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Ob „Stille Nacht“ oder „Shape of You“ – warum wir häufiger singen sollten

Kurz vor Weihnachten strömen sie scharenweise in die Stadien: Nein, nicht die Fußballfans. Sondern die Liebhaberinnen und Liebhaber von „O Tannenbaum“, „Jingle Bells“ und „Last Christmas“. Selbst wer das Stadionsingen im Advent meidet, wird zu Hause unterm Weihnachtsbaum oder bei anderer Gelegenheit ein Lied anstimmen. Doch warum verzaubert uns gemeinsames Singen eigentlich? Das haben wir die Musikpsychologin Cecilia Steinmacher gefragt.

„O du Fröhliche“, „Alle Jahre wieder“ und natürlich „Stille Nacht, Heilige Nacht“ – diese und viele andere traditionelle Lieder gehören zum Weihnachtsfest wie Tannenbaum, Bescherung und gutes Essen. Viele klassische Lieder wurden bereits im 19. Jahrhundert komponiert, ursprünglich, um sie während des Weihnachtsgottesdienstes zu singen. 

„Die Lieder wurden dann ins Häusliche hineingetragen und von Generation zu Generation weitergegeben“, sagt Cecilia Steinmacher, die an der Hochschule für Musik in Freiburg tätig ist. Was die Großeltern schon als Kinder gesungen haben, stimmt man nun mit der eigenen Familie an. 

„Was Weihnachtslieder eint: „Fast alle sind in Dur geschrieben, haben einfache Melodien und kaum Wechsel in den Harmonien.”
Cecilia Steinmacher

„Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen Weihnachtsliedern, die wir gerne hören, und denen, die wir selbst singen“, sagt Cecilia Steinmacher. „Die traditionsreichen Lieder singen wir eher, die populären hören wir mehr.“

Trotzdem gibt es einige musikalische Aspekte, die viele Weihnachtslieder eint, erklärt Steinmacher: „Fast alle sind in Dur geschrieben, haben einfache Melodien und kaum Wechsel in den Harmonien. Textlich geht es um das Ankommen, um Liebe, Familie und Gemeinschaft. An Instrumenten werden häufig Glocken und Glöckchen eingesetzt, die etwas Magisches verbreiten sollen.“ 

Diese Weihnachtslieder sind besonders beliebt

In einer Umfrage von statista und YouGov gaben 37 Prozent der Menschen an, dass „Stille Nacht, Heilige Nacht“ ihr liebstes Weihnachtslied sei. Das Stück wurde vermutlich im Jahr 1818 zum ersten Mal bei einem Gottesdienst in Österreich gesungen. Auch weltweit gilt „Stille Nacht“ als das bekannteste Weihnachtslied. Zwar folgt auf Platz zwei der Liste schon „Last Christmas“ der britischen Band Wham! und andere Pop-Songs tummeln sich ebenfalls auf den ersten 18 Plätzen der Liste, aber auch „Leise rieselt der Schnee“ (Platz 3) oder „Süßer die Glocken nie klingen“ (Platz 6).

Das machen Weihnachtslieder mit uns

„Dass wir uns jedes Jahr zu Weihnachten auf diese altbekannten Lieder, auf diese Tradition verlassen können, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Gerade in so einer aufgewühlten Welt wie heute“, sagt die Musikpsychologin. Dazu kommt die typische weihnachtliche Atmosphäre, die Besinnlichkeit, die Langsamkeit, das Gemeinschaftsgefühl. Und all das zahlt dann auch auf unser episodisches Gedächtnis ein.

Das episodische Gedächtnis ist ein Teil des Langzeitgedächtnisses, das persönliche Erlebnisse abspeichert und mit anderen Komponenten verknüpft. In unserem Fall ein Lied (oder Lieder) mit der besonderen Energie von Weihnachten. Das Besondere: Die Weihnachtslieder laden wir schon seit unserer Kindheit mit dieser positiven Energie auf – und in jedem Jahr, in dem wir sie wieder singen, erneut. „Auch weil so viele Erinnerungen daran hängen, lösen Weihnachtslieder diese starken Emotionen in uns aus“, erklärt Cecilia Steinmacher. 

„Weil so viele Erinnerungen daran hängen, lösen Weihnachtslieder starke Emotionen in uns aus.”
Cecilia Steinmacher

Das passiert im Körper, wenn wir gemeinsam singen

Doch dieses wohlig-warme Gefühl, das wir beim Singen unterm Tannenbaum verspüren, ist nicht allein dem Weihnachtsfest geschuldet. Sondern einer ganzen Kaskade an Hormonen, Neurotransmittern, Endorphinen und Antikörpern, die unser Körper beim gemeinsamen Singen abfeuert – und zwar zu jeder Jahreszeit. „Da passiert so viel im Gehirn – das ist ganz großes Feuerwerk“, sagt Steinmacher. 

Das passiert im Körper, wenn wir gemeinsam singen

Das Stresshormon Cortisol geht runter, dafür steigt das Bindungshormon Oxytocin. Der Glücksbotenstoff Endorphin wird ausgeschüttet, ebenso wie der Belohnungsstoff Dopamin und Immunglobulin A, ein Antikörper, der sehr wichtig für das Immunsystem ist. „Außerdem halten wir uns beim Singen aufrecht und atmen tief ein und aus. Das beeinflusst den Parasympathikus, also jenen Teil unseres Nervensystems, der uns entspannen lässt“, sagt Cecilia Steinmacher. 

„Das Stresshormon Cortisol geht runter, dafür steigt das Bindungshormon Oxytocin.”

Singen verändert sogar das Empfinden von Schmerzen

Dass Singen glücklich macht, belegen auch verschiedene Studien. In einer deutschen Studie aus dem Jahr 2014 begleitete der deutsche Musikwissenschaftler Professor Gunter Kreutz eine Gruppe von Sängerinnen und Sängern, teils Anfänger, teils Fortgeschrittene. Die Gruppe traf sich mal zum Singen, mal zum Plaudern. Vor und nach den Treffen befragte das Team um Kreutz die Personen und nahm Speichelproben, um darin den Hormonstatus zu messen. 

Sowohl in der Befragung als auch im Hormonstatus stellte sich später heraus, dass Singen die Menschen glücklicher gemacht hatte als Plaudern: Nach dem Singen war ihr Oxytocin-Status höher. Das Hormon Oxytocin ist für Stressreduktion und soziale Bindung bekannt. Die Studie zeige, schreibt Kreutz im Fazit, dass „Singen in der Gruppe zu einer Erhöhung der positiven Gefühle, zu einer Verminderung der negativen Gefühle und zu erhöhter Ausschüttung des Hormons Oxytocin führe.“ 

Eine europäische Studie aus dem Jahr 2015 fand sogar heraus, dass Singen das Schmerzempfinden verändern kann: Den Sängerinnen und Sängern eines Chors wurde dafür vor und nach der Probe ein Blutdruckmessgerät angelegt. Nach dem gemeinsamen Singen empfanden die Probandinnen und Probanden das Aufpumpen der Manschette erst deutlich später als unangenehm. 

Die Weihnachtsplaylist unserer Redaktion

Als Envivas Redaktion haben wir hier unsere persönliche Playlist der weihnachtlichen Lieblingssongs zusammengestellt. Denn hinter jedem Text hier bei „Puls“, jeder Zeile und jedem Newsletter stecken echte Menschen – mit eigenen Traditionen, Erinnerungen und natürlich Lieblingssongs. Von Klassiker bis Geheimtipp, von besinnlich, über kitschig, bis einfach nur zum Mitsingen – das ist unsere Songlist, die an Weihnachten auf keinen Fall fehlen darf.

  1. Jingle Bells: „Bringt mich am schnellsten in Weihnachtsstimmung.“ Niklas Bahn.

  2. Joy To the World – Nat King Cole: „Ich liebe es so, weil meine vier Kinder und ich sie seit jeher zusammen im Auto schmettern, wenn wir auf dem Weg zu unserem Weihnachtsspaziergang am Strand sind.“ Anke Brodmerkel

  3. Stille Nacht, heilige Nacht: „Festlich und ergreifend – für mich schöne Kindheitserinnerungen.“ Sarah Zöllner

  4. Ich steh an deiner Krippe hier – Johann Sebastian Bach: „Ich liebe die Melodie. Der Halbtontriller am Ende ist göttlich.“ Claudia Lehnen

  5. Come On! Let's Boogey to the Elf Dance! – Sufjan Stevens: „Der großartige US-amerikanische Singer/Songwriter hatte früher Probleme damit, Weihnachten wertzuschätzen, wie er sagt. Um das zu „üben“, stellte er eine Mischung aus selbst interpretierten Klassikern und weihnachtlichen Eigenkompositionen zusammen.“ Markus Düppengießer

  6. Winter Wonderland Frank Sinatra: Ute Wegner

  7. Ring of Fire Johnny Cash: „Es ist ein Liebessong von June Carter an Johnny Cash – und Liebe passt zu Weihnachten immer.“ Fabian Hoberg

  8. That Was the Worst Christmas Ever! – Sufjan Stevens: „Ein gnadenlos ehrlicher „modern Folk“-Song über das Fest im Kreis der Liebsten.“ Robert Danch

  9. Natten går tunga fjät: „Dieses Lied singt man in Schweden am „Sankta Lucia“-Tag (13.12.). Junge Menschen ziehen weiß gekleidet mit Kerzen in der Hand von Tür zu Tür und bringen das Licht. Das erinnert mich an mein Auslandssemester in Schweden.“ Angela Sommersberg

  10. In der Weihnachtsbäckerei – Rolf Zuckowski: „Da kommen Kindheitserinnerungen hoch.“ Niklas Bahn.

  11. STILLE: „Gar keine Musik bei einem Spaziergang in der Natur – tut nach Weihnachtsliedbeschallung auf allen Weihnachtsmärkten der Stadt richtig gut.“ Sarah Zöllner

  12. O come, o come Emanuel – Jessye Norman: „Statt dem Konsum zu verfallen, möchte ich mich Weihnachten auf das Licht in meinem Leben besinnen.“ Ute Wegner

  13. Tiny Angels – Roger Whittaker: „Ich bin wirklich kein Fan von Roger Whittaker, aber trotzdem habe ich es geliebt, dieses Lied zu hören, wenn ich abends, wenn alle schliefen, Geschenke eingepackt oder den Weihnachtsbaum geschmückt habe – und alles noch ganz, ganz heimlich geschehen musste.“ Anke Brodmerkel

  14. Your a Mean One, Mr. Grinch – The Suicide Machines: „Wenn die Stimmung zu melancholisch zu drohen wird, hilft dieser Song, um jede Sentimentalität zu vertreiben.“ Claudia Lehnen

  15. Christmas Time Is Here – Version Mary: „Khruangbins funky Dub-Version des Vince Guaraldi – Klassikers “Christmas Time Is Here,” aus dem Soundtrack A Charlie Brown Christmas.“ Robert Danch

  16. I Get Around Beach Boys: „Beach Boys und Weihnachten? Klingt schräg. Es geht aber um den Kontrast: kalte Weihnachten gegen sonniges Surferwetter in Kalifornien.“ Fabian Hoberg

  17. Fairytale of New York – The Pogues: „Ich liebe rockige Musik und dieses Lied der Folk-Punk-Band „The Pogues“ ist einfach wunderbar! Außerdem gehört es zum Soundtrack der Netflix-Serie „Dash & Lily“, die ich in der Adventszeit gucke. Doppelt gut!“ Angela Sommersberg

  18. Weihnachten bei van den Bergs – Helge Schneider: „Im zweiten Teil ein Hörspiel folgt der gospelartige (und grandios alberne) „Geschenke-Song“: gesungen vom Pastor und auf der Kirchenorgel begleitet von „Zahnarzt Doktor Freese“ – natürlich alles Rollen, die Helge Schneider selber spielt.“ Markus Düppengießer

Wie Singen Schulkindern helfen kann

Wie Singen Schulkindern helfen kann
„Singen macht glücklicher als Plaudern – und kann sogar das Schmerzempfinden verändern.”

Doch warum ist es gerade das Singen in Gemeinschaft, das uns so glücklich macht? „Man spürt die physische Nähe der anderen, hört zu, reagiert, atmet in einem Rhythmus und wird nach und nach zu einem gemeinsamen Klangkörper. Menschen, die zusammen singen, synchronisieren sich.“ Auch das bestätigt die Wissenschaft. 

Die Studie mit dem Titel „The ice-breaker effect“ von Psychologinnen und Psychologen der englischen Universität Oxford zeigte, dass gemeinsames Singen fremde Menschen besonders schnell miteinander verbindet. Die Fachleute untersuchten drei Kurse in der Erwachsenenbildung: einen Chor, eine Gruppe von Kunsthandwerkern und eine kreative Schreibgruppe. Die Mitglieder des Chors waren am schnellsten und festesten miteinander verbunden, das Singen hatte das Eis gebrochen und aus Fremden Vertraute gemacht. 

Eine Tatsache, die man sich in anderen Kontexten zunutze machen kann – für das Teambuilding auf der Arbeit oder das soziale Miteinander in der Schule oder im Pflegeheim zum Beispiel. So zeigt eine Studie, dass Grundschulkinder, die gemeinsam gesungen hatten, kooperativer miteinander umgingen als solche, die eine künstlerische Aufgabe erledigt oder an einem Wettbewerb teilgenommen hatten, berichtet Cecilia Steinmacher. 

Auch in therapeutischen Kontexten wird Singen gerne genutzt: Untersuchungen zeigen positive Effekte in der Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Depressionen, Demenz und Parkinson. 

„Menschen, die zusammen singen, synchronisieren sich.”

Und wenn man nicht singen kann?

Das klingt ja alles schön und gut, doch was ist mit den Menschen, die nicht gut oder gerne singen? Die gute Nachricht ist: Auch, wer schief trällert, kann von den positiven Effekten des Singens profitieren. „Wer aber wirklich keinen Spaß daran hat, sollte sich nicht dazu zwingen“, sagt Cecilia Steinmacher. Oft seien gerade diese Menschen aber sehr selbstkritisch, hätten Angst vor negativer Bewertung oder als Kind häufig zu hören bekommen, sie würden schlecht singen. 

Wer sich beim Singen in der großen Gruppe unwohl fühlt, kann auch einfach ein bisschen alleine trällern, im Auto, unter der Dusche oder beim Kochen. Auch das habe schon viele positive Effekte, so die Expertin. 

Alternativ dreht man einfach die Musikbox auf und lässt das Singen von der Lieblingsband erledigen. „Wenn man Musik hört, die man mag, werden zum Teil ähnliche Systeme aktiviert wie beim Singen. Zum Beispiel sinkt auch dann das Stresshormon Cortisol“, sagt Steinmacher. Oder man schnappt sich ein Instrument und erzeugt darauf selbst Musik. 

Welche Effekte es auf das Wohlbefinden hat, wenn man gemeinsam mit anderen musiziert, untersucht Cecilia Steinmacher gerade in ihrer Doktorarbeit. Im Gegensatz zum Thema Singen ist das bisher nämlich nicht besonders gut erforscht. Höchste Zeit also, Gitarre, Trompete und Klavier zu stimmen und gemeinsam unterm Weihnachtsbaum „Stille Nacht, Heilige Nacht“ anzustimmen.