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Legasthenie und Dyskalkulie: Wie kann ich mein Kind unterstützen?
Einfach „nur“ schlecht in Mathe oder Deutsch oder hat mein Kind tatsächlich eine Lese-, Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung? Wie lässt sich diese diagnostizieren? Was sind Ursachen dafür und welche Möglichkeiten der Unterstützung gibt es? Expertin Annette Höinghaus vom Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie weiß, an wen sich Eltern wenden können, um sich zu informieren und Hilfe für ihr Kind zu finden.
Woran erkenne ich Legasthenie und Dyskalkulie?
Tut sich Ihr Kind auffallend schwer beim Lesen- und Schreibenlernen, erinnert sich an Wörter nicht, die es bereits häufig gelesen hat, und schreibt auch ihm bekannte Wörter immer wieder falsch? Das kann ein Hinweis auf eine Lese-, Rechtschreib- oder Lese-Rechtschreibstörung sein. Kinder haben dabei Schwierigkeiten, das Wortbild korrekt zu erfassen und abzuspeichern.
Legasthenie tritt in drei Varianten auf, entweder als reine Lesestörung, als Störung, die nur die Rechtschreibung betrifft, oder als kombinierte Lese-Rechtschreibstörung. Eltern und Lehrkräften fällt dies meist im frühen Grundschulalter auf, wenn das Kind lesen und schreiben lernt.
„Symptome einer Rechenstörung oder Dyskalkulie zeigen sich oft bereits im Vorschulalter.”
Anders als bei der Legasthenie zeigen sich die Symptome einer Rechenstörung oder Dyskalkulie oft bereits im Vorschulalter. Betroffenen Kindern fehlt das Mengen- und Zahlenverständnis. Einfache Aufforderungen wie die, Dreier- oder Vierergruppen zu bilden oder bei Gesellschaftsspielen ihre Spielfigur eine bestimmte Zahl an Feldern zu bewegen, stellen sie vor Probleme. Im Grundschulalter haben sie häufig bereits bei einfachen Additions- und Subtraktionsaufgaben Schwierigkeiten und „rechnen“ noch deutlich länger als Gleichaltrige mit den Fingern zählend.
Hinweise auf Legasthenie und Dyskalkulie (Auswahl)
Legasthenie
Auch bekannte Wörter werden mehrfach und in unterschiedlicher Form falsch geschrieben
Verwechslung formähnlicher Buchstaben (z. B. d und b)
Auslassung und Vertauschen von Buchstaben, Silben und Wörtern
Das Kind lernt deutlich langsamer Lesen und Schreiben als Gleichaltrige
Das Kind hat beim Lesen Schwierigkeiten beim Zusammenziehen von Buchstaben zu Silben und Silben zu Wörtern
Das Kind hat Schwierigkeiten, den Inhalt des gelesenen Textes wiederzugeben
Dyskalkulie
Schwierigkeiten bei der Zuordnung von Mengen und Verhältnisangaben (mehr, weniger, kleiner, größer)
Probleme beim Abzählen von Gegenständen und der Zuordnung von Mengen zu Zahlen (z. B. Dreier- und Vierergruppen)
In der Schule wenig oder kein Verständnis für mathematische Logik: Aufgaben werden nur sehr langsam gelöst, in höheren Klassenstufen oft durch Abzählen (z. B. mit den Fingern)
Schwierigkeiten mit dem Dezimalsystem, zum Beispiel „Zahlendreher“ (dreiundzwanzig – 32) oder Vertauschen von Stellenwerten (einhundertacht – 1008)
Rechenarten werden verwechselt
Weitere Hinweise finden Sie auf der Seite des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie: https://www.bvl-legasthenie.de/
Was sind Ursachen von Legasthenie und Dyskalkulie?
Sowohl Legasthenie als auch Dyskalkulie sind Formen einer neurobiologischen Störung. Sie betrifft etwa 10 bis 15 Prozent aller Menschen. Forschende aus Dresden konnten in einer aktuellen Studie dank modernster MRT-Technologie erstmals zeigen, dass Legasthenie mit Veränderungen in der Funktion und Struktur einer bestimmten Gehirnregion zusammenhängt. Laut Studie zeigen sich bei Menschen mit Legasthenie Veränderungen im bewegungsempfindlichen Teil des visuellen Thalamus. Besonders deutlich sind die Veränderungen offenbar bei männlichen Legasthenikern.
„Bis zu 30 Prozent der Betroffenen sind zeitgleich von Legasthenie und Dyskalkulie betroffen, auch weitere Störungen wie ADS oder ADHS treten gehäuft auf. ”
Etwa 20 bis 30 Prozent der Betroffenen sind zeitgleich sowohl von Legasthenie als auch von Dyskalkulie betroffen. Auch weitere Störungen wie ADS oder ADHS treten in Verbindung mit Legasthenie und Dyskalkulie gehäuft auf. Die neurologische Störung ist nach heutigem Kenntnisstand genetisch bedingt und wird zu rund 50 Prozent vererbt. Individuelle Förderung kann das Kind unterstützen, mit den Symptomen umzugehen, hat aber keinen Einfluss darauf, in welcher Form und Ausprägung die Beeinträchtigung auftritt.
Wichtig ist auch: Die neurologische Störung wächst sich nicht aus. „Betroffene können aber lernen, mit ihr zu leben und damit bei entsprechender Förderung und Nutzung von Kompensationsstrategien ein schulisch und beruflich erfolgreiches Leben zu führen“, so Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie.
Wie werden Legasthenie und Dyskalkulie diagnostiziert?
Essenziell ist die frühe und fachgerechte Diagnostik der Störung, auch mit Blick auf den oft hohen Leidensdruck der Betroffenen. Die Wahrnehmung, zu „dumm“ zu sein, um lesen, schreiben oder rechnen zu lernen, führe häufig zu einer Schwächung des Selbstwerts und belaste Kinder wie Eltern, so Expertin Höinghaus: „Etwa 30 bis 40 Prozent der Kinder mit Legasthenie und Dyskalkulie entwickeln psychosomatische Erkrankungen.“ Die Diagnose kann damit nach oft jahrelangen Misserfolgen in Schule und Ausbildung eine echte Erleichterung sein.
Die Diagnose der Legasthenie und Dyskalkulie erfolgt über eine standardisierte Testung durch Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychologische Psychotherapeuten in eigener Praxis oder in einem sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ). An dieses können Eltern über den Kinderarzt verwiesen werden. Wichtig ist die frühe Diagnostik, möglichst bereits in der zweiten oder dritten Klasse, um betroffene Kinder entsprechend früh zu unterstützen.
Tatsächlich wird die Störung häufig jedoch erst auf der weiterführenden Schule oder im Erwachsenenalter diagnostiziert. Durchschnittlich begabten Kindern gelingt es oft, bis in dieses Alter hinein ihre Legasthenie oder Dyskalkulie zu kompensieren. Allerdings kostet dies viel Kraft und natürlich erhalten Betroffene so auch keine angemessene Förderung.
Gezielte Förderung bei Legasthenie und Dyskalkulie
Förderung bei Leseschwäche
Textvorlage wählen, die für Betroffene gut lesbar ist: gut wahrnehmbare Farbkontraste, ausreichend großer Zeilenabstand, eine große Schrift ohne Serifen (das sind die „Häkchen“ an den Buchstaben).
Eltern können darüber hinaus mit ihren Kindern regelmäßig das Lesen üben, indem sie gemeinsam lesen und ihr Kind auch nach der Bedeutung des gelesenen Textes fragen.
Förderung bei Rechtschreibschwäche
Erst einmal das Schreiben lautgetreuer Wörter üben wie Haus, Maus oder Tisch und sich erst danach Wörtern zuwenden, die in ihrer Schreibweise keinen festen Regeln folgen.
Hilfreich kann darüber hinaus sein, Wortstämme und Endungen zu unterscheiden und die Schreibweise von Wortendungen zu verinnerlichen, indem als Eselsbrücke das Wort in der Mehrzahl gebildet wird (z. B. Hund, Hunde => die Mehrzahl macht das „d“ als Endung sichtbar).
Förderung bei Dyskalkulie
Betroffene Kinder müssen erst einmal ein grundlegendes Mengen- und Zahlverständnis entwickeln, also das Bewusstsein, dass zum Beispiel acht Bälle mehr sind als fünf Bälle oder dass sie den Zahlenstrahl sicher abbilden können.
Danach stehen Übungen zu Addition, Subtraktion und den weiteren Grundrechenarten an. Hier bieten entsprechend ausgebildete Lerntherapeutinnen und -therapeuten fachgerechte Unterstützung.
Was sollten Sie bei der Therapeutensuche beachten?
Schwierig sei, dass es bis heute keinen staatlich anerkannten Abschluss als Lerntherapeut gibt, so Annette Höinghaus. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie bietet aus diesem Grund seit 2005 eine Zertifizierung für Weiterbildungsangebote, die als Orientierung dienen kann, um mit dafür Sorge zu tragen, dass es gut qualifizierte Therapeuten gibt, die betroffene Kinder schulisch oder außerschulisch fördern.
Die Kosten für die Diagnostik übernimmt die Krankenkasse, die anschließende Therapie ist jedoch grundsätzlich eine Selbstzahlerleistung. Auf Antrag kann sie als „Eingliederungsmaßnahme“ vom Jugendamt bezahlt werden, wenn zusätzlich eine seelische Behinderung droht oder bereits eingetreten ist.
„Leider besteht unter Lehrkräften oft noch nicht das Bewusstsein, wie bedeutend eine individuelle Förderung ist. ”
Für Kinder und ihre Eltern geht der Weg der Diagnostik somit über den Kinderarzt oder die Kinderärztin zur Testung beim Kinder- und Jugendpsychiater, hin zu gezielter Förderung im schulischen und außerschulischen Umfeld. Leider bestehe unter Lehrkräften oft noch nicht das Bewusstsein, wie bedeutend eine individuelle Förderung und Unterstützung für die weitere schulische Laufbahn des Kindes sei, so Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Hier sieht die Expertin noch deutlichen Aufklärungsbedarf.
Welche Formen des Nachteilsausgleichs gibt es?
Als hirnfunktionale Störung gelten sowohl Legasthenie als auch Dyskalkulie offiziell als Behinderung. Auch wenn der Begriff „Behinderung“ von manchen Eltern als stigmatisierend empfunden wird, obwohl die neuronale Störung mit normaler Intelligenz einhergeht, ermöglicht doch erst die offizielle Diagnose einen gezielten Nachteilsausgleich und Notenschutz in der Schule. So ist zum Beispiel das Ausklammern der Rechtschreibleistung aus der Gesamtnotengebung möglich.
Zum Teil wird zum Erledigen der Aufgaben auch mehr Zeit gegeben. Letzteres sieht Expertin Höinghaus jedoch kritisch. Viel wichtiger sei es, individuell an den Problemen des Kindes anzusetzen, es entsprechend zu fördern und ihm Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen. Ihm pauschal mehr Zeit zum Lösen der Aufgaben zu geben, helfe wenig, wenn es gar nicht wisse, wie es diese überhaupt bearbeiten solle.
„Das Ausklammern der Rechtschreibleistung aus der Gesamtnotengebung ist möglich. ”
Leider unterscheiden sich die Regelungen zum Nachteilsausgleich und Notenschutz bei Legasthenie und Dyskalkulie aufgrund des föderalen Bildungssystems in Deutschland von Bundesland zu Bundesland. Teilweise wird ein Nachteilsausgleich und Notenschutz nur in der Grundschule gewährt, teilweise bis zur siebten oder zehnten Klasse, was die schulische Laufbahn der betroffenen Kinder und Jugendlichen oft empfindlich beeinträchtigt. Hier sieht Expertin Höinghaus auch politischen Handlungsbedarf.
Die Empfehlung der Kultusministerkonferenz zur Legasthenie und Dyskalkulie sei 2007 zuletzt überarbeitet worden und bedürfe damit dringend einer Aktualisierung, um den heutigen Stand der Forschung wiederzugeben. Außerdem sei darin nicht festgehalten, welche Form des Nachteilsausgleichs bis zum Abitur zu gewähren sei. Jugendliche und junge Erwachsene haben bis zu diesem Alter zwar gegebenenfalls gelernt, ihre neurologische Störung bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren. Verschwunden ist sie jedoch nicht und müsste damit eigentlich auch im späteren Alter berücksichtigt werden.
Wo erhalten Betroffene und ihre Eltern Hilfe und Unterstützung?
Auf der Seite des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie erhalten Kinder, Jugendliche und ihre Eltern praktische Hilfe wie eine Sammlung an Ratgebern zum Thema sowie ein Verzeichnis zertifizierter Lerntherapeuten und Therapieangebote. Darüber hinaus bietet der Bundesverband regelmäßig Fortbildungen für Lehrkräfte an und engagiert sich in der Öffentlichkeitsarbeit sowie über die Landesverbände im Austausch mit den Schulministerien.
Das Stigma, das viele noch immer mit Legasthenie und Dyskalkulie verbinden, aufzulösen und Betroffenen Aufklärung und Unterstützung zu bieten, ist erklärtes Ziel des Verbandes.
Als Fazit lässt sich feststellen, dass Legasthenie und Dyskalkulie als angeborene neurologische Störungen als Behinderung anerkannt sind und Betroffene damit ein Anrecht auf Förderung sowie einen je nach Bundesland unterschiedlichen Nachteilsausgleich und Notenschutz haben. Mit der entsprechenden Unterstützung können Kinder und Jugendliche erfolgreich die schulische Laufbahn durchlaufen. Entscheidend sind dabei die frühe und fachgerechte Diagnostik und die qualitativ hochwertige Förderung.
Weiterführende Information
- Therapeutensuche des BV Legasthenie und Dyskalkulie: https://www.bvl-legasthenie.de/service/therapeutensuche.html
- Studie zu den Ursachen der Legasthenie (Universität Dresden): https://tu-dresden.de/tu-dresden/newsportal/news/thalamic-brain-dysfunction-in-dyslexia-a-breakthrough-in-understanding-the-most-common-learning-disorder
- S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Lese-Rechtschreib- und Rechenstörung: https://www.bvl-legasthenie.de/images/static/pdfs/Leitlinien/LF_Leitlinie.pdf
Quellen:
- https://www.dw.com/de/legasthenie-dresdner-forschende-finden-ursache-im-gehirn/a-70170515, 10.09.2024 (zuletzt aufgerufen: 04.02.2025)
Annette Höinghaus
Expertin
Pressesprecherin Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V.
Sarah Zöllner
Autorin
Sarah Zöllner schreibt als Journalistin und Autorin über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Familien- und Gleichstellungspolitik. 2023 erschien ihr zweites Buch „Mütter. Macht. Politik. - Ein Aufruf!“. Für die Envivas informiert sie regelmäßig über Gesundheitsthemen und Wissenswertes rund um den Alltag mit Kindern. Mit ihrer Familie lebt sie nahe Heidelberg.