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Streitthema Bundesjugendspiele: Tut Kindern Leistungsdruck im Sport gut?

In diesem Punkt sind sich alle einig: Bewegung ist wichtig für Kinder. Sie fördert die Gesundheit, reduziert Übergewicht und verbessert die Konzentration. Doch ab dann scheiden sich die Geister: Sollte sportliche Leistung gemessen und verglichen werden? Brauchen Kinder Tabellen, Rankings und Urkunden? Wie schafft man es, ihnen Spaß an Bewegung zu vermitteln? Und war es eine gute Idee, die Regelungen für die Bundesjugendspiele wieder zu verschärfen?

von Angela Sommersberg

Zum Schuljahr 2023/2024 hatten die Bildungsminister der Länder beschlossen, die Regelungen für die Bundesjugendspiele zu lockern. Vor allem Grundschulkinder maßen sich nun nicht mehr in einem Wettkampf, sondern nahmen an einem Wettbewerb teil. Statt zentimetergenauen Messens gab es Leistungszonen. Auch die Übungen konnten freier von den Lehrkräften gestaltet werden. Die Idee: Kinder sollten einfach Spaß an Bewegung entwickeln.

Doch nun die Rolle rückwärts: Die Regeln wurden wieder etwas verschärft. Ob das eine gute Idee war, wird seit Monaten heiß diskutiert. Moritz Anderten kann das nicht so richtig verstehen. „Ein einzelner Tag wie die Bundesjugendspiele wird nicht viel daran ändern, ob Kinder sich mehr oder weniger bewegen. Stattdessen sollten Kinder im alltäglichen Sportunterricht eine motorische Grundlagenausbildung erhalten“, sagt der sportpsychologische Experte. Anderten berät Leistungssportler und hilft auch Kindern und Jugendlichen, mit Leistungsdruck umzugehen.

Unsere Kinder bewegen sich viel zu wenig

Klar ist: Eigentlich lieben Kinder es, sich zu bewegen. Das ist – aus gutem Grund – in ihren Genen angelegt: Unsere Urahnen mussten sich gut und schnell bewegen können, um den Naturgewalten zu trotzen. Durch Bewegung werden auch heute noch Areale im kindlichen Gehirn besser miteinander verknüpft. Doch irgendwann ändert sich das Bild: Aus Kindern, die sich ungezwungen bewegt haben, werden Jugendliche, die Sport hassen oder lieben. Fakt ist auch: Deutsche Kinder bewegen sich viel zu wenig. Die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen 60 Minuten Bewegung pro Tag schaffen nicht mal 20 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen in Deutschland. 

„Fakt ist auch: Deutsche Kinder bewegen sich viel zu wenig. ”

Der 44-jährige Moritz Anderten erinnert sich an seine eigene Schulzeit: Er war super in Sport, gewann jedes Spiel, lief die besten Zeiten. „Die Mädchen hingegen saßen auf der Bank, weil wir Jungs durchgesetzt hatten, Fußball zu spielen.“ Ein Szenario, wie es sich wohl in vielen Turnhallen abgespielt hat. 

Es gibt diejenigen wie Moritz Anderten, die gerne an diese Zeit zurückdenken. Gleichzeitig ist ihnen aber heute bewusst, wie ungerecht Sportunterricht früher war. Und wie verletzend! Als das Onlinemagazin „Krautreporter“ seine Nutzerinnen und Nutzer 2022 dazu aufrief, ihre Erlebnisse aus dem Sportunterricht zu teilen, machten mehr als 7.000 Menschen mit - Rekord. Und viele berichteten von stark traumatisierenden Erfahrungen. 

Wie vermittelt man Kindern Freude an der Bewegung?

Das Problem: Wer als Kind nicht zum Sport findet, der wird das vermutlich sein Leben lang nicht tun. Und wir wissen, welche Auswirkungen Bewegungsmangel haben kann: Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und so weiter. Die Frage ist also: Wie schafft man es, aus bewegungsfreudigen Kleinkindern bewegungsfreudige Jugendliche zu machen? Mit Vergleichen oder ohne?

„Kinder sollten im Sportunterricht eine Vielfalt an Bewegungen kennenlernen“, sagt Moritz Anderten. Die Idee ist, dass jeder den Bereich findet, der ihm Spaß macht. Und in dem er glänzen kann. „Jeder von uns hat unterschiedliche motorische Interessen. Manche finden es toll, Ball zu spielen, andere zu tanzen. Es muss frühzeitig vermittelt werden, dass das in Ordnung ist.“ 

„Kinder sollten eine Vielfalt an Bewegungen kennenlernen. Die Idee ist, dass jeder den Bereich findet, der ihm Spaß macht.”
Moritz Anderten

Lehrpläne sehen Vielfalt im Sportunterricht vor

Auch in den Schulen ist das mittlerweile angekommen. Im Lehrplan für Grundschulen in NRW ist festgehalten, was Kinder von Klasse eins bis vier durchnehmen sollen. Dort steht zum Beispiel: den Körper wahrnehmen und Bewegungsfähigkeiten ausprägen, das Spielen entdecken und Spielräume nutzen, Laufen, Springen, Werfen. Aber auch: Bewegen im Wasser, Gestalten, Tanzen, Darstellen, oder Gleiten, Fahren, Rollen. Inwiefern Lehrkräfte die Pläne im Unterricht konkret ausgestalten, ist aber ihnen überlassen. 

Valerie Sommersberg arbeitet an einer Grundschule in Frechen und ist ausgebildete Sportlehrerin. Sie hat den Eindruck, dass viele Kolleginnen und Kollegen sich bemühen, im Sportunterricht Vielfalt zu vermitteln. „Ich persönlich versuche, möglichst viele unterschiedliche Sportarten mit den Kindern zu machen, damit jene, die in den klassischen Ballsportarten nicht so gut sind, auch mal Vorteile haben.“ 

Denn ob sie will oder nicht: Sie muss die Leistung der Kinder irgendwann messen, ab der dritten Klasse gibt es an ihrer Schule Noten. Bei der Benotung achtet sie aber nicht nur auf Zeiten und Ziele. „Ein Kind, das schwach im Dauerlauf ist, aber abwechselnd geht und läuft, sich also motiviert, weiterzumachen, hat meiner Meinung nach eine ähnlich gute Note verdient wie ein Kind, das es laufend bis zur Ziellinie schafft.“ Anders sehe es natürlich bei Kindern aus, die nach wenigen Minuten komplett aufgeben.

„Ein Kind, das schwach im Dauerlauf ist, aber motiviert ist, weiterzumachen, hat meiner Meinung nach eine gute Note verdient.”
Lehrerin Valerie Sommersberg
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Jedes Kind muss mal verlieren

Doch auch, wenn ein Kind seine Lieblings-Sportart gefunden hat, wird es trotzdem noch Dinge machen müssen, die es nicht mag. Das ist die Kehrseite von Vielfalt. Ein super Stürmer wird dann vielleicht beim Thema Schwimmen versagen. Und eine tolle Turnerin kann im Bereich „Ringen und Kämpfen“ nicht mithalten. Wenn alle alles machen müssen, wird jeder mal verlieren. Und genau das ist eine wichtige Erfahrung, findet Moritz Anderten. 

„Ein Fußball- oder Handballspiel ist darauf ausgelegt, dass einer gewinnt und einer verliert. Wenn wir das System so verändern, dass es keine Gewinner und Verlierer mehr gibt, dann berauben wir die Kinder einer Entwicklungschance. Das ist keine gute Vorbereitung aufs Berufsleben“, glaubt der promovierte Sportwissenschaftler. 

„Wir sollten die Kinder dazu befähigen, im System klarzukommen.“ So zeigen verschiedene Studien, unter anderem eine des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, dass ehemalige Leistungssportler und -sportlerinnen im Berufsleben erfolgreicher sind als Nichtsportler. 

Lehrerin Valerie Sommersberg erzählt, dass die Kinder das Messen ihrer Leistung geradezu einfordern. „Manchmal pfeife ich beim Völkerball ab, wenn es unentschieden steht. Das finden die Kinder aber gar nicht gut. Sie wollen immer wissen, wer gewonnen und wer verloren hat.“ Den Experten Moritz Anderten wundert das nicht. „Kinder wollen automatisch irgendwann wissen, was sie können. Und vor allem wollen sie besser werden. Der Mensch ist darauf ausgelegt, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln.“

„Wenn wir das System so verändern, dass es keine Gewinner und Verlierer mehr gibt, dann berauben wir die Kinder einer Entwicklungschance.”
Moritz Anderten

Dafür vergleichen wir uns mit uns selbst oder mit anderen, also interpersonell. Und dieses Verhalten ist nicht auf den Sport beschränkt: Wir bewerten ja auch unser Essen mit dem Ziel, beim nächsten Mal noch schmackhafter zu kochen. 

Das Selbstwertgefühl darf nicht leiden

Das Wichtigste dabei ist: „Die Leistung muss vom Wert getrennt sein“, sagt Moritz Anderten. Heißt: „Egal, welchen Platz man belegt, das Selbstwertgefühl ist davon unabhängig. Der Mensch bleibt so toll und wertvoll, wie er ist. Und das müssen wir frühzeitig pädagogisch vermitteln – in der Schule, aber auch im Vereinssport.“ 

Wie oft das zu kurz kommt, sehe man im Hochleistungssport, weiß Anderten. „Es gibt Olympioniken, die ihren Selbstwert und ihre Identität ausschließlich über ihre sportliche Leistung definieren. Belegen sie bei einem Wettkampf „nur“ den vierten Platz, fühlen sie sich als Mensch wertlos. Das darf nicht sein.“ 

Heute bekräftigen viele Lehrkräfte die Schüler darin, sich nicht allzu sehr über den Erfolg zu definieren. Teilweise beobachten sie allerdings übertriebene Reaktionen: Freude über Erfolg wird gar als etwas Negatives abgelehnt. „Wenn die Kinder sich nach einem Sieg freuen, gibt es immer mal wieder ein Kind, das darauf hinweist, dass man sich nicht so stark freuen dürfe – damit die anderen nicht traurig sind“, sagt die Grundschullehrerin. „Doch natürlich dürfen Kinder sich freuen. Ich schreite erst ein, wenn die Sieger die Verlierer abwerten.“ 

Reflexion im Sportunterricht ist wichtig

Um Kindern ihren Selbstwert trotz einer Niederlage zu verdeutlichen, empfiehlt der sportpsychologische Experte Moritz Anderten, die letzten Minuten der Sportstunde auf eine Reflexion zu verwenden. Auch, wenn er weiß, wie häufig Sportunterricht ausfällt und wie wenig Zeit generell im Alltag für Bewegung bleibt. 

„Wenn wir Sportunterricht größer denken und nicht nur die motorische Entwicklung in den Blick nehmen, sondern auch psychologische Aspekte, dann hätte das einen großen Einfluss auf die soziale Entwicklung der Kinder.“ In einer Reflexion könne man zum Beispiel überlegen, wie die Verlierergruppe sich nach dem Spiel fühlt, aber auch, was sie trotz der Niederlage gut gemacht hat. 

„Experte Moritz Anderten rät, die letzten Minuten der Sportstunde auf eine Reflexion zu verwenden. ”

Genau solche Reflexion versucht Valerie Sommersberg am Ende einer Sportstunde einzubinden. Gemeinsam überlegt sie mit den Kindern etwa, was die Sieger gemacht haben, um zu gewinnen. „Die Kinder sagen dann: Die haben besser geworfen. Aber wenn man ins Detail geht, zeigt sich, dass es in der Siegergruppe Hintermänner gab, die den anderen den Rücken freigehalten haben.“

Moritz Anderten hofft, dass die sportlichen Schülerinnen und Schüler auf diese Weise auch lernten, Verantwortung für ihr Team zu übernehmen, und mehr Toleranz für Schwächere entwickeln. Allen Kindern vermittele man so, dass im Sport viele unterschiedliche Kompetenzen für den Erfolg wichtig sind. Und dass auch die augenscheinlich unsportlicheren Kinder ihren Beitrag geleistet hätten. Zum Beispiel, indem sie ihre Mannschaft motiviert hätten.

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Auch Eltern sind in der Verantwortung

Die Reflexion bietet also eine gute Möglichkeit für Entwicklung – und zwar nicht nur in der Schule, sondern auch im Freizeitsport und zu Hause. „Wir können die Kinder fragen: Was hast du im Spiel gut gemacht, worauf bist du stolz – trotz der Niederlage? Aber auch: Wo kannst du dich noch verbessern? Auf diese Weise werden aus Schwächen Entwicklungsfelder.“ 

Denn vielleicht stellt sich heraus, dass es an einer bestimmten Technik fehlt, oder Kraft und Kondition ausgebaut werden müssen. Und daran kann man schließlich arbeiten. „Auch die Eltern sollten dazu ihren Beitrag leisten.“ 

Moritz Anderten befürwortet im Übrigen, dass die Leistung bei den Bundesjugendspielen wieder stärker gewertet wird – aber eben nur, wenn psychosoziale Komponenten wie die Reflexion gegeben sind. Und er ist dafür, die individuellen Verbesserungen von Schülerinnen und Schülern stärker in den Blick zu nehmen. 

„Stellen Sie sich ein Kind vor, das den Ball in diesem Jahr 15 Meter weit wirft. Das ist – gemessen an den anderen – vielleicht ein schlechtes Ergebnis. Aber im nächsten Jahr schafft dieses Kind 23 Meter. Dann hat es sich in seinem eigenen Rahmen stark gesteigert.“

Auch solche persönlichen Erfolge hätten eine Ehrenurkunde verdient, meint Anderten. Das ist im Übrigen die höchste aller Auszeichnungen bei den Bundesjugendspielen. 

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Moritz Anderten

Experte

Sportpsychologischer Experte

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Valerie Sommersberg

Expertin

Sportlehrerin an der Grundschule in Frechen