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Lernen vom Profi – wie Sport Diabetikern helfen kann

Der Olympionike Timur Oruz ist Diabetiker und muss genau planen, wann er wieviel Belastung im Sport hat, wieviel er vorher essen – und wie viel Insulin er sich dann spritzen muss. Trotzdem sagt er: „Der Sport erleichtert mir das Diabetes-Management enorm.“ Warum das so ist, wie es dem Hockey-Profi gelingt, seine chronische Krankheit gut im Griff zu haben und welche Ratschläge er für andere Diabetikerinnen und Diabetiker hat – das erzählen wir hier. 

Im Feldhockey ist Timur Oruz einer der ganz Großen: Neun Jahre lang läuft er für die deutsche Herren-Nationalmannschaft auf, holt 2016 Bronze bei Olympia in Rio de Janeiro und 2023 den Weltmeister-Titel in Indien. Mittlerweile hat er die Nationalmannschaft aufgrund seines Jobs verlassen, in der deutschen Bundesliga spielt er aber weiterhin.

Mit seinem Verein Rot-Weiss-Köln ist er schon mehrfach Deutscher Meister geworden. Hockey spielt Timur Oruz schon, seit er drei Jahre alt ist, los ging alles in seiner Geburtsstadt Krefeld. Mit fünf Jahren dann die Diagnose: Diabetes Typ 1. Seitdem muss Oruz sich Insulin spritzen, zurzeit etwa acht bis zwölf Mal pro Tag.

Was passiert bei Diabetes im Körper?

Diabetes gilt als DIE Volkskrankheit. In Deutschland sind mittlerweile rund elf Millionen Menschen betroffen, jährlich erkrankt fast eine halbe Million Menschen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft spricht gar von einem „Diabetes-Tsunami“. Auch weltweit steigen die Zahlen an, insgesamt hat etwa jeder elfte Erwachsene Diabetes. All diese Menschen haben ein Problem mit dem Hormon Insulin. 

Wenn gesunde Menschen essen, passiert Folgendes: Aus den Kohlenhydraten, die vor allem in Brot, Nudeln oder Kartoffeln stecken, gewinnt der Körper Glucose. Das ist eine Art von Zucker. Die Glucose gelangt ins Blut, dort steigt der Zuckerspiegel an. Das ist das Signal für die Bauchspeicheldrüse, Insulin zu produzieren und ebenfalls ans Blut abzugeben. Das Blut transportiert Glucose und Insulin zu den Zellen in den Muskeln, im Gehirn und den Organen. Wie ein Schlüssel öffnet das Insulin die Zelle, die Glucose wird aufgenommen und verarbeitet, der Zuckerspiegel im Blut sinkt. 

Bei Diabetikerinnen und Diabetikern funktioniert das aber nicht – ihnen fehlt der Schlüssel, um die Zelle aufzumachen. Unbehandelt steigt bei diesen Menschen der Blutzuckerwert immer weiter an, es kommt zu einer Überzuckerung.

Ein klar strukturierter Alltag ist wichtig

Diabetes sei leichter zu händeln, wenn jeder Tag gleich strukturiert ist, sagt Oruz: 8.00 Uhr Frühstück, 12.30 Uhr Mittagessen, 18.00 Uhr Abendessen. „Am besten isst man ähnliche Nahrungsmittel und Mengen. So weiß man relativ genau, wieviel Insulin man spritzen muss.“

„Obwohl ihm in seiner Jugend viele Menschen von einer Profi-Karriere abrieten, kämpfte Oruz sich durch. ”

Das Problem: So sah Oruz‘ Leben sehr lange nicht aus. Als Profi-Sportler hatte er oft dreimal täglich Training, oft zu unterschiedlichen Uhrzeiten. Er reiste ins Ausland zu Wettkämpfen, was nicht nur Zeitumstellungen und Klimaveränderungen mit sich brachte, sondern auch Gerichte, bei denen nicht klar war, welche Zutaten sich darin verbargen.

Und obwohl ihm in seiner Jugend viele Menschen von einer Profi-Karriere abrieten, kämpfte Oruz sich durch. Als Kind habe er sich oft alleine gefühlt mit seiner Erkrankung, sagt Timur Oruz, denn es gab nur wenige Profi-Sportler, die sich als Diabetiker outeten. Obwohl die Erkrankung im Leistungssport noch immer ein gewisses Tabuthema ist, gibt es neben Oruz mittlerweile noch einige andere Vorbilder: Profi-Fußballerin Sandra Starke oder Gewichtheber Matthias Steiner.

Was ist der Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2?

Typ 1 Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem hat die Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, die dafür da sind, das Insulin zu produzieren. Der Körper kann selbst also gar kein Insulin mehr herstellen. Nur etwa sechs Prozent der Diabetikerinnen und Diabetiker in Deutschland leiden an dieser Variante. Die chronische Krankheit tritt meist schon in der Kindheit oder im jungen Erwachsenenalter auf. Genetische Faktoren, Umwelteinflüsse oder bestimmte Viruserkrankungen können Auslöser sein. 

Im Gegensatz dazu sind mehr als 90 Prozent der Diabetikerinnen und Diabetiker von Typ 2 betroffen. Auch hier spielen genetische Faktoren eine Rolle, vor allem aber das Alter und der Lebenswandel: Übergewicht, Bewegungsmangel und falsche Ernährung können die Krankheit auslösen. Im Unterschied zu Typ-1-Diabetes kann die Bauchspeicheldrüse bei diesen Menschen meist zwar noch eine gewisse Menge Insulin produzieren, doch die Zellen reagieren nicht mehr richtig auf das Hormon – und können nicht aufgeschlossen werden.

Diese Form der Diabetes wird häufig mit einer Mischung aus Tabletten und Spritzen behandelt. Vor allem bei Menschen, die aufgrund ihres Lebenswandels erkranken, kann die Krankheit reversibel sein. Heißt: Wenn sie ihr Leben rechtzeitig ändern, die Ernährung anpassen und abnehmen, kann es sein, dass sie wieder gesund werden.

 

Umgehen mit täglicher Unter- oder Überzuckerung

Trotz seiner Erfahrung und seines guten Körpergefühls rutscht Oruz immer wieder aus dem optimalen Glucosewert im Blut heraus – und zwar mehrmals täglich. Ist er unterzuckert, hat er zu wenig Zucker zu sich genommen, zu viel verbraucht (weil er intensiv Sport gemacht hat), oder zu viel Insulin gespritzt. „Eine Unterzuckerung ist im ersten Moment gefährlicher, weil man bewusstlos werden kann“, sagt Oruz. Traubenzucker oder eine Cola helfen schnell gegen die Unterzuckerung.

Bei einer Überzuckerung hingegen hat man zu wenig gespritzt beziehungsweise zu viel gegessen. „Dann hat man großen Durst, trinkt sehr viel und muss häufig auf Toilette. Der Körper versucht, die Glucose über die Nieren auszuscheiden“, erklärt Timur Oruz diesen Zustand. „Als Kind habe ich immer gesagt, dass es sich anfühlt, als würden tausende Ameisen über meinen Körper laufen.“ Damit es dazu nicht kommt, spritzt er sich das Insulin. 

Eine Überzuckerung ist erstmal nicht so schlimm. Ist man aber zu oft in einem zu hohen Bereich, kann das Langzeitschäden nach sich ziehen – an den Füßen, in den Augen, Schlaganfall, Herzinfarkt. Auch weitere Faktoren wie Stress, Nervosität, und die Ausschüttung anderer Hormone haben Einfluss auf den Blutzuckerspiegel. 

Sport hilft ihm, den Blutzuckerspiegel zu regulieren

Der Leistungssport, das ist klar, bringt bei einer chronischen Erkrankung viele Herausforderungen mit sich. Generell aber hat Sport einen sehr positiven Einfluss auf den Blutzuckerspiegel und ist deswegen häufig sogar Teil der Diabetes-Therapie.

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Denn bei Bewegung passiert Folgendes im Körper: Die aus der Nahrung gewonnene Glucose wird zu den Muskelzellen transportiert. Insulin kommt und öffnet die Zelle. Durch den Sport verarbeiten die Muskelzellen den Zucker direkt, um weiter Leistung zu bringen – auch noch nach der Bewegung. Da die Muskeln mehr Glucose verbrauchen, sinkt der Blutzuckerspiegel schneller.

Fachleute empfehlen Diabetikerinnen und Diabetikern deswegen, nach dem Essen einen Spaziergang zu machen, um die Aufnahme der Glucose in die Zellen zu verbessern. Durch Sport können vor allem Typ-2-Diabetikerinnen und -Diabetiker außerdem ihr Gewicht reduzieren.

„Ein weiterer Vorteil des Sports: Timur kann sich erlauben, mit Süßem zu „sündigen“. ”

Profi-Sportler Timur Oruz sieht für sich einen weiteren Vorteil: „Ich kann mehr sündigen, und auch mal eine Pizza, ein Eis oder Süßigkeiten essen – sogar als Diabetiker.“ Trainiere er im Urlaub mal ein paar Tage nicht, bemerkt er das übrigens sofort an seinen Werten: „Ich muss dann mehr Insulin spritzen.“

Verbesserung der Insulinwirkung durch Sport

Außerdem hat Timur Oruz festgestellt: „Durch den Sport reagieren meine Muskelzellen besonders sensitiv und öffnen sich schon bei einer geringen Menge Insulin. Bei Menschen, die sich wenig bewegen, reagieren die Zellen langsamer und brauchen mehr Insulin, um sich zu öffnen.“

Diese Wirkung bestätigen auch Fachleute. Doch nicht nur das Insulin, auch das Zusammenziehen der Muskulatur an sich bewirkt schon eine erhöhte Aufnahme von Glucose in die Zelle. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Diabetes-Zentrums hängen diese beiden Öffnungsmechanismen der Zelle sogar noch enger zusammen als bisher gedacht.

„Dieser duale Mechanismus könnte nun auch die Grundlage für die lang bekannte Additivität der Wirkungen von Insulin und Muskelkontraktion bei der Glukoseaufnahme und die daraus resultierende Verbesserung der Insulinwirkung durch Sport bilden“, schreibt Dr. Alexandra Chadt, eine der beiden Studienleiterinnen, in einem Artikel für die „Sportärztezeitung“. 

Timurs Tipp: Wie sollten Diabetiker in den Sport einsteigen?

Timur Oruz liebt die Bewegung, doch so geht es nicht jedem. „Ein fünfzigjähriger Diabetiker, der bisher eher unsportlich war, sollte nicht plötzlich täglich ins Fitnessstudio gehen“, warnt Oruz. Sondern sich langsam herantasten: Regelmäßig spazieren gehen, Treppe statt Aufzug nehmen und sich kontinuierlich steigern.

In Absprache mit dem Diabetologen oder der Diabetesberaterin muss man die Insulinmenge dann entsprechend anpassen. „Wer bereits sportlich ist, sollte sich damit beschäftigen, wie verschiedene Sportarten bei Diabetes wirken“, rät Oruz. Ausdauersportarten wie Joggen oder Fahrradfahren beeinflussen den Blutzuckerspiegel anders als hartes Muskeltraining oder High-Intensity-Trainings (kurz HIT). Bei letzterem beispielsweise braucht die Muskulatur oft erst eine Weile nach dem Workout noch einen Energie-Nachschub.

„Ausdauersportarten wie Joggen oder Fahrradfahren beeinflussen den Blutzuckerspiegel anders als hartes Muskeltraining. ”

Oruz und andere Fachleute raten zu dreimal pro Woche Sport mit zwei Ausdauer- und einer Kraft-Einheit. Diabetikerinnen und Diabetikern, die Angst haben, in eine Unterzuckerung zu kommen, gibt Oruz den Tipp, nur in Begleitung zum Sport zu gehen, das Umfeld entsprechend zu instruieren und immer Traubenzucker einzupacken.

Die größte Herausforderung sei aber, Menschen überhaupt in Bewegung zu bringen – und dann ein Training zu finden, was ihnen Spaß macht, damit sie dranbleiben. 

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Timur stellt auf eine Insulinpumpe um

Für Diabetiker ist es wichtig, den Blutzuckerspiegel zu überwachen. Timur Oruz trägt – wie die meisten Betroffenen – einen kleinen, runden Sensor am Oberarm, der seinen Blutzuckerspiegel kontinuierlich misst. Die Daten werden aufs Handy übertragen und verraten Oruz, wann und wieviel er spritzen muss.

Timur Oruz hat das lange mit einem sogenannten Pen gemacht, einem medizinischen Gerät, groß wie ein Kugelschreiber, mit dem er sich eine bestimmte Menge Insulin spritzen konnte – in Bauch, Oberschenkel oder Gesäß.

Gerade ist er aber dabei, auf eine Insulinpumpe umzustellen, die viele Diabetikerinnen und Diabetiker mittlerweile nutzen. Die Pumpe wird am Bauch getragen und ersetzt das Spritzen. Über einen kleinen Schlauch gibt sie regelmäßig Insulin ins Unterhautgewebe ab. Dadurch fühlen sich viele Erkrankte unabhängiger, die Einstellung des Blutzuckers sei meist stabiler, sagen Fachleute.

„Alles, was ich geschafft habe, habe ich mit Diabetes geschafft – und zum Teil sogar dank Diabetes.”

Ob Trainingslager oder Urlaub – eine neue Umgebung, anderes Essen und Klima als zu Hause fordern den Körper heraus. Damit ihr Blutzucker im Gleichgewicht bleibt, lohnt es sich eine gute Vorbereitung zu treffen. Tipps dazu finden Sie hier im Artikel „Reisen mit Diabetes mellitus“.

Was ist sonst noch wichtig für Diabetikerinnen und Diabetiker?

Überhaupt komme es bei Diabetes viel auf das soziale Umfeld und die richtige Einstellung an, findet Oruz: Dass er selbst mehrmals täglich unter- oder überzuckert ist, sieht er nicht als Niederlage, sondern als Herausforderung. 

„Natürlich wünsche ich mir manchmal, dass mein Körper das alleine hinbekommt und ich mich nicht immer um meine Krankheit kümmern muss. Aber alles, was ich geschafft habe, habe ich mit Diabetes geschafft – und zum Teil sogar dank Diabetes: Körpergefühl, Disziplin, Verantwortung. All das hätte ich sonst wahrscheinlich nicht so früh gelernt.“ Deswegen wird Timur Oruz nicht müde, seine Geschichte zu erzählen. Weil er Menschen mit Diabetes Mut machen und sie zum Sport motivieren will. Da geht er jetzt auch erstmal hin.