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Eier suchen und Heringe vergraben – das Verbindende an Osterritualen
Eier suchen, Osterfeuer entfachen, üppig mit der Familie brunchen oder einfach verreisen? Ostern verbindet die verschiedenen Generationen miteinander. Wir haben ein paar Bräuche und deren Bedeutung gesammelt und geben Anregungen für ein eigenes, modernes Familienritual.
Die ersten Narzissen leuchten gelb im Garten, die Luft riecht nach Erde und die Kraft der Sonne ist vielleicht schon ausreichend, um für den Nachmittagskaffee den Tisch auf der Terrasse zu decken: Ostern ist im Brauchtumskalender vieler europäischer Familien ein Fest der Freude und der Zusammenkunft. Geschenke gibt es auch, aber doch deutlich zurückhaltender dosiert als zur Gabenschlacht an Weihnachten.
Im Zentrum steht dagegen die Zusammenkunft, aber natürlich auch der Frühlingsbeginn in der Natur. In einer Umfrage im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks heißt es, dass fast jeder zweite Befragte Ostern vor allem als Familienfest wahrnimmt. Jeder Dritte feiert die Tage als religiöses Fest und knapp jeder Vierte sieht in den Feiertagen hauptsächlich die Vorzüge eines langen Wochenendes. Dabei fällt auf: Je jünger die Befragten, umso wichtiger wird dieser Freizeitaspekt, je älter, desto mehr fällt die christliche Bedeutung ins Gewicht.
„Je jünger die Befragten, umso wichtiger werden die Vorzüge eines langen Wochenendes, je älter, desto mehr fällt die christliche Bedeutung ins Gewicht.”
Eier als Sinnbild für die Rückkehr des Lebens
Aus christlicher Sicht feiert man an Ostern die Auferstehung Jesu Christi, der nach seinem Tod am Kreuz wieder zum Leben erweckt wurde. Aber nicht nur der biblische Jahreskreis kennt den Neustart, auch ohne Christentum steht das Frühjahr für Neubeginn und Fruchtbarkeit. Eier als Sinnbild für den Lebensursprung spielten deshalb schon in vorchristlichen Kulturen eine entscheidende Rolle bei den Frühlingsfeierlichkeiten.
Im Zentrum stand hier die Rückkehr des Lebens nach einer langen Zeit des dunklen und unwirtlichen Winters. Alles in allem passt die Eiersymbolik auch zur Wiedergeburtsgeschichte aus der Bibel. „Das Verschenken bemalter Eier ist beispielsweise schon früh in Armenien belegt. In Europa führt man die sorbische Tradition an. Dort in der Lausitz war der Karfreitag ein Feiertag, Malen galt aber nicht als Arbeit, weshalb die Zeit zum Verzieren der Eier verwendet werden durfte“, sagt Andrea Graf vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn.
Wegen der Fastenzeit waren die Eierlager übervoll
Heute werden in der Lausitz bemalte Eier auch zu Hochzeiten verschenkt und gelten allgemein als Symbol des persönlichen Glückwunsches. Dass an Ostern überhaupt viele Eier gegessen werden, hat aber auch einen relativ banalen Grund, der in der Fastenzeit zu suchen ist. „Währenddessen aß man früher weder Fleisch noch Eier. In den sechs Wochen bis Ostern hatte man also eine ganze Menge aufgespart. Die mussten dann relativ schnell auf einmal verzehrt werden“, sagt Graf.
Daraus ergab sich auch der Sinn des sogenannten Karklapperns in den Tagen vor Ostern. Dabei ziehen die Kinder einer Ortschaft mit Lärminstrumenten aus Holz beispielsweise durch die Eifel, um an den Haustüren Eier zu erbitten. „Dieser Lohn für das Anzeigen der Zeit wurde dann untereinander aufgeteilt, denn das Klappern ersetzte das Glockenläuten, das in der Karwoche ausgesetzt ist“, sagt Graf.
Zudem werden zu Ostern Eier bemalt und am Sonntag versteckt. „Auch bei uns war das Eierfärben in der Fastenzeit und das Suchen überall auf dem Grundstück am Morgen des Ostersonntags immer ein Highlight“, sagt Frederic Kausch, wissenschaftlicher Volontär beim LVR.
„Der Hase sollte den Kindern die bürgerlichen Tugenden Fleiß, Gehorsam, Geduld und Pünktlichkeit vermitteln.”
Der Hase als Erzieher für das Bürgertum
Dass der Hase in Deutschland traditionell die Eier versteckt, ist für die Brauchforschung ein nicht gelöstes Geheimnis. „Manche gehen davon aus, dass dieses Tier auf ein verunglücktes Osterlamm zurückgeht, das beim Bäcker ein wenig aus der Form gelaufen ist“, sagt Kausch. Grundsätzlich seien früher diverse Tiere als Gabenbringer unterwegs gewesen.
Noch im 20. Jahrhundert habe eine Abfrage in verschiedenen Teilen Deutschlands eine ganze Tierherde ergeben, sagt Graf: Huhn, Henne, Fuchs und Hase hielt man da für die Eierlieferung zuständig. Wichtig war die Rolle der Schenkfigur als Erzieher außerhalb der Familie: „Er sollte den Kindern die bürgerlichen Tugenden Fleiß, Gehorsam, Geduld und Pünktlichkeit vermitteln“, sagt Graf.
Verreisen und Osterevents: Wie sich Bräuche wandeln
Die liturgische Bedeutung des Osterfests nehme Experten zu Folge bei den jüngeren Generationen immer mehr ab. „Heute ist es beispielsweise selten, dass man sich gesegnetes Osterwasser aus dem Gottesdienst oder geweihte Kohlestücke vom Osterfeuer mit nach Hause nimmt“, sagt Graf. Im Gegenzug rückten andere Traditionen an die frei gewordenen Stellen.
Ein Wandel gehöre zum Brauch, schließlich erfüllten Brauchhandlungen nur dann ihren Sinn, wenn sie mit den veränderten Umständen mitwüchsen. „Der Brauch existiert ja nicht unabhängig von den Trägergruppen“, sagt Graf. Deshalb könnte die Gesellschaft jederzeit neue Traditionen gestalten. „Heute spielt die Osterzeit auch eine große Rolle für das Verreisen mit der Familie“, sagt Kausch. Da die Ferien hier anders als die Sommerferien auch länderübergreifend immer übereinstimmten, hätten auch Familienteile in verschiedenen Bundesländern Zeit für einen gemeinsamen Urlaub.
Auch das Kulinarische spiele an Ostern für alle Generationen weiterhin eine große Rolle. „Es gibt auch heute noch etwas Besonderes zu essen. Oft teure Produkte, die man sich sonst nicht in diesem Maße gönnt, wie ein Braten oder teure Schokolade“, sagt Kausch. Auch hierdurch versuche man, dem Fest eine sinnstiftende Komponente jenseits der Liturgie zu bewahren.
„In Irland vergräbt man Heringe, symbolisch soll damit eine Beerdigung der Fastenzeit nachgeahmt werden.”
Heringsvergraben, Osterkrimis und Osterhexen
Wer auf der Suche nach neuen Osterbrauch-Inspirationen ist, kann seinen Blick auch ins europäische Ausland wenden.
- In Finnland und Schweden verkleiden sich die Kinder als Osterhexen und ziehen ähnlich wie an Halloween von Tür zu Tür, um Süßigkeiten zu sammeln.
- In Irland vergräbt man Heringe, symbolisch soll damit eine Beerdigung der Fastenzeit nachgeahmt werden.
- Männer in Ungarn und Polen besprühen Frauen mit parfümiertem Wasser, ein Brauch, der Fruchtbarkeit symbolisiert.
- In Norwegen senden TV-Anstalten rund um die Ostertage vermehrt Krimis, auch das Lesen von Kriminalromanen hat Tradition.
- Griechen bemalen Ostereier traditionell nur rot, da diese das Blut Christi symbolisieren sollen.
- In Spanien spielt die Liturgie noch eine vergleichsweise bedeutende Rolle: Große Prozessionen werden während der Karwoche veranstaltet, in welchen das Leiden Christi nachgespielt wird.
- In Dänemark steht das Rätselraten zu Ostern hoch im Kurs. Viele Menschen verschicken anonyme Rätselbriefe.
Aber auch in den verschiedenen Teilen Deutschlands existieren noch alte Osterbräuche. In Sachsen kennt man beispielsweise das Ostereierschieben. Dabei werden Eier einen Hang hinuntergerollt. Unten stehen Kinder, um diese aufzufangen. Auch dieser Brauch habe sich heute zu einer Art Event weiterentwickelt, wobei die Eier gegen Bälle ausgetauscht wurden, die die Auffangenden gegen kleine Geschenke eintauschen können.
Beim Eierlauf in Rheinland-Pfalz sammeln „Raffer“ in einer bestimmten Zeit so viele ausgelegte Eier wie möglich ein. Wer am Ende die meisten vorweisen kann, gewinnt. In Bayern werden Eier geworfen. Eingehüllt in Wollsäckchen schleudert man sie über Wiesen und Weiden. Wessen Ei am längsten heil bleibt, geht als Sieger aus dem Spiel hervor. In Hessen und Norddeutschland entzündet man große mit Stroh gestopfte Holzräder und rollt sie einen Hang hinab.
Nachhaltig und friedvoll feiern
Neben Tradition und Familienfreude gewinnt ein weiterer Aspekt zunehmend an Kraft: Viele Menschen möchten Feste bewusster gestalten. Ostern, als Fest des Neubeginns, bietet sich besonders an, nachhaltige oder friedensstiftende Akzente zu setzen.
Nachhaltigkeit kann vielfältig aussehen:
- Wer Eier färbt, greift immer häufiger auf Naturfarben aus Zwiebeln, Kurkuma oder Rotkohl zurück.
- Osterkörbchen werden aus Papierresten geflochten oder aus alten Stoffresten genäht.
- Beim Osterbrunch landen regionale Produkte auf dem Tisch, die weniger Ressourcen verbrauchen.
- Ostergeschenke werden reduziert oder bewusst gewählt, etwa als gemeinsame Aktivität anstelle von Dingen.
- Auch der Tierschutz spielt nach Beobachtungen von Andrea Graf seit einigen Jahren beispielsweise beim Entzünden des Osterfeuers eine immer größere Rolle. „Es wird immer wieder darauf hingewiesen, vorab sicherzustellen, dass sich keine kleinen Tiere unter den Holzscheiten verstecken“, sagt Graf.
Gleichzeitig ist Ostern ein guter Moment, über Frieden und Zusammenhalt zu sprechen – besonders, weil das Fest in vielen Kulturen den Wunsch nach einem neuen Anfang symbolisiert. „Ostern symbolisiert wie kein anderes Fest den Sieg des Lebens über den Tod. Die Hoffnung ist der Feier also immanent“, sagt Graf. Familien zünden Kerzen an, formulieren kleine Friedenswünsche oder unterstützen Hilfsprojekte. Manche gestalten ein gemeinsames Ritual: Jeder notiert einen Wunsch für die Welt oder für jemanden, der Unterstützung braucht, und die Familie sammelt diese in einer Schale oder hängt sie in den Garten an Büsche oder Bäume.
So entstehen Rituale, die die festliche Tradition mit einem zeitgemäßen Bewusstsein verknüpfen – verbindend über Generationen hinweg.
„Moderne Ostertraditionen verbinden Familien, schaffen Momente der Ruhe oder des Abenteuers und wecken Lust darauf, gemeinsam etwas Neues auszuprobieren.”
Ostern wächst mit
Ob mit Hasen, Hexen, Holzrädern oder Heringsbegräbnissen – Ostern zeigt, wie kreativ Menschen überall in Europa ihre Feste formen. Die alten Bräuche inspirieren, aber sie dürfen sich verändern, weiterwandern, neue Elemente aufnehmen. Moderne Ostertraditionen verbinden Familien, schaffen Momente der Ruhe oder des Abenteuers und wecken Lust darauf, gemeinsam etwas Neues auszuprobieren.
Und vielleicht entsteht gerade in diesem Jahr ein neues kleines Ritual, das später einmal für die eigene Familie genauso selbstverständlich ist wie das Ostereiersuchen am Sonntagmorgen.
Quellen
- Interview Andrea Graf vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn
- Umfrage: Ostern für fast jeden Zweiten vorrangig Familienfest | evangelisch.de
Claudia Lehnen
Autorin
Claudia Lehnen wollte als Jugendliche Ärztin werden, entschied sich dann aber dafür, lieber über Medizin und Menschen und ihre Krankheits- und Genesungsgeschichten zu berichten. Die in Köln niedergelassene Journalistin, die im Tageszeitungs-Journalismus zu Hause ist, ist unter anderem auf das Themengebiet Gesundheit spezialisiert.