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Harninkontinenz – auch junge Frauen können betroffen sein

Keine spricht darüber gern. Die Regale der Drogeriemärkte aber zeigen es deutlich: Harninkontinenz, der ungewollte Abgang von Urin, ist ein verbreitetes Problem. Und nicht nur ältere, auch junge Frauen können davon betroffen sein. Welche mitunter recht einfachen Maßnahmen helfen und was sich in besonders schweren Fällen tun lässt, erläutert ein Urogynäkologe.

Fast jede dritte Frau in Deutschland verliert zuweilen ungewollt Urin

Oft beginnt das Problem bereits in der Schwangerschaft. Oder spätestens nach der Geburt. Die Muskulatur des Beckenbodens hat sich verändert. Plötzlich tut sie sich schwer damit, einer ihrer wichtigsten Funktionen nachzukommen: die Harnröhre in allen Lebenslagen so zu verschließen, dass sie den Urin an nicht ganz so stillen Örtchen sicher zurückhält.  

Es passiert beim Lachen, beim Husten, beim Niesen. Vielleicht auch nach dem Kaffee am Morgen oder auf der Joggingrunde. „Rund 30 Prozent aller erwachsenen Frauen haben eine zumindest leichte Form der Harninkontinenz“, sagt Dr. Johannes Ackermann, der am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel die Urogynäkologie leitet – und dort alle Varianten der weiblichen Inkontinenz diagnostiziert und behandelt.

„Rund 30 Prozent aller erwachsenen Frauen haben eine zumindest leichte Form der Harninkontinenz.”
Dr. Johannes Ackermann

Spätestens mit Beginn der Wechseljahre nimmt das Problem oft zu

Als wichtigste Auslöser des ungewollten Urinverlusts gelten das Alter, Übergewicht sowie Schwangerschaften und Geburten. „Bis auf das Übergewicht gibt es somit keine Risikofaktoren, die wir gut beeinflussen können oder wollen“, sagt Ackermann. Und selbst kinderlose Frauen sind vor der Inkontinenz nicht geschützt. Mit Beginn der Wechseljahre produziert der Körper weniger Östrogen. Dadurch können der Beckenboden und die ihn umgebenden Strukturen aus Bändern und Muskeln ihre Halte- und Verschlusskraft zunehmend einbüßen. 

Obwohl die Blasenschwäche verbreitet ist, fällt es vielen Frauen schwer, darüber zu reden. „Das ist schade, denn eigentlich ist sie meist gut behandelbar“, sagt Ackermann. Er rät daher allen Frauen, die sich durch den unkontrollierten Harnverlust in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt fühlen, Hilfe zu suchen. Erster Ansprechpartner ist in der Regel die Frauenärztin oder der Hausarzt. Beide können in komplizierteren Fällen an ein Kontinenz- oder Beckenbodenzentrum überweisen. 

Zum Glück sei das Thema inzwischen ein wenig aus seiner Tabuzone herausgetreten, sagt Ackermann. Das lasse sich auch daran erkennen, dass seit 2015 in den Drogeriemärkten – wo sich niemand wirklich verstecken kann – mehr Windeln und Einlagen für Erwachsene als für Kinder gekauft werden.

„In den Drogeriemärkten werden mehr Windeln und Einlagen für Erwachsene als für Kinder gekauft.”

Es gibt unterschiedliche Gründe für den unkontrollierten Harnverlust

Zwei häufige Formen der weiblichen Harninkontinenz sind die Belastungsinkontinenz, manchmal auch Stressinkontinenz genannt, und die überaktive Blase. Da beide mit Harndrang einhergehen können, wird der Begriff Dranginkontinenz, der lange Zeit ein Synonym für die überaktive Blase war, inzwischen seltener verwendet. 

„Die Belastungsinkontinenz macht sich vor allem beim Husten, Niesen und beim Sport bemerkbar“, erläutert Ackermann. „Ihre Ursache ist in der Harnröhre zu finden, die dem Druck von oben nicht mehr zuverlässig standhalten kann – weil zum Beispiel ihr Halteapparat oder der Beckenboden geschwächt sind.“

Bei der überaktiven Blase zieht sich der Blasenmuskel ungewollt zusammen. „Er macht sich eigenständig und unabhängig vom Kopf“, erklärt Ackermann. Dadurch kommt es zu häufigem und mitunter starkem Harndrang, auch in der Nacht. Darüber hinaus gibt es Mischformen, die aber vergleichsweise selten sind.

„Zwei häufige Formen der weiblichen Harninkontinenz sind die Belastungsinkontinenz, manchmal auch Stressinkontinenz genannt, und die überaktive Blase.”

Auch das Alter der Frau spielt bei der Wahl der Therapie eine Rolle

Die richtige Diagnose zu stellen, ist gar nicht immer so einfach. Entscheidend wird der Unterschied in der Regel aber auch erst dann, wenn sich mit der Basistherapie keine ausreichenden Erfolge erzielen lassen – und dann entweder Medikamente oder operative Eingriffe nötig werden. „Die Basistherapie ähnelt sich bei den verschiedenen Formen der Harninkontinenz, sie unterscheidet sich vor allem je nach Alter und Lebensumständen der Frau“, sagt Ackermann.

Für junge Mütter mit Inkontinenz eignen sich vor allem ein spezielles Beckenbodentraining, wie es auch in guten Rückbildungskursen angeboten wird, und eine Pessartherapie. „Beim Beckenbodentraining ist es wichtig, die Übungen unter der Anleitung einer speziell ausgebildeten Physiotherapeutin oder Hebamme zu erlernen – und sie dann regelmäßig selbst zu praktizieren“, sagt Ackermann. Da viele der Übungen nahezu unsichtbar sind, lassen sie sich praktisch an jedem Ort und in vielen Alltagssituationen unkompliziert durchführen. 

Am besten behält man seine Übungsroutine ein Leben lang bei. Unterstützen können dabei spezielle Apps. „Auch zwei verschreibungsfähige Apps, die das Training begleiten und erleichtern, kommen demnächst auf den Markt“, kündigt Ackermann an. Frauen, die Probleme haben, ihren Beckenboden gezielt anzusteuern, kann zudem ein spezielles Elektrostimulations- und Biofeedback-Verfahren helfen. Dabei misst ein Gerät die Anspannung des Beckenbodens und macht sie der Nutzerin bewusst.

Scheidenpessare, als Würfel, Ring oder Schale, stützen die Harnröhre von unten

Bei der Pessartherapie wird ein Scheidenpessar, ganz ähnlich wie ein Tampon, in die Scheide eingeführt. Es gibt sie in verschiedenen Formen und Materialien, zum Beispiel Würfel, Ringe und Schalen aus Gummi oder Silikon. Ihre Aufgabe ist immer gleich: Sie sollen die Harnröhre von unten stützen und so deren Verschluss erleichtern. 

„Eine Pessartherapie eignet sich vor allem auch dann sehr gut, wenn die Beschwerden mit einer Senkung der Gebärmutter, der Blase oder der Scheide einhergehen“, sagt Ackermann. „Studien haben zudem gezeigt, dass Pessare die Heilung und Rückbildung nach einer Geburt unterstützen und dann insbesondere bei sportlichen Aktivitäten sehr sinnvoll sind“, ergänzt der Mediziner. 

Mit den Wechseljahren produziert der Körper weniger Östrogen. Leiden Frauen dadurch an einer Harninkontinenz, kann auch eine Behandlung der Scheide mit einer östrogenhaltigen Creme helfen. Gleichzeitig lindert diese Therapie Beschwerden, die durch eine zu trockene Scheide hervorgerufen werden, etwa Juckreiz oder Schmerzen beim Wasserlassen oder Geschlechtsverkehr. Darüber hinaus kann es für manche Betroffene sinnvoll sein, ihre Trinkmenge – insbesondere den Kaffeekonsum – zumindest in bestimmten Situationen zu reduzieren.

Vor einer medikamentösen Therapie ist eine exakte Diagnose erforderlich

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„All diese konservativen Therapieoptionen helfen den behandelnden Ärzten auch, ihre Diagnose zu verfeinern und Fehldiagnosen zu vermeiden“, sagt Ackermann. Denn wenn Beckenbodentraining, Pessare und Cremes allein nicht zum gewünschten Erfolg führen, kommen weitere Optionen ins Spiel. Bei ihnen muss in jedem Fall zwischen der Belastungsinkontinenz und einer überaktiven Blase unterschieden werden.

Es gibt zum Beispiel kein Medikament, das gegen beide Formen des ungewollten Harnverlusts hilft. Bei einer Belastungsinkontinenz kann der Wirkstoff Duloxetin verordnet werden. „Eigentlich handelt es sich dabei um ein klassisches Antidepressivum“, erläutert Ackermann. „Es erhöht aber auch die Spannung der Harnröhre, wodurch sich der Urin besser halten lässt.“ 

Gegen die überaktive Blase kommen meist Anticholinergika zum Einsatz. Der Wirkstoff hemmt den Botenstoff Acetylcholin und trägt so dazu bei, den Blasenmuskel zu entspannen. Allerdings können Anticholinergika auch zu trockenen Augen, einem trockenen Mund und gerade bei älteren Patientinnen zu Gedächtnisproblemen führen.

Sind die Nebenwirkungen der Anticholinergika zu stark, kann der Wirkstoff Mirabegron eine Alternative sein. Er wirkt der Kontraktion des Blasenmuskels ebenfalls entgegen und gilt als besser verträglich, ist allerdings auch deutlich teurer – und wird daher meist als Mittel der zweiten Wahl verschrieben.

„Es gibt verschiedene operative Möglichkeiten gegen eine Belastungsinkontinenz bei Frauen.”

Gegen eine Belastungsinkontinenz helfen auch operative Techniken

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Für Frauen, die keine Medikamente nehmen wollen oder dürfen, gibt es verschiedene operative Möglichkeiten. Bei einer Belastungsinkontinenz werden insbesondere drei Techniken angewendet: die TVT-Methode, die Kolposuspension nach Burch und eine Unterspritzung mit Bulkamid. Jedes der Verfahren hat seine Vor- und Nachteile.

Bei der TVT-Methode wird ein flexibles Kunststoffband, das Tension-free Vaginal Tape, kurz TVT, unter die Harnröhre gelegt, um diese zu stützen. Der Eingriff kann unter lokaler Betäubung erfolgen und weist eine Langzeiterfolgsrate von mehr als 90 Prozent auf. „Der Nachteil ist, dass man im Anschluss ein Fremdmaterial im Körper hat – weshalb das Verfahren für junge Frauen, bei denen das Band noch viele Jahre im Körper verbleiben soll, vielleicht nicht ganz so gut geeignet ist“, sagt Ackermann.

Mit der Kolposuspension nach Burch lassen sich ähnlich gute Ergebnisse erzielen. Dabei werden der obere Teil der Harnröhre und der Blasenhals mithilfe von Nähten stabilisiert. Für diese Methode ist allerdings meist eine Vollnarkose nötig. „Während früher offen operiert wurde, sind heute fast immer minimalinvasive und damit relativ schonende Eingriffe möglich“, erläutert Ackermann.

Die dritte Variante ist streng genommen keine OP und kann ambulant unter örtlicher Betäubung erfolgen. Bei ihr wird Bulkamid, ein Gel aus Wasser und Polyacrylamid, in die Wand der Harnröhre injiziert, sodass diese aufgepolstert wird. Das Gel verbleibt dauerhaft im Gewebe und stellt so den Schließdruck der Harnröhre wieder her. „Die Methode ist am wenigsten invasiv, ihre Langzeitergebnisse sind aber etwas schlechter als bei den anderen Verfahren“, sagt Ackermann. „Welche Technik am ehesten infrage kommt, sollte stets in einem gemeinsamen Gespräch mit der Frau entschieden werden.“

Botox-Injektionen können die Symptome der überaktiven Blase lindern

Auch eine überaktive Blase lässt sich mit verschiedenen Eingriffen behandeln. Eine Möglichkeit besteht darin, alle sechs bis zwölf Monate den Wirkstoff Botulinumtoxin in die Blasenwand zu injizieren. Der Wirkstoff, besser bekannt unter dem Namen Botox, soll den Blasenmuskel entspannen. „Die Behandlung erfolgt häufig ambulant, führt jedoch bei manchen Frauen dazu, dass sie ihre Blase nicht mehr richtig entleeren können“, sagt Ackermann.

Alternativ eignen sich zwei Verfahren, die beide elektrische Impulse nutzen, um die Aktivität der Blase zu regulieren. Bei der sakralen Neuromodulation (SNM) wird dauerhaft eine Art Blasenschrittmacher in der Nähe des Kreuzbeins implantiert, der seine Impulse direkt an die Nerven sendet, die den Blasenmuskel steuern.

Eine weitere Methode ist die perkutane Tibialnervstimulation (PTNS). Dabei werden vom Fußknöchel ausgehend elektrische Impulse über den Schienbeinnerv, den Nervus tibialis, in Bereiche des Gehirns gesendet, die an der Blasenkontrolle beteiligt sind. Die etwa halbstündige Behandlung erfolgt in den ersten drei Monaten wöchentlich, danach lassen sich die Abstände meist vergrößern. 

„Gerade wenn es um eine langfristige Behandlung geht, sind die SNM und die PTNS den regelmäßigen Botox-Injektionen womöglich vorzuziehen“, sagt Ackermann. Entscheidend sei jedoch, dass sich für fast jede Form der Harninkontinenz eine wirksame Behandlungsmethode finden lasse, betont der Urogynäkologe. Kaum eine Frau muss sich damit abfinden, nicht mehr kontinent zu sein.

Quellen

Anke Brodmerkel

Autorin

Anke Brodmerkel hat Biologie und Chemie studiert und lange für die Berliner Zeitung als Medizinredakteurin gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Flensburg und schreibt über alle Aspekte zum Thema Gesundheit – für Zeitungen, Magazine und Online-Portale. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie während eines zweijährigen Segeltörns durch Europa.