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Was Social Media mit unseren Kindern macht
Australien verbietet Instagram für Teenager unter 16 Jahren, deutsche Schulen streiten über Handyverbote. Was hilft gegen die Macht der sozialen Medien über unsere Kinder? Was ist so schädlich daran und wie viel Bildschirmzeit sollten Eltern erlauben? Psychologe und Neurowissenschaftler Christian Montag erklärt, wie wir unsere Kinder schützen können.
Es war ein Dokument, das niemand sehen sollte. Interne Forschungsergebnisse des Meta-Konzerns, die belegen sollten, wie gut das Unternehmen über die psychischen Schäden seiner jungen Nutzerinnen und Nutzer Bescheid wusste – und wie wenig es dagegen unternahm. Der Vorwurf: Meta habe Daten zu psychischen Schäden durch die Nutzung sozialer Medien systematisch zurückgehalten, während man gleichzeitig daran arbeitete, Kinder noch früher auf die eigenen Plattformen zu locken.
Für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie Politikerinnen und Politiker war es ein Weckruf. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Christian Montag eine Bestätigung.
Eine willkürliche Altersgrenze
Montag ist Professor am Institute of Collaborative Innovation der University of Macau und einer der renommiertesten Psychologen und Neurowissenschaftler im deutschsprachigen Raum. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, was digitale Technologien – und insbesondere soziale Medien – mit dem menschlichen Gehirn machen.
Erst einmal möchte Montag mit einem Missverständnis aufräumen. In vielen Ländern gilt die Zahl 13 als magische Grenze. Wer dieses Alter erreicht hat, so steht es in vielen Gesetzen, darf soziale Medien nutzen. „Dabei fußt diese Zahl auf keiner wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern stellt eher einen willkürlichen politischen Kompromiss dar“, sagt Montag.
Die Grundlage ist der Children's Online Privacy Protection Act, kurz COPPA, ein US-amerikanisches Gesetz, das in die Zeit vor dem Aufkommen sozialer Medien zurückreicht. „Als das Einstiegsalter auf 13 Jahre festgelegt wurde, basierte dies auf der Annahme, dass mit diesem Alter die Kindheit endet und bis dahin die Privatsphäre besonders schützenswert ist", sagt Montag. Ob das aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll ist, stand damals nicht zur Debatte.
„Suchtmaschinen: Die sozialen Netzwerke sollen kein gutes Leben ermöglichen, sondern möglichst viel Zeit der Nutzer in Anspruch nehmen. Das sei das Geschäftsmodell.”
Suchtmaschinen für unfertige Gehirne
Inzwischen weiß man aber mehr. Zum Beispiel, dass Teile des präfrontalen Kortex‘ – also jener Hirnregion, die für Impulskontrolle, Selbstregulation und das Abwägen von Konsequenzen zuständig ist – erst bis in die zwanziger Lebensjahre vollständig ausreifen.
Wer einem Dreizehnjährigen ein Smartphone in die Hand drückt und ein Konto bei TikTok anlegen lässt, übergibt damit die Steuerung an ein Gehirn, das noch gar nicht fertig ist. Um verantwortungsbewusst mit sozialen Medien umzugehen, sei das aber entscheidend, sagt Montag, „und wird in Zukunft noch wichtiger werden, weil wir es mit immer ausgefeilteren Plattform-Designs zu tun haben."
Mit ausgefeilten Plattform-Designs meint Montag eigentlich: Suchtmaschinen. Die großen sozialen Netzwerke – Instagram, TikTok, Snapchat – seien nämlich nicht dafür gebaut worden, ihren Nutzerinnen und Nutzern ein gutes Leben zu ermöglichen. Sie sollen möglichst viel Zeit in Anspruch nehmen. Das ist das Geschäftsmodell.
Nutzer jede freie Minute binden
„Ihr Datengeschäftsmodell zielt darauf ab, Onlinezeiten zu maximieren", sagt Montag. „Im Grunde ist das Ziel, Nutzer jede freie Minute an sich zu binden.“ Kinder sind dabei keine Randerscheinung, sondern Zielgruppe. So versuchte der Meta-Konzern mit der Initiative Instagram Kids, das Eintrittsalter auf zehn Jahre zu senken.
Breite Kritik verhinderte die Einführung – vorerst. Die Europäische Kommission hat darauf reagiert. Seit Inkrafttreten des Digital Services Acts (DSA) im Februar 2024 werden die großen Plattformen stärker reguliert.
Gegen TikTok wurde ein Verfahren wegen „süchtig-machenden Designs" eingeleitet. Es wurde erst eingestellt, nachdem TikTok bestimmte Designelemente entfernte – darunter ein System, das Nutzerinnen und Nutzer in Frankreich und Spanien mit Amazon-Gutscheinen belohnte, wenn sie besonders viele Videos anschauten.
„Das Tablet als Babysitter – eine Praxis, die in vielen Familien längst zur Normalität geworden ist – geht auf Kosten der kindlichen Entwicklung. ”
Wovon soziale Medien Kindergehirne abhalten
Folgt man dem Entwicklungspsychologen Erik Erikson, gelten für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter ganz bestimmte Aufgaben: das Erlernen von Struktur im Leben, das Entwickeln von Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das körperbetonte Spielen.
„Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist das körperlich betonte Spielen von zentraler Bedeutung, damit Kinder eine gute Grobmotorik ausbilden und soziales Miteinander erlangen", sagt Montag und spricht von „Entwicklungspflicht“. Wer stundenlang vor dem Tablet sitzt, übt keine Motorik. Wer nicht spielt, tut sich möglicherweise schwerer damit, Empathie zu entwickeln. Zumindest zeigen Studien, dass Internetsucht mit weniger Empathie einhergeht.
Die sogenannte Displacement-Hypothese beschreibt laut Montag genau dieses Phänomen: „Zeit vor dem Bildschirm verdrängt Zeit für entwicklungspsychologisch wichtige Aktivitäten.“ Das Tablet als Babysitter – eine Praxis, die in vielen Familien längst zur Normalität geworden ist – geht demnach auf Kosten der kindlichen Entwicklung. Auch wenn die Befundlage komplex ist und nicht für alle Altersgruppen gleich eindeutig gilt: Die Warnsignale sind real.
Bildschirmfrei unter drei
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) hat deshalb klare Empfehlungen erarbeitet: Kinder unter drei Jahren sollten vollständig von Bildschirmmedien ferngehalten werden. Zwischen drei und sechs Jahren sind den Medizinern zu Folge maximal dreißig Minuten täglich vertretbar – und nur in Anwesenheit der Eltern.
Zwischen sechs und neun Jahren gelten dreißig bis fünfundvierzig Minuten als akzeptabel. Bis zwölf Jahre: maximal eine Stunde, mit elterlicher Aufsicht beim Internetzugang. Wer sich die durchschnittliche Bildschirmzeit von Kindern in Deutschland ansieht, bemerkt, wie weit die Wirklichkeit von diesen Empfehlungen entfernt ist.
„Nicht zufällig zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung, Körperunzufriedenheit und Essstörungen. ”
Neid und Depression als Folge sind zumindest möglich
Im Jugendalter, so sagt Montag, verlagern sich die Risiken. Die Pubertät ist entwicklungspsychologisch ohnehin eine Phase der Erschütterung: Das Erwachen der eigenen Sexualität, die Suche nach Identität, der Druck durch Freunde. „All das findet heute in einem digitalen Raum statt, in dem Vergleiche allgegenwärtig sind“, sagt Montag – und in dem Selbstwert in Herzchen und Daumen gemessen wird. Junge Menschen vergleichen sich mit Gleichaltrigen und sind auf der Jagd nach Likes. Diese soziale Belohnung zeige den Jugendlichen, dass sie von anderen gesehen werden.
Doch der Mechanismus funktioniert auch umgekehrt. Studien zu sogenannten sozialen Aufwärtsvergleichen – also dem Vergleich mit Menschen, die anscheinend schöner, erfolgreicher oder glücklicher sind – haben ergeben: Wer passiv durch Instagram scrollt und immer nur das scheinbar perfekte Leben der anderen sieht, der kann Neid entwickeln. Schlimmer: „Wer für sich wahrnimmt, dass die Wiese woanders immer grüner ist, kann auch in negative Emotionen rutschen", sagt Montag.
Besonders betroffen: junge Frauen, die mit unrealistischen Schönheitsidealen konfrontiert werden, die auf Plattformen wie Instagram oder TikTok kursieren. Nicht zufällig zeigen zahlreiche Studien Zusammenhänge zwischen Social-Media-Nutzung, Körperunzufriedenheit und Essstörungen.
Alles Warnsignale. Mit letzter Sicherheit kausal beweisen lässt sich der Zusammenhang allerdings Montag zu Folge noch nicht. „Ein komplexes Störungsbild wie die Depression ist nicht monokausal auf einen Faktor zurückzuführen." Genetik, Umwelt, individuelle Persönlichkeit: All das spielt eine Rolle. Und vielleicht funktioniere der Weg auch umgekehrt: Wer zu Depressionen neige, flüchte sich vermehrt in die Welt sozialer Medien. Doch die Evidenz für bestimmte Nutzungsmuster als Risikofaktoren wächst.
Hänseln, Missbrauch, Pornografie
Hinzu kommen drei weitere Gefahrenzonen: Cyberbullying – das digitale Bloßstellen und Hänseln –, Cybergrooming – der gezielte Kontaktaufbau Erwachsener mit sexuellen Absichten gegenüber Minderjährigen –, und Sexting, der Austausch sexuell gefärbter Nachrichten unter Jugendlichen, die nicht nur soziale, sondern auch juristische Konsequenzen haben können. Die Verbreitung derartiger Inhalte unter Minderjährigen kann den Tatbestand der Kinderpornografie erfüllen – ein Umstand, der vielen Betroffenen nicht einmal bewusst ist.
Einem Verbot der Nutzung sozialer Medien für unter 16-Jährige steht Montag differenziert gegenüber. Kinder gehören für ihn nicht auf die Online-Plattformen – danach wird eine Einschätzung schwieriger: Einerseits sei die Idee, das Einstiegsalter anzuheben, nachvollziehbar. Andererseits sei noch unklar, wie die Regelung in der Praxis kontrolliert werden solle.
Dazu kommt: Unerlaubt ist die Nutzung für Kinder schon heute – auch in Deutschland. „Ein Verstoß hat nur keine Konsequenzen“, sagt Montag. Zudem seien soziale Medien auch in seinen Augen nicht nur ein Risiko.
„Sie sind Teil der Jugendkultur und bergen auch Chancen wie der Aufbau von sozialem Kapital.“ Wer pauschal jenseits des Kindesalters verbietet, riskiere, Jugendliche von Kommunikations- und Informationsräumen auszuschließen, in denen sich ihr gesellschaftliches Leben heute nun einmal abspielt. Die UN-Kinderrechtskonvention garantiert Kindern ausdrücklich den Zugang zu Informationen aus einer Vielfalt nationaler und internationaler Quellen.
„Soziale Medien sind Teil der Jugendkultur und bergen auch Chancen wie der Aufbau von sozialem Kapital.”
Digitale Schuluniform als Mittel zur Lösung
Montag wirbt in diesem Zusammenhang zumindest für die „digitale Schuluniform". Die Idee ist simpel und konsequent: Keine eigenen Smartphones und keine sozialen Medien in der Schule. Stattdessen gezielte Vermittlung von Wissen über Digitalisierung und über die Funktionsweise sozialer Medien – denn Verbote ohne Verstehen greifen zu kurz. „Selbst bei einem Smartphone-Verbot in Bildungseinrichtungen bleiben soziale Medien Teil des Alltags ", so Montag.
Ein wichtiger Zusatz: Kommt es zu Verboten für Schülerinnen und Schüler, so sollten diese auch für Lehrerinnen und Lehrer gelten. Wer Jugendlichen erklärt, dass das Handy nichts im Unterricht zu suchen hat, während man selbst bei jeder Gelegenheit auf den Bildschirm starrt, wird nicht gehört werden. Montag sagt: „Vorbilder wirken stärker als Verbote.“ Das gelte auch für Eltern.
„Vereinbaren Sie mit den Kindern Regeln und berücksichtigen Sie dabei auch Wünsche der Kinder. Sie werden überrascht sein, dass die sich häufig gar nicht mehr Medienzeit wünschen. Sondern mehr Zeit, in denen auch die Eltern nicht auf den Bildschirm gucken, sondern mit ihnen spielen oder aufmerksam sprechen“, sagt Montag.
Der Wunsch, das eigene Smartphone häufiger mal wegzulegen, entbinde Eltern allerdings nicht von der Aufgabe, über die Mechanismen der Plattformen Bescheid zu wissen. „Viele kennen Facebook, verstehen aber nicht, wie TikTok oder Snapchat funktioniert“, sagt Montag. „Wer nicht Bescheid weiß, kann seine Kinder aber auch nicht schützen.“
„Vorbilder wirken stärker als Verbote.”
Dabei sei gerade Differenzierung wichtig: LinkedIn und TikTok in einen Topf zu werfen, weil beides „soziale Medien" sind, ist so, als würde man Bier und Apfelsaft gleichbehandeln, weil beides aus einer Flasche kommt. Eine Differenzierung fehle in den meisten politischen Debatten noch vollständig. Eine solche sei aber wichtig. Schließlich sollten Regeln nicht nur das Ziel haben, „möglichst viele junge Menschen vor den Schattenseiten sozialer Medien zu schützen“, sondern – so sagt Montag - auch verhindern, dass die Allgemeinheit der jungen Nutzer durch das Verbot Nachteile ertragen muss.
Quellen:
- 027-075l_S2k_Praevention-dysregulierten-Bildschirmmediengebrauchs-Kinder-Jugendliche_2023-09.pdf
- Jugendliche, Bildschirme und psychische Gesundheit
- Der Einfluss von Social Media auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen
- 2025_Leopoldina_Diskussion_40.pdf
- Facebook- und Instagram-Mutterkonzern - Gerichtsakten: Meta soll Studie zu psychischen Schäden vertuscht haben
- Mangelnde Empathie kann Internetsucht begünstigen: Interkulturelle Studie aus Ulm und Bonn
- JIM-Studie 2025 - mpfs
- Jugendliche - Tägliche Internetnutzungsdauer 2025| Statista
Christian Montag
Experte
Professor am Institute of Collaborative Innovation der University of Macau und einer der renommiertesten Psychologen und Neurowissenschaftler im deutschsprachigen Raum.
Erik Erikson
Experte
Entwicklungspsychologe
Claudia Lehnen
Autorin
Claudia Lehnen wollte als Jugendliche Ärztin werden, entschied sich dann aber dafür, lieber über Medizin und Menschen und ihre Krankheits- und Genesungsgeschichten zu berichten. Die in Köln niedergelassene Journalistin, die im Tageszeitungs-Journalismus zu Hause ist, ist unter anderem auf das Themengebiet Gesundheit spezialisiert.