Momente 2023 – Unser Patient inspiriert uns Ärzte sehr

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Lea Ruge, 28, Assistenzärztin, Onkologie Uniklinik Köln

von Ronald Voigt

Einer unserer Patienten, erst 37 Jahre alt, ist an kleinzelligem Lungenkrebs erkrankt. Das ist in diesem Alter eine sehr seltene Diagnose. Eigentlich tritt die Erkrankung erst in späteren Jahren auf. Und sie führt leider relativ schnell zum Tod. Unser Patient hatte schon mit dem Leben abgeschlossen, zum letzten Mal Weihnachten, zum letzten Mal Geburtstag gefeiert. Es gelang uns aber, ihn in eine Studie einzuschließen.


Unser Patient hatte schon mit dem Leben abgeschlossen, zum letzten Mal Weihnachten, zum letzten Mal Geburtstag gefeiert.


Die Substanz, die hier per Infusion in den Körper fließt, ist sehr nebenwirkungsreich. Es kommt beispielsweise zu hohem Fieber, anfangs musste er deshalb auf die Intensivstation. Bei unserem Patienten hat sich aber alles sehr positiv entwickelt. Mittlerweile holt er sich seine Infusion alle zwei Wochen ambulant ab. Dazwischen ist er auf Reisen, in Kanada, Griechenland, Spanien. Er treibt Sport, trainiert an seiner Hantelbank zu Hause. Er ist auf Festivals unterwegs. Es geht ihm blendend und er genießt sein Leben.

Wenn er einen Termin zu einem bildgebenden Verfahren hat, dann darf ich ihm immer die Nachricht überbringen, dass sein Tumor wieder geschrumpft ist. Mittlerweile ist er nur noch zwanzig Prozent so groß wie zu Beginn der Therapie. Unser Patient ist dann immer unglaublich glücklich. Das sind Momente, die ich nie vergessen werde. Beim letzten Mal sagte er zu mir: „Das Ding besiegen wir noch.“


Wenn er einen Termin zu einem bildgebenden Verfahren hat, dann darf ich ihm immer die Nachricht überbringen, dass sein Tumor wieder geschrumpft ist.


Eigentlich ist seine Krankheit in diesem Stadium unheilbar und wir Ärzte sind immer darauf bedacht, den Optimismus auch nicht zu groß werden zu lassen. Dennoch erweckt sein Krankheitsverlauf viel Hoffnung für zukünftige Therapien, da er mit der Diagnose nun schon zweieinhalb Jahre lebt und eineinhalb Jahre davon fast beschwerdefrei.

Seine Art, mit der Krankheit umzugehen, inspiriert uns Ärzte und Pfleger hier sehr. Mir persönlich hilft das, meine eigenen Probleme in den richtigen Kontext zu setzen. Mich beeindruckt diese Stärke, den Mut nicht zu verlieren, weiter Pläne mit seinen Liebsten auszuhecken, sich zu pflegen, sich Wünsche zu erfüllen. Auch dann, wenn man durch Schicksalsschläge brutal vor Augen geführt bekommt, dass die eigene Zeit begrenzt ist. Denn tatsächlich ist sie das ja bei allen von uns.


Seine Art, mit der Krankheit umzugehen, inspiriert uns Ärzte und Pfleger hier sehr. Mir persönlich hilft das, meine eigenen Probleme in den richtigen Kontext zu setzen.


Man muss sich also mit dem Leben gut stellen, die Erfüllung nicht in der Zukunft suchen, sondern die Gegenwart genießen. Der Sinn des Lebens kann doch nur in der Erkenntnis liegen: Jeder Moment ist schön und es ist meine Verantwortung, das zu erkennen.