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Aktiv und selbstbestimmt: Gebären an Sprossenwand oder am Seil
Wenn Hebammen moderne Kreißsäle zeigen, dann wähnt sich manche werdende Mutter eher wie im Fitnessstudio – so viele Bewegungsmöglichkeiten gibt es. Was wie Lifestyle aussieht, hat auf das Geburtserlebnis und auch die Gesundheit zahlreiche positive Einflüsse.
Königin Viktorias Laune sank von Jahr zu Jahr. Manchmal wütete sie so heftig, dass Prinz Albert damit drohte, sie zu verlassen. Es war Mitte des 19. Jahrhunderts und was die Queen dauerhaft erzürnte, waren die Geburten ihrer vielen Kinder. Sieben Stück hatte sie schon zur Welt gebracht und jedes einzelne Ereignis als Trauma mit unmenschlichen Schmerzen und postpartaler Depression erlebt.
Als sich zum achten Mal Nachwuchs ankündigte, engagierte man deshalb den Bauernsohn und Amateuranästhesist John Snow, welcher am Kopfende der liegenden adeligen Dame ein Taschentuch mit Chloroform beträufelte, ihr vor Lippen und Nase drückte und damit die Geburtsschmerzen zurückdrängte. Die Chloroformbetäubung und die Möglichkeit, dass Frauen damit schmerzlos gebären könnten, schlug ein wie eine Bombe.
Und was tut der Patient beziehungsweise in diesem Fall die Patientin bei klinischen Behandlungen? Richtig: Sie liegt. Auf dem Rücken oder in der sogenannten „Steinschnittlage“, also halb schräg mit angewinkelten Beinen. Auch während einer Geburt war die Horizontale lange die klassische Position der Wahl. Eine vermeintlich bequeme Angelegenheit, allerdings – zumal in betäubter Form – auch gänzlich inaktiv und den Handlungen der Ärzte und Hebammen ausgeliefert.
Was für das Liegen während der Geburt spricht
Sich zum Gebären in ein Bett zu legen, ist nicht komplett widersinnig. Gehe es dem Kind während der Geburt plötzlich schlecht, könne man in liegender Position schneller eingreifen, sagt zum Beispiel Professor Jan Schmolling, Chefarzt der Frauenklinik im Kölner Krankenhaus der Augustinerinnen. Das Liegen ergebe also Sinn in der Behandlung eines Notfalls: „Wird eine vaginal operative Geburt oder gar ein Kaiserschnitt nötig, befindet sich die Schwangere schon in der richtigen Position.“
Auch wenn eine Blutuntersuchung beim Säugling ansteht, sei man als Arzt meist froh, wenn das Köpfchen des Kindes gut erreichbar sei. Außerdem könne eine Gebärende Ruhephasen während der Geburt durchlaufen, in der sie liegend, dann allerdings meist in Seitenlage, mehr Kraft sammeln könne. Schmolling hält die Verbreitung von gemütlichen riesigen Betten in Kreißsälen gerade in den 1990er Jahren aber dennoch für ein Missverständnis.
„Damals hat man diese Zwei-mal-zwei-Meter-Betten für den Kreißsaal angeschafft. Als könnte man während einer Geburt da gemütlich drin liegen. Das ist ja nun nicht der Fall.“ Weit verbreitet ist das Liegen auf dem Rücken als Gebärposition heute dennoch immer noch – absoluter Spitzenreiter ist es in Asien, aber auch in französischen Kolonien – zumindest dort, wo Kinder zumeist in Kliniken das Licht der Welt erblicken.
Umbau der Kreißsäle zu Bewegungslandschaften
In den vergangenen Jahren passierte gerade in Europa allerdings eine Art Paradigmenwechsel in der Geburtshilfe. Die Gebärende wurde von der Patientin zur aktiven Gestalterin. Sie rückte unterstützt von Hebammen wieder in den Mittelpunkt des Geschehens, das ärztliche Personal soll weitestgehend nur in der Endphase der Geburt oder bei Komplikationen zum Einsatz kommen.
„Unser Ziel ist, dass es so selten wie möglich zu einer ärztlichen Intervention kommen muss“, sagt Schmolling. Das bedeutet auch, dass alles dafür getan werden sollte, dass die Gebärende das Kind selbstständig zur Welt bringen kann. In vielen Kreißsälen bekam die Frau also ihre Autonomie zurück. Sie muss nicht liegen und wenn doch auf einem Bett, das Hebamme Karola Grüsgen „Bewegungslandschaft“ nennt.
Im Kölner Severinsklösterchen haben die Frauen aber auch Sprossenwände, Seile, Gebärhocker oder natürlich die Badewanne zur Verfügung. Alle Hilfsmittel zeigen denselben Trend: Immer mehr Geburten finden in einer aufrechten Position statt. Die Variationen sind zahlreich: „Hockend oder in der Knie-Ellbogen-Position, vornübergebeugt stehend am Bett aufgestützt oder an einem Seil oder der Sprossenwand sich festhaltend und hängend“, zählt Grüsgen auf.
„Der Trend geht zur aufrechten Geburtsposition – ob hockend, in der Knie-Ellbogen-Position, vornübergebeugt stehend am Bett, festhaltend oder hängend an Seil oder Sprossenwand.”
Ausnutzung von Schwerkraft und Anatomie
Wer während der Wehen nicht liegt, sondern hockt, der kann einen Teil des Drucks an die Schwerkraft abgeben: Das Baby arbeitet quasi selbst an seinem Weg nach draußen, wenn es einfach durch sein eigenes Gewicht nach unten sinkt. Aber auch anatomisch hat die aufrechte Gebärposition einen unschlagbaren Vorteil: „Studien haben bewiesen, dass in der Hocke oder in der Knie-Ellbogen-Position das Becken um bis zu 15 Prozent geweitet ist“.
Das bedeutet eine Menge zusätzlichen Platz, damit das Babyköpfchen hindurchrutschen kann“, sagt Hebamme Grüsgen, die seit fast 34 Jahren am Kölner Klösterchen Frauen durch die Geburt begleitet. Auch die bessere Beweglichkeit des Beckens beispielsweise in der Knie-Ellbogen-Position könne zusätzliche Weite bewirken. Der Raumgewinn im Becken bedeutet nicht nur etwas weniger Schmerzen für die Frau, sondern auch eine Beschleunigung für die Geburt, wie Grüsgen sagt: „Die aufrecht geborenen Kinder kommen oft schneller als erwartet.“
Auch die Wahrscheinlichkeit eines ärztlichen Eingriffs verringere sich: „Periduralanästhesie, vaginal operative Entbindung, aber auch der Kaiserschnitt lassen sich bei aufrecht Gebärenden häufiger vermeiden.“ Das liege auch daran, dass der Säugling eine aufrechte Geburt häufig besser überstehe. „Das Baby wird in dieser Position oft besser mit Sauerstoff versorgt und auch die Herztöne sind seltener Anlass zur Sorge“, sagt Schmolling. Einige Studien zeigen zudem, dass auch das Risiko eines Dammrisses niedriger liege.
„Die aufrecht geborenen Kinder kommen oft schneller als erwartet.”
Gefühl der Selbstermächtigung durch aufrechte Haltung
Ein Teil des Trends zur aktiven Geburt ist aber auch Psychologie. „Das Geburtserlebnis ist einfach ein anderes“, sagt Grüsgen. Die Gebärende dürfe selbst entscheiden, welchen Weg sie gehe. Dass dieser dann auch in der Mehrheit der Fälle ohne die medizinische Hilfe zum Erfolg führe, sei ein wichtiger Aspekt der Selbstermächtigung. „Wenn Frauen aus eigener Kraft und ohne Betäubung ihr Kind zur Welt bringen können, macht sie das stolz und stark“, sagt Grüsgen. Und man wachse mit diesem Mindset vielleicht während der Geburt über sich selbst hinaus.
„Wir motivieren die Frauen deshalb immer dazu, ihre Position so zu wechseln, wie sich das gerade gut anfühlt.“ Der Punkt Selbständigkeit schlage auch bei einer Wassergeburt zu Buche. „Wer in der Wanne sein Kind bekommt, muss das meiste selbst bewerkstelligen“, sagt Grüsgen. Wer dagegen die gesamte Geburt im Bett liegend erlebe und wenig Möglichkeiten einer Positionsveränderung habe, fühle sich schneller passiv und ausgeliefert. Entstehen könne ein Gefühl der Frustration, was auch die Geburt ins Stocken geraten lassen könne.
„Wer die Geburt im Bett liegend erlebt und wenig Möglichkeiten einer Positionsveränderung hat, fühlt sich schneller passiv und ausgeliefert.”
Eine Studie der Universität Bonn und der Universität zu Köln hat ergeben, dass gerade die freie Wahl der Position eine große Rolle spiele. Etwa drei Viertel der befragten Frauen lagen während der Geburt und waren darüber insbesondere dann unzufrieden, wenn sie das Gefühl hatten, diese Wahl nicht selbst getroffen zu haben. Am schlechtesten war die anschließende Bewertung, wenn es aus Sicht der Frau keine medizinischen Gründe für die Rückenlage gab und sie das Gefühl hatte, nur deshalb auf dem Rücken liegen zu müssen, weil der Arzt oder die Ärztin das so bestimmt hatte.
Wer freiwillig in Rückenlage sein Kind zur Welt brachte, war der Befragung zu Folge damit allerdings oft zufrieden. Entscheidend sei also nicht zwingend, welche Gebärposition die Frau einnehme, sondern dass sie die Position einnehmen könne, die ihr am angenehmsten und den meisten Erfolg versprechend erscheine.
Auch Männer können sich aktiv einbringen
Als Frauen noch beinahe ausschließlich in den Klinikbetten lagen, waren Partner bei der Geburt noch nicht besonders erwünscht. Bis in die 80er Jahre hinein hat kaum ein werdender Vater im Krankenhaus miterlebt, wie sein Sohn oder seine Tochter zur Welt kommt. Das hat sich heute stark gewandelt. Die aufrechte Position und der Bewegungsspielraum, den Frauen ausnutzen können, gibt den Männern heute auch die Möglichkeit des Mitwirkens.
Im modernen Kreißsaal müssen Väter nicht mehr wie Zuschauer am Spielfeldrand sitzen. „Die Frau kann sich auch an ihrem Partner statt an der Sprossenwand festhalten“, sagt Schmolling. Und Grüsgen ergänzt: „Viele Frauen hocken auf dem Boden und stützen sich auf den Oberschenkeln des Mannes ab, der auf dem Bett dahinter Platz genommen hat.“
Einerseits könne die körperliche Verbindung zum Partner den Gebärenden Kraft geben, andererseits helfe sie auch den Vätern bei der Verarbeitung dieses einschneidenden Erlebnisses. Schmolling sagt: „Sie müssen sich vorstellen, dass gerade die Väter die Geburt wacher durchleben. Sie sind also sehr sensibel für all die Vorgänge, die passieren. Die Tatsache, dass sie aktiv sein können, hilft ihnen, da gesund durchzumarschieren.“
Quellen
- Liegend, sitzend oder im Vierfüßlerstand? — Universität Bonn
- Position for labor and birth: State of knowledge and biomechanical perspectives - PubMed
- Fachzeitschrift_für_Hebammenwissenschaft_4._Ausgabe.pdf
- A review and comparison of common maternal positions during the second-stage of labor - PubMed
- Deutschlandweite „Be-Up: Geburt aktiv“-Studie zeigt: Be-Up-Gebärraum steigert Selbstbestimmtheit von Frauen | News | Universitätsmedizin Halle
Claudia Lehnen
Autorin
Claudia Lehnen wollte als Jugendliche Ärztin werden, entschied sich dann aber dafür, lieber über Medizin und Menschen und ihre Krankheits- und Genesungsgeschichten zu berichten. Die in Köln niedergelassene Journalistin, die im Tageszeitungs-Journalismus zu Hause ist, ist unter anderem auf das Themengebiet Gesundheit spezialisiert.