellen. Die meisten Fertiggerichte sind reich an Fett und Zucker und enthalten dadurch viele Kalorien, aber nur wenige Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe – und machen deshalb meist nur für kurze Zeit satt.

Limonaden und andere süße Getränke führen dem Körper in kürzester Zeit viele Kalorien zu und erzeugen praktisch kein Sättigungsgefühl. Sie lassen den Blutzucker schnell in die Höhe schießen und wieder abfallen, sodass der nächste Heißhunger vorgeplant ist. Als beste Durstlöscher gelten Wasser, verdünnte Fruchtsäfte und ungesüßte Kräuter- oder Früchtetees. Getränke mit Süßungsmitteln können den Körper unnötig an Süßes gewöhnen.

Ob mit den Eltern oder Freunden: Vor allem gemeinsam macht Bewegung Spaß

Der zweite Hebel, an dem die Eltern drehen können, ist die Bewegung. „Drei Viertel aller Kinder zwischen 3 und 17 Jahren hierzulande bewegen sich weniger als die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen 60 Minuten am Tag“, sagt Weihrauch-Blüher. „Damit einhergehend haben sich die Fitnesswerte unserer Kinder und Jugendlichen seit 1980 um mehr als 10 Prozent verschlechtert.“

Auch hier sind als Erstes natürlich die Eltern gefragt. Sie können ihren Kindern vorleben, dass kürzere Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden, dass man die Treppe und nicht den Fahrstuhl nimmt und dass das Wochenende erst durch gemeinsame Ausflüge in der Natur richtig schön wird. Zudem sollte es die Regel sein, dass jedes Kind mindestens eine Sportart betreibt – die es sich möglichst selbst aussucht und die ihm wirklich Spaß macht. Im Verein, zusammen mit Freunden, klappt das erfahrungsgemäß am besten.

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Grundschulkinder sollten höchstens eine Stunde täglich am Bildschirm sein

Der dritte Punkt ist vermutlich der schwierigste: die Bildschirmzeit der Kinder zu begrenzen. Doch auch diese Maßnahme hat viele gute Gründe. Wer vor dem Fernseher, am Computer, Tablet oder Handy sitzt, bewegt sich naturgemäß nicht. „Hinzu kommt, dass dort viel Werbung für ungesunde Lebensmittel lauert, die oft schon die Kleinsten in ihren Vorlieben prägt“, sagt Weihrauch-Blüher.

Eine Studie der Deutschen Allianz Nichtübertragbare Krankheiten (DANK) habe kürzlich gezeigt, dass Kinder pro Tag im Schnitt 15 Werbungen für ungesundes Essen sehen. In 92 Prozent der von den Kindern gesehenen Werbespots für Lebensmittel gehe es um Fast Food, Snacks und Süßes. 

„Große Analysen haben bewiesen, dass das Anschauen dieser Werbung mit einer erhöhten Vorliebe und auch Aufnahme zuckerhaltiger und kalorienreicher Lebensmittel bei Kindern und Jugendlichen in Verbindung steht“, sagt Weihrauch-Blüher. „Alle Maßnahmen, die die Werbeexposition von Kindern begrenzen, werden folglich ihrer Gesundheit zugutekommen.“

„Kinder sehen pro Tag im Schnitt 15 Werbungen für ungesundes Essen. ”

Natürlich kann und muss jede Familie beim Thema Medien ihre eigenen Regeln aufstellen. Als Richtwert gilt jedoch, dass Kindergartenkinder höchstens eine halbe und Grundschulkinder maximal eine Stunde am Tag vor einem Bildschirm sitzen sollten – und das nach Möglichkeit nicht allein. Ausnahmen sind natürlich erlaubt, zum Beispiel bei einem gemeinsamen Filmabend oder beim Kennenlernen eines neuen Videospiels.

Vererbt wird allenfalls die Veranlagung, schneller an Gewicht zuzunehmen

Die Ausrede, dass das Übergewicht in der Familie und damit in den Genen liege, gilt übrigens nicht. „Vererbt wird höchstens die Veranlagung, schneller als andere an Gewicht zuzunehmen“, sagt Weihrauch-Blüher. „Erkrankungen einzelner Gene, die zu Übergewicht führen, sind extrem selten und betreffen weniger als 4 Prozent der adipösen Menschen.“

„Auf keinen Fall allerdings sollten schon im Kindesalter Diäten erfolgen“, warnt die Medizinerin. Dadurch erhöhe sich das Risiko, im späteren Leben eine Essstörung zu entwickeln. „Wenn Eltern eine übermäßige Gewichtszunahme bei ihrem Kind beobachten, ist es ratsam, zunächst offen und wertschätzend mit ihm darüber zu sprechen und dann gemeinsam nach Ursachen und Lösungen suchen“, sagt Weihrauch-Blüher.

Bei einer schon bestehenden Adipositas ist ärztliche Hilfe notwendig

Hilfreich ist es in diesem Fall auch, die Kinderärztin oder den Kinderarzt zu Rate zu ziehen. „Stellen sie eine Adipositas fest, werden weitere Untersuchungen erforderlich, um herauszufinden, ob es eine zugrundeliegende Krankheit oder bereits Folgeleiden gibt“, sagt Weihrauch-Blüher. „Diese Diagnostik kann an spezialisierten Adipositas-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche vorgenommen werden.“

Dort wird man auch am ehesten erkennen, welche weiteren Maßnahmen sinnvoll sind. In vielen Fällen kann zum Beispiel eine Verhaltenstherapie helfen, in der das Kind einen gesunden Lebensstil erlernt. Darüber hinaus gibt es in Deutschland zwei Wirkstoffe, die derzeit für Kinder mit Adipositas ab 12 Jahren unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen sind.

Medikamente allein sind keine Lösung

„Zu beiden Wirkstoffen – Liraglutid und Semaglutid – gibt es aber noch eine Reihe unbeantworteter Fragen, etwa zur idealen Dauer der Therapie oder zu möglichen Langzeitnebenwirkungen“, erklärt Weihrauch-Blüher. Außerdem zählen sie in Deutschland zu den Lifestyle-Arzneimitteln, deren Kosten die gesetzlichen Krankenkassen nicht übernehmen.

„Medikamente sind eine Option für Jugendliche, bei denen andere Maßnahmen nicht erfolgreich waren“, sagt Weihrauch-Blüher. Auch bei ihnen könnten sie aber nur als Katalysator der Gewichtsabnahme dienen und keinesfalls die Basistherapie der Adipositas ersetzen. Hauptpfeiler der Behandlung ist und bleibt eine Änderung des Lebensstils – der ohne die Eltern für Kinder kaum machbar ist.

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Prof. Dr. Susann Weihrauch-Blüher

Expertin

Oberärztin für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätskinderklinik Halle/Saale, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und Sprecherin der zur DAG gehörenden Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter (AGA)

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Prof. Dr. Ferdinand von Meyenn

Experte

Forscher von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich

Anke Brodmerkel

Autorin

Anke Brodmerkel hat Biologie und Chemie studiert und lange für die Berliner Zeitung als Medizinredakteurin gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Flensburg und schreibt über alle Aspekte zum Thema Gesundheit – für Zeitungen, Magazine und Online-Portale. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie während eines zweijährigen Segeltörns durch Europa.