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Gemeinsam Eltern sein nach einer Trennung: So geht’s!

Familie bleibt, auch wenn die Partnerschaft Geschichte ist: Mit gemeinsamen Kindern müssen Eltern auch nach dem Ende einer Beziehung Wege finden, wie sie für ihre Kinder da sein können. Gelingende Kommunikation ist entscheidend, darin sind sich Expertinnen und Experten einig. Wir zeigen, was sich in der Praxis bewährt hat.

Nach der Beziehung: Wie gelingt gemeinsame Elternschaft?

Eine Trennung bedeutet immer einen Bruch im Familienleben. Das gilt für Eltern, die sich trennen, ebenso wie für die beteiligten Kinder. „Viele Eltern empfinden einen hohen Druck, rasch tragfähige Lösungen zu finden“, so Andreas Kopp, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft und des Fachverbandes für Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Bayern.

„Das ist aber oft gar nicht realistisch.“ Nach einer Trennung bestimmen häufig Wut, Enttäuschung und gegenseitige Verletzungen die Beziehung zwischen den Ex-Partnern. Das Besprechen strittiger Punkte wird da rasch zum Machtkampf. Ruhige Aussprachen sind gegebenenfalls kaum noch möglich.

„Der erste Schritt kann sein, zu akzeptieren, dass die gemeinsame Elternschaft in dieser Situation schwierig ist. Danach ist es möglich zu fragen, was brauchen die Kinder? Und bis zu welchem Grad ist gemeinsame Elternschaft überhaupt lebbar?“, sagt Familienberater Andreas Kopp. Manchmal sei der passendere Weg, das Ideal harmonischer Elternschaft als Ex-Partner für den Moment loszulassen und stattdessen eine parallele Elternschaft zu leben.

„Viele Eltern empfinden einen hohen Druck, rasch tragfähige Lösungen zu finden.”
Andreas Kopp

Gemeinsame vs. parallele Elternschaft

Gemeinsame Elternschaft: 

  • Wichtige Entscheidungen in Bezug auf das Leben des Kindes (z. B. Schulwahl, Gesundheitsfragen), aber auch Alltägliches wie Ernährung, Mediennutzung etc. werden auch nach der Trennung abgestimmt und gemeinsam getroffen
  • Austausch findet regelmäßig und persönlich statt
  • Kommunikation ist ohne größere Konflikte möglich
  • Motto: „Obwohl wir kein Paar mehr sind, ziehen wir als Eltern an einem Strang!“

Parallele Elternschaft:

  • Jeder Elternteil entscheidet in seiner Betreuungszeit individuell
  • Absprachen finden meist schriftlich oder in festgelegtem Setting statt (z. B. im Rahmen einer Familienberatung oder Mediation)
  • Hilfreiches Modell, wenn direkte Kommunikation immer wieder zu Konflikten führt
  • Kann auch nur zeitweise genutzt werden, um die angespannte Situation zwischen Elternteilen zu entschärfen
  • Motto: „Wir sind uns einig, dass wir uns (gerade) nicht einig werden können. Jede/r geht seinen/ihren eigenen Weg.“
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Akzeptanz ist wichtiger als „sich einig sein“

Wichtiger als Einigkeit in Bezug auf inhaltliche Fragen sei für Kinder ohnehin, in einem grundsätzlich stabilen und konfliktfreien Umfeld aufzuwachsen, so Familienberater Kopp. Entscheidend sei nicht, dass sich ihre Eltern einig seien, sondern dass sie einander akzeptierten – auch ohne die Entscheidungen des anderen immer gutzuheißen.

Das bestätigt auch Leonie Hepp von der Psychosozialen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Familienkrisen in Freiburg: „Kinder brauchen vor allem eine sichere Bindung und emotionale Entlastung, um gesund aufwachsen zu können. Aufgabe der Eltern ist somit, ihnen während und nach einer Trennung diese Sicherheit zu geben.“

Bei aller Bereitschaft, als Eltern auch ohne Paarbeziehung eine neue Basis zu finden, dürften sich die Beteiligten ruhig eingestehen, dass dies nicht immer leicht ist. Grundlage gelingender Kommunikation ist nämlich auch die Verarbeitung der Trennung selbst. Hierbei sollten sich die Eltern Erwachsene suchen, die ihnen empathisch zuhören und helfen, bedrückende Gefühle, Stress und Sorgen zu verarbeiten, so Familienberaterin Leonie Hepp.

„Vor allem sollten Eltern vor ihrem Kind nicht schlecht über ihren Ex-Partner oder ihre Ex-Partnerin reden, um dieses nicht in einen Loyalitätskonflikt zu verstricken. ”

Seine eigenen Belastungen gut zu verarbeiten sei Grundlage dafür, dass Eltern wiederum empathisch auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen und diese zugewandt und einfühlsam durch die Trennung begleiten könnten. „Einfühlsam Kinder durch ihre Gefühle begleiten bedeutet: Ohne abzulenken, zu bagatellisieren oder gar zu drohen, ihnen nicht mehr zuzuhören. Damit Eltern in dieser Weise reagieren können, müssen sie ihre eigenen Stressgefühle, ihre Ängste und ihre Trauer verarbeiten können.“

Besonders herausfordernd können die Übergänge von einem zum anderen Elternteil sein. Diese sollten zum Wohl des Kindes verlässlich, ruhig und respektvoll verlaufen, so Familienberaterin Hepp. Vor allem sollten Eltern vor ihrem Kind nicht schlecht über ihren Ex-Partner oder ihre Ex-Partnerin reden, um dieses nicht in einen Loyalitätskonflikt zu verstricken. Kommt es bei den Übergaben immer wieder zu Streit, kann es hilfreich sein, die Übergabe über Dritte, also z. B. Schule oder Kindergarten zu organisieren oder an einem neutralen Ort (z. B. Spielplatz, Café) und nicht an der Wohnungstür.

Tipps, wenn die Kommunikation schwierig ist

  • Führen Sie wichtige Gespräche an einem neutralen, öffentlichen Ort (z. B. während eines Spaziergangs oder in einem Café)
  • Keine strittigen Themen bei den Kindsübergaben
  • Reagieren Sie nicht direkt und impulsiv auf Nachrichten oder E-Mails. Vereinbaren Sie, in welchem Zeitraum Sie jeweils antworten werden (z. B. innerhalb von 48 Stunden)
  • Nutzen Sie schriftliche Kommunikation (z. B. per E-Mail, Kurznachrichten oder über ein Übergabetagebuch), wenn Gespräche immer wieder zum Streit führen
  • Apps wie „Getrennt-Gemeinsam“ des Fachverbands für Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Bayern können hilfreich für Absprachen und die Planung von Terminen sein, die das Kind betreffen
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Hilfreich sei außerdem der Dreierschritt, eine Situation möglichst neutral und ohne Vorwurf zu beschreiben („Unser Kind erzählt, dass es bei dir mehrere Stunden täglich Fernsehen darf“). Anschließend sollte die Aussage überprüft („Stimmt das?“) und das eigene Anliegen formuliert werden („Ich wünsche mir, dass du darauf achtest, dass es nicht mehr als 1-2 Stunden täglich fernsieht“). Entscheidend sei letztlich, dem anderen das Gefühl zu geben, dass er oder sie mit seiner Sichtweise ernst genommen werde. „Leitsatz kann sein: Das sehe ich anders, aber ich denke darüber nach“, so Familienberater Andreas Kopp.

Umgangsmodelle und Unterhalt – welche Möglichkeiten gibt es?

Nach einer Trennung müssen sich Eltern einigen, wo ihre Kinder leben und wie sie den Umgang gestalten wollen. Grundsätzlich gibt es drei Umgangsmodelle, die jeweils individuell an die Bedürfnisse der Familie angepasst werden können.

Umgangsmodelle und ihre Vor- und Nachteile

Residenzmodell

Das Kind lebt überwiegend bei einem Elternteil und besucht den anderen Elternteil in regelmäßigen Abständen, z.B. alle 14 Tage an einem Wochenende. Der seltener betreuende Elternteil zahlt Betreuungsunterhalt.

 

Vorteile

  • Kind ist überwiegend an einem Ort (kann Freundeskreis pflegen etc.)
  • Gegebenenfalls mehr emotionale Stabilität durch seltene Wechsel 
  • Bei klaren Absprachen wenig Kommunikation zwischen den Eltern erforderlich

Nachteile

  • Kind verbringt mit einem Elternteil deutlich weniger Zeit, dadurch gegebenenfalls Gefahr der emotionalen Entfremdung
  • Zeitliche und oft auch finanzielle Belastung des hauptsächlich betreuenden Elternteils, wenn Unterhalt nicht gezahlt wird oder Erwerbsarbeit vom betreuenden Elternteil aus Zeitmangel nicht geleistet werden kann

 

Wechselmodell 

Das Kind lebt im Wechsel jeweils beim einen und beim anderen Elternteil (teilweise 50:50 mit wöchentlichem Wechsel, aber auch andere Absprachen sind möglich). Unterhalt wird entsprechend der Betreuungszeit und des Einkommens beider Elternteile gezahlt. Das Wechselmodell hebt Unterhaltszahlungen nicht automatisch auf.

 

Vorteile

  • Das Kind hat weiterhin etwa gleich intensiven Kontakt zu beiden Elternteilen und erlebt beide im Alltag
  • Ermöglicht beiden Elternteilen zeitliche Freiräume und damit gegebenenfalls eher die Möglichkeit finanzieller Unabhängigkeit

Nachteile

  • Relativ kostenintensiv (das Kind benötigt in beiden Wohnungen eine vollständige Ausstattung)
  • Eltern müssen räumlich nah zusammenwohnen
  • Kommunikation ist entscheidend, da viele Alltagsabsprachen getroffen werden müssen
  • Gegebenenfalls mehr Unruhe im Leben des Kindes durch die Wechsel von einem Lebensumfeld ins andere

 

Nestmodell

Das Kind bleibt in der Familienwohnung (dem „Nest“), die Eltern mieten jeweils eine eigene Wohnung und leben abwechselnd mit dem Kind in der Familienwohnung.

 

Vorteile

  • Lebensumfeld des Kindes bleibt gleich 
  • Die Eltern ziehen um und müssen sich immer wieder an eine neue Umgebung gewöhnen, nicht das Kind

Nachteile

  • Kostenintensiv (es müssen drei Wohnungen angemietet werden)
  • Gegebenenfalls Konfliktpunkte, da die Familienwohnung weiterhin von beiden Elternteilen genutzt wird
  • Kann mit neuen Partnern oder Partnerinnen schwierig werden, da die gemeinsame Wohnung immer noch Lebensmittelpunkt der Familie ist
„Eltern bleiben nach einer Trennung bedeutet: Das Wohl des Kindes und damit seine Bedürfnisse und seine emotionale Sicherheit stehen im Mittelpunkt. ”

Wichtig: Keine Entscheidung muss endgültig sein!

Entscheidend für eine gelingende Elternschaft nach einer Trennung ist nach Meinung von Expertinnen und Experten, dass es den Ex-Partnern langfristig gelingt, die Paar- von der Elternebene zu trennen. Praktische Fragen rund um das gemeinsame Kind sollten sie konstruktiv und ohne gegenseitige Vorwürfe klären. Das kann sich, gerade, wenn starke Emotionen im Spiel sind, durchaus anstrengend anfühlen. 

Gerade bei sehr strittigen Trennungen erfülle beide Elternteile oft ein Gefühl von Ohnmacht, so Familienberater Andreas Kopp. Der andere Elternteil werde als wenig zugänglich oder geradezu feindlich wahrgenommen. Hier könne helfen, die Situation nicht als endgültig anzusehen („Heute klappt es nicht, aber morgen vielleicht“) und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.

Den anderen vom eigenen Standpunkt zu überzeugen oder sie oder ihn gar zu verändern, sei nicht das Ziel. Vielmehr gehe es darum, sich selbst emotional wieder zu stabilisieren, Differenzen anzuerkennen und Wege zu finden, damit umzugehen. Eltern bleiben nach einer Trennung bedeutet: Das Wohl des Kindes und damit seine Bedürfnisse und seine emotionale Sicherheit stehen im Mittelpunkt. Letztlich ist das alle Anstrengung wert!

Quellen:

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Andreas Kopp

Experte

Familienberater und Vorstandsvorsitzender Landesarbeitsgemeinschaft und Fachverband für Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Bayern e.V.

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Leonie Hepp

Expertin

Familienberaterin und Mitarbeiterin der Psychosozialen Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche in Familienkrisen in Freiburg

Sarah Zöllner

Autorin

Sarah Zöllner schreibt als Journalistin und Autorin über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Familien- und Gleichstellungspolitik. 2023 erschien ihr zweites Buch „Mütter. Macht. Politik. - Ein Aufruf!“. Für die Envivas informiert sie regelmäßig über Gesundheitsthemen und Wissenswertes rund um den Alltag mit Kindern. Mit ihrer Familie lebt sie nahe Heidelberg.