Die Magie des Immergleichen: Darum sind Rituale so wichtig

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Weihnachten ist ein großes Ritual. Und gerade deshalb ist es für uns “soziale Wesen” so unglaublich wichtig. Handlungen stetig zu wiederholen, schweißt Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen. Für Kinder sind die kleinen Rituale Klebstoff beim Großwerden. Und gerade in Krisenzeiten ist es auch für Erwachsene wichtig, Rituale zu pflegen. Ohne sie würde eine Gesellschaft wohl zerfallen. Dabei zeichnet Rituale vor allem eines aus: Dass sie sich stetig verändern.

Von Christian Parth

Inhalt:

  1. Rituale geben Stabilität und Orientierung
  2. Bessere Überlebenschancen als evolutionärer Vorteil
  3. Aber auch – Hemmschuh für die gesellschaftliche Fortentwicklung
  4. Gerade für Kinder schaffen Rituale “Übergänge”
  5. In der Corona-Pandemie hatten Rituale eine Renaissance
  6. Der Mensch als soziales Wesen ist auf Rituale angewiesen
  7. Regional unterschiedlich – der Nubbel ist schuld

 

Wenn Weihnachten die Familie zusammenkommt, die Geschenke unter dem geschmückten Tannenbaum liegen, der Geruch des Festtagsessens das Haus durchströmt, das Glöckchen zur Bescherung bimmelt und die Großmutter Geschichten aus vergangenen Zeiten erzählt, ist das ein Hochamt des Zusammenseins. Möglich ist es, weil Heiligabend einem berechenbaren Ablauf folgt, der jedes Jahr ähnlich und doch auch immer wieder anders ist. Statt Ente gibt es Fondue, der Sohn, der vor einem Jahr noch mit glänzenden Augen vor den Präsenten stand, ist im pubertären Gefühlschaos  plötzlich genervt von mutmaßlich familiärer Spießigkeit. Und auch der Gottesdienst steht mit einem Mal nicht mehr auf der Festtagsagenda. Dafür wird – gemeinsam – auf der Playstation gezockt.

Rituale geben Stabilität und Orientierung

Gerade das Weihnachtsfest zeigt, was Rituale ausmacht: Sie stiften Gemeinschaft, erfahren epochenbedingte Anpassungen und überdauern mitunter Generationen. Man könnte es auch so ausdrücken: Alles bleibt anders. „Rituale sind wichtig, weil sie uns Stabilität und Orientierung geben“, sagt Ritualforscher Christoph Wulf, Professor für Anthropologie und Erziehung am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin.

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Bessere Überlebenschancen als evolutionärer Vorteil

Doch nicht nur in religiösen Festen wie Weihnachten und Ostern zeigen sich Rituale. Wenn man so will, ist ein ganzes Menschenleben von sich wiederholenden Handlungen geprägt, die mal mehr und mal weniger zelebriert werden. Die Taufe oder auch eine gemeinsame Feier nach der Geburt eines Kindes, das Ja-Wort bei der Trauung, Partys zu runden Geburtstagen, Firmenjubiläen, die Trauerfeier nach der Beerdigung eines geliebten Menschen.


„Es gibt kein Soziales, keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft ohne Rituale.“ Ritualforscher Professor Christoph Wulf 


Aber auch andere Lebensbereiche sind ritualisiert: Das Spielen der Hymnen, wenn sich zwei Nationen in einem sportlichen Wettkampf messen, das Abschreiten der militärischen Ehrenformation bei Staatsbesuchen, das Schwören von Amtseiden, sogar der regelmäßige Tumult bei Tarifverhandlungen scheint längst ritualisiert.

„Es gibt kein Soziales, keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft ohne Rituale“, sagt Wulf. Mit ihnen würde man erst lernen, eine Gruppe zu bilden und zu stärken. Das hat sich im Lauf der Evolution als Vorteil erwiesen. Eine gefestigte Gemeinschaft hatte gegenüber dem Einzelnen immer die größeren Überlebenschancen.

Aber auch – Hemmschuh für die gesellschaftliche Fortentwicklung

Rituale aber müssen deshalb keineswegs immer von Vorteil sein, manche von ihnen sind überkommen, sind eher Hemmschuh für die gesellschaftliche Fortentwicklung. Verstörende Aufnahmerituale in Burschenschaften etwa, die jahrelange Praxis in der Arbeitswelt, nur Männer in Vorstandsposten zu hieven und Frauen allenfalls als Sekretärin zu beschäftigten, auch das waren und sind teilweise bis heute ritualisierte Abläufe.

„Allgemein gilt schon, dass man Rituale immer auch kritisch hinterfragen darf, ob sie zeitgemäß sind oder ob sie einer offenen, humanen Gesellschaft widersprechen“, sagt Dieter Frey, Autor des Buches „Psychologie der Rituale und Bräuche“ und Professor für Sozial- und Wirtschaftspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

“Keine Gesellschaft, die sich nicht mithilfe von Ritualen konstituiert”

Manche hätten Rituale deshalb gern gleich ganz abgeschafft. „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, stand auf einem Transparent, das Studierende erstmals 1967 an der Hamburger Uni zeigten. Die Parole wurde zu einer der Kernbotschaften der damaligen Studierendenbewegung. Sie spielte an auf die NS-Propaganda, die phantasierte, ein 1000-jähriges Reich zu errichten.

Die Demonstranten wollten das Bewusstsein dafür wecken, dass noch immer zu viele Akteure aus der Zeit des Nazi-Regimes mit ihrer intoleranten Autorität die Geschicke des Landes leiteten. „Man dachte damals, dass man Rituale abschaffen müsse, weil sie Hierarchien und Herrschaftsstrukturen vermitteln, ohne dass man diese merkt“, sagt Wulf. Die Kritik sei zwar richtig gewesen, der Gedanke aber, man könne Rituale abschaffen, sei naiv.

„Es gibt keine Gesellschaft, die sich nicht mithilfe von Ritualen konstituiert“, sagt Wulf, der in diesem Zusammenhang gerne auch von Inszenierungen und Aufführungen spricht. „Rituale sind die Form, in der Gemeinschaften entstehen, weil Menschen etwas gemeinsam tun. Und zwar sprachlich, gedanklich, sinnlich, aber auch mit dem ganzen Körper.“

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Gerade für Kinder schaffen Rituale “Übergänge”

Rituale sind nicht nur ein Festhalten an Bewährtem, sondern auch auf die Zukunft ausgerichtet. Mit der „Berliner Gesten- und Ritualstudie“ konnte Wulf Anfang der 2000er Jahre zeigen, wie wichtig wiederkehrende Handlungen gerade für Kinder sind. Über zwölf Jahre hinweg begleiteten Wulf und sein Team Kinder an einer städtischen Berliner Grundschule.

Der Tag der Einschulung, das Erlernen still zu sitzen und zuzuhören, wenn die Lehrerin spricht, das spielerische Gestalten des Unterrichts, das Zusammenwachsen des Klassenverbands, machen aus einem Kitakind schließlich ein Schulkind. „Rituale schaffen Übergänge und erzeugen Erinnerungen“, sagt Wulf. „Sie haben eine magische Komponente.“

Gerade für Kinder sind ritualisierte Abläufe wichtig, um Vertrauen zu einer Welt zu fassen, die sie erst noch kennenlernen werden. Das gemeinsame Frühstück, das Abholen von der Kita, das allabendliche Vorlesen. „Für Kinder ist es von großer Bedeutung, sich darauf verlassen zu können, dass die Dinge, die man heute tut, morgen wieder gemacht werden. Es gibt ihnen Halt, Sicherheit und Geborgenheit.“


„Rituale helfen, Krisen besser zu meistern, weil sie das Gefühl von Gemeinschaft geben.“ Psychologe und Buchautor Dieter Frey


In der Corona-Pandemie hatten Rituale eine Renaissance

Diese Gefühle aber sind auch für Erwachsene gültig, gerade dann, wenn die Welt unsicherer zu werden droht.  Krisenzeiten können diejenigen besser überstehen, die ein verlässliches soziales Netz um sich herumgebaut haben. Während der Lockdowns und der Homeschooling-Phasen in der Corona-Pandemie haben Rituale eine Art Renaissance erfahren.

Mit Spieleabenden haben Familien eine wiederkehrende Neuerung in einen belastenden Alltag gebracht. Puzzle waren zeitweise ausverkauft. Auch in dieser Zeit griffen die Menschen zurück auf Bewährtes und Bekanntes, aber eben in neuem Gewand. Damit wie immer die ganze Familie teilhaben kann, wurden Weihnachtsfeste und Geburtstage digital gefeiert.

„Rituale helfen, Krisen besser zu meistern, weil sie das Gefühl von Gemeinschaft geben“, sagt Psychologe Frey.

Der Mensch als soziales Wesen ist auf Rituale angewiesen

Die Pandemie hat allerdings auch vor Augen geführt, wie grausam die Abwesenheit von Ritualen sein kann. Menschen starben einsam in Pflegeheimen und Krankenhäusern, ohne sich zuvor von ihren Angehörigen verabschieden zu können. Sie hatten niemanden, der ihnen in den letzten Stunden des Lebens die Hand hielt und ihnen im Angesicht des Todes Trost spenden konnte.

In der Öffentlichkeit wurde das vielfach als menschenunwürdig wahrgenommen. „Das Schlimmste ist ja, wenn der Mensch als soziales Wesen sich einsam fühlt, keine Orientierung hat, isoliert ist“, sagt Ritualforscher Frey.

Regional unterschiedlich – der Nubbel ist schuld

Und natürlich sind Rituale regional recht unterschiedlich. Wenn im Rheinland an Karneval die Jecken durch die Straßen ziehen, interessiert das in Hamburg und Berlin kaum noch jemanden. In Köln aber ist das ganze Jahr über kaum so viel Gemeinschaft zu spüren, wie an den großartigen Tagen, die übrigens ebenfalls mit einem recht eigenwilligen Ritual der seelischen Selbstreinigung enden.

Am Abend vor Aschermittwoch werden in der ganzen Stadt Nubbel verbrannt. Menschen versammeln sich um eine Strohpuppe, ein als Geistlicher verkleideter Karnevalist verliest in Mundart eine Anklage und schiebt dem Nubbel stellvertretend die Schuld für all die begangenen Sünden in die Schuhe. Danach wird die Puppe angezündet, die Sünden gehen in Rauch auf. Alles ist verziehen.

Quellen: