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Eisbaden oder Kältekammer? Wenn der Körper auf „Überleben“ schaltet

Eiskaltes Wasser oder minus 110 Grad kalte Luft fühlen sich für unseren Körper nicht erholsam an. Im Gegenteil. Die Kälte löst einen Schockzustand aus, der Körper schaltet sofort in den Überlebens-Modus. Und dennoch sind Eisbaden und Kältekammern im Trend. Ein Sportmediziner erklärt, was der Kälteschock dem Körper bringt, ordnet Wirkung und Risiken ein – und beantwortet die Frage, welche Methode zu wem passt.

Der Körper weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Atem stockt, das Herz beschleunigt, die Muskeln spannen sich an – und all das geschieht, noch bevor der Verstand die Situation einordnen kann. Kälte ist für den menschlichen Organismus kein Wellness-Signal, sondern eine Bedrohung. Genau das macht sie so wirksam.

Was vor einigen Jahren noch als Marotte nordischer Exzentriker galt, ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Prominente bekennen sich offen zum Eisbad, Sporthallen bieten Kältekammern an, Influencer teilen Videos von dampfenden Seen im Winter. Doch hinter dem Trend steckt mehr als eine gut vermarktete Selbstoptimierungsroutine. Kälte ist komplex – und ihre Anwendung will gelernt sein.

Was im Körper passiert

Sobald die Haut mit sehr kaltem Wasser in Berührung kommt, reagiert das Nervensystem mit einem sofortigen Schocksignal. Die Blutgefäße ziehen sich zusammen, das Blut strömt aus den Extremitäten zurück in den Körperkern – dorthin, wo die lebenswichtigen Organe sitzen. Stresshormone fluten den Körper. Das Ziel: überleben.

Dabei spielt die Physik des Wassers eine entscheidende Rolle. „Wasser ist ein sehr dichtes Medium, es entzieht dem Körper deshalb die Wärme sehr schnell", erklärt Dr. Thomas Kurscheid, Sportmediziner und Experte für Kältetherapie. „Dadurch kommt uns kaltes Wasser immer kälter vor als kalte Luft." Der gefühlte Temperaturunterschied ist also keine Einbildung, sondern Physik: Wasser leitet Wärme rund 25-mal effektiver als Luft.

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Den eigentlichen Erholungseffekt löst aber nicht die Kälte selbst aus – sondern das Verlassen davon. Wenn man wieder aus dem Eiswasser steigt, weiten sich die Gefäße, das Blut schießt in die Peripherie zurück, der Körper atmet auf. Was folgt, ist eine Art biologische Überreaktion: Endorphine fluten das System. „Der Körper kommt in einen Überlebensmodus und verdrängt so alle schlechten Gedanken", sagt Kurscheid. „Die ausgeschütteten Endorphine sorgen für gute Laune."

Ist die Wirkung wissenschaftlich belegt?

Studien können den psychischen Nutzen von Kältereizen inzwischen belegen. Bei Angststörungen und Depressionen ließ sich Kältetherapie erfolgreich als unterstützender Bestandteil therapeutischer Konzepte einsetzen. Schlafqualität verbesserte sich, einige Patienten berichteten von besserer Erholung.

„Der Muskelkater schlägt durch die Kälte nicht so stark zu. ”

Auf körperlicher Ebene entfaltet sich ein weiterer, gut verstandener Effekt: Kälte kann die sogenannte Entzündungskaskade durchbrechen. „Das kennen wir schon vom Kältespray, das wir nach Verletzungen auftragen", sagt Kurscheid. „Durch die Kälte ziehen sich die Gefäße zusammen, kleine Blutungen, die zu Hämatomen führen, können vermieden werden." Muskelkater ist im Grunde nichts anderes als eine Summe winziger Verletzungen, die entzündliche Reaktionen auslösen. Kälte kann diesen Prozess verlangsamen, den Gewebedruck und Schmerzleitungen blockieren. 

„Profi-Sportler profitieren, weil so häufig die Regenerationszeit vor dem nächsten Training verkürzt wird", so Kurscheid. „Auch Hobbysportler berichten, dass sich Muskelkater weniger ausgeprägt anfühlt und die Erholung schneller wahrgenommen wird.“

Dazu kommt ein immunologischer Effekt. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, dass regelmäßige Kältereize das Immunsystem positiv beeinflussen können. Kältereize veranlassen die Milz, Leukozyten freizusetzen, was kurzfristig die Konzentration weißer Blutkörperchen im Blut erhöht. Wer sich immer wieder Kälte aussetzt, trainiert den Körper darin, Entzündungsreaktionen effizienter zu regulieren. Menschen, die regelmäßig in kaltem Wasser schwimmen, erkranken Studien zufolge seltener und weniger schwer an Infekten der oberen Atemwege. Dafür ist nicht einmal Eiswasser nötig: Schon 15 Grad können genügen.

Und noch ein Effekt verdient Aufmerksamkeit: der Kalorienverbrauch. „In vier Minuten kann man 100 bis 200 Kilokalorien verbrennen. Mit Nachbrennen können das sogar bis zu 300 werden", sagt Kurscheid. Langfristig kann regelmäßiger Kältekontakt sogar dazu beitragen, weißes Fettgewebe in metabolisch aktiveres braunes Gewebe umzuwandeln. Das verbrennt kontinuierlich Kalorien und erhöht den Grundumsatz.

„In vier Minuten kann man 100 bis 200 Kilokalorien verbrennen.”
Dr. Thomas Kurscheid

Zwei Wege in die Kälte – und ihre Unterschiede

Wer von Kältetherapie spricht, meint heute meist eines von zwei Dingen: das Eisbad im natürlichen Gewässer oder die medizinische Kältekammer. Beide lösen ähnliche Reaktionen aus – aber mit entscheidenden Unterschieden in Intensität, Kontrollierbarkeit und Risikoprofil.

Eisbaden konfrontiert den Körper mit einem abrupten, ungesteuerten Reiz. Der Sprung in eiskaltes Wasser setzt innerhalb von Sekunden den gesamten Schockmechanismus in Gang. Genau diese Unmittelbarkeit ist es, die viele suchen – und die gleichzeitig die Risiken erhöht. „Eisbaden ist in jedem Fall mit mehr Risiken verbunden als der Besuch einer Kältekammer", sagt Kurscheid. „Durch den starken Schockeffekt nach dem Reinspringen kann im schlimmsten Fall das Herz aussetzen."

„Eisbaden ist in jedem Fall mit mehr Risiken verbunden als der Besuch einer Kältekammer.”
Dr. Thomas Kurscheid

Die Kältekammer setzt auf eine gestufte Abkühlung. Die Temperatur sinkt kontrolliert, der Körper akklimatisiert sich schrittweise. „Bei der Kältekammer kühlt man stufenweise ab. Das ist schonender", erklärt Kurscheid. „In unserer medizinischen Ganzkörperkältekammer ist auch eine medizinische Fachangestellte dabei, die durch eine Scheibe Sichtkontakt hält." Die Kammer bietet also nicht nur ein sanfteres Erlebnis, sondern auch institutionelle Absicherung. Eine solche Begleitung ist allerdings nur bei medizinischen Angeboten gegeben.

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So funktioniert die Kältekammer

Wer eine Kältekammer betritt, sollte ausgestattet sein: Unterhose, Socken, Schuhe, Handschuhe, Mütze – und eine Maske, um die eingeatmete Luft leicht vorzuwärmen. In der Kammer selbst gilt: Bewegung ist Pflicht. „Man sollte sich bewegen, um Wärme zu produzieren. Ich empfehle beispielsweise Hampelmänner oder Kniebeugen", sagt Kurscheid. Für Einsteiger reichen drei Minuten vollständig aus.

Moderne Kältekammern arbeiten mit Temperaturen von minus 110 Grad Celsius – weit kälter als jedes Eisbad. Das klingt paradox, ist aber erklärbar: Da es sich um trockene Kälte handelt, fehlt der direkte Wärmeentzug durch Wasser. Der Reiz bleibt trotz extremer Temperatur beherrschbar.

Wem die Kälte nützt – und wem nicht

Die Liste der potenziellen Nutznießer ist lang. „Potentiell geeignet ist die Kältekammer für Rheumatiker, Fibromyalgiker, aber auch Menschen, die unter Depressionen leiden", sagt Kurscheid. „Einige Anwender berichten von positiven Effekten auf das Hautempfinden.“

„Potentiell geeignet ist die Kältekammer für Rheumatiker, Fibromyalgiker, aber auch Menschen, die unter Depressionen leiden.”
Dr. Thomas Kurscheid

Auch die Blutgefäße reagieren auf Kältereize. Das wiederholte Zusammenziehen und Weiten gehört zu den natürlichen Anpassungsmechanismen des Körpers. Einige Konzepte kombinieren Kälte- und Wärmereize (z. B. im Anschluss eine Sauna), um diese Reaktionen gezielt anzusprechen. 

Auf der anderen Seite stehen klare Kontraindikationen. Menschen mit folgenden Erkrankungen sollten Kältetherapie – insbesondere Eisbaden – nur nach ärztlicher Rücksprache oder gar nicht anwenden: Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen, Diabetes mellitus.

„Im Zweifel kann man einen Kurs besuchen, damit man lernt, langsam die Belastung zu erhöhen. Vorab sollte man in jedem Fall einen Arzt konsultieren", mahnt Kurscheid. Immer wieder kommt es beim unvorbereiteten Sprung ins kalte Wasser zu Herzinfarkten – der extreme Temperaturunterschied kann das Herz aus dem Takt bringen.

Was die Kosten betrifft: Ein Kältekammerbesuch liegt je nach Einrichtung zwischen 20 und 60 Euro. Wer jedoch an einer der genannten Erkrankungen leidet, kann bei der Krankenkasse nachfragen. „Manchmal zahlen die bis zu 20 Euro dazu", sagt Kurscheid. Ein Gespräch lohnt sich.

„Auch eine konsequent kalt beendete Dusche erzeugt messbare physiologische Reize. ”

Der richtige Einstieg

Wer ohne Vorerkrankung mit Kältetherapie beginnen möchte, muss weder in einen Bergsee springen noch sofort eine Kältekammer buchen. Auch eine konsequent kalt beendete Dusche erzeugt messbare physiologische Reize. Wer das Eisbaden im Freien bevorzugt, tastet sich am besten langsam heran – nicht abrupt springen, sondern schrittweise einsteigen, vier Minuten als Orientierung. 

Wer danach kaum aufhört zu zittern und sich nicht erholt, übertreibt es: Zu intensiver Kältekontakt ohne anschließende Erholung macht nachweislich anfälliger für Infekte. Die Kältekammer bietet den sanfteren, kontrollierten Einstieg – teurer, aber medizinisch begleitet und für viele besser dosierbar. 

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Dr. Thomas Kurscheid

Experte

Sportmediziner und Experte für Kältetherapie

Claudia Lehnen

Autorin

Claudia Lehnen wollte als Jugendliche Ärztin werden, entschied sich dann aber dafür, lieber über Medizin und Menschen und ihre Krankheits- und Genesungsgeschichten zu berichten. Die in Köln niedergelassene Journalistin, die im Tageszeitungs-Journalismus zu Hause ist, ist unter anderem auf das Themengebiet Gesundheit spezialisiert.