RS-Viren: Gefährlich für sehr junge, kranke und ältere Menschen

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Das Respiratorische Synzytial-Virus, kurz RSV, ist schon seit Langem weltweit verbreitet. Wie bedrohlich es sein kann, wurde erst vor Kurzem richtig klar. Inzwischen gibt es zwei Impfstoffe, die vor der Infektion und einem schweren Verlauf schützen. Gedacht sind sie in erster Linie für Schwangere, ältere und vorerkrankte Menschen. Doch auch alle anderen können den Erreger in Schach halten.

Von Anke Brodmerkel

RS-Virus erst seit Corona-Pandemie einer breiten Öffentlichkeit bekannt

Vor der Corona-Pandemie war das RS-Virus vor allem Kinderärzten und jungen Eltern bekannt. Das änderte sich erst, als sich im vergangenen Winter auf einmal die Kinderstationen der Krankenhäuser zunehmend füllten. Kleine Patienten, die mit Atemnot zu kämpfen hatten, lagen dort und erhielten Sauerstoff. Ihre Bilder gingen durch die Medien. Infiziert hatten sich die oft noch sehr kleinen Kinder mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus, kurz RSV.


„Kinder infizieren sich meist schon in ihren ersten zwei Lebensjahren.“

Prof. Pletz


Das RS-Virus ist ein Erreger von Atemwegserkrankungen

Anders als beim Corona-Virus handelt es sich nicht um einen neuen Erreger. Doch woher kamen auf einmal die vielen erkrankten Kinder? „Das RS-Virus ist schon sehr lange auf der ganzen Welt verbreitet“, erklärt Professor Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena. „Kinder infizieren sich meist schon in ihren ersten zwei Lebensjahren.“

„Allerdings hatten die in der Pandemie getroffenen Maßnahmen – insbesondere das Tragen von Masken – sehr effektiv verhindert, dass RS-Viren sich ausbreiten konnten“, sagt Pletz. Als die Regeln dann im Spätsommer 2021 gelockert wurden, traf der Erreger im Vergleich zu früheren Jahren auf mindestens doppelt so viele Kinder, die bislang noch keinen Kontakt zu dem Virus gehabt hatten. Die Folge waren zum Teil restlos überfüllte Stationen in den Kliniken.


Weltweit sterben jedes Jahr rund 500.000 Menschen an den Folgen einer RSV-Infektion.“

Prof. Pletz


 

Nicht nur Kinder, auch ältere Menschen haben oft einen schweren Verlauf

Nicht jedes mit RSV infizierte Kind erkrankt schwer. Doch während gesunde Erwachsene die Infektion meist sehr gut wegstecken und sie mitunter nicht einmal bemerken, macht sie gerade Säuglingen und Kleinkindern, aber auch älteren Menschen sowie Patienten mit Begleiterkrankungen oft mehr zu schaffen. „Weltweit sterben jedes Jahr rund 500.000 Menschen an den Folgen einer RSV-Infektion, zum Beispiel einer Lungenentzündung“, berichtet Pletz. „Auch die Industrienationen bleiben von RSV-bedingten Todesfällen nicht verschont.“

Wie viele Menschen tatsächlich eine Atemwegserkrankung aufgrund des RS-Virus entwickeln, war lange Zeit unbekannt. „Früher gingen wir davon aus, dass der Erreger ausschließlich Kinder unter 2 Jahren befällt“, sagt Professor Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie und Infektiologie der Medizinischen Hochschule Hannover. „Inzwischen wissen wir, dass auch erwachsene und insbesondere ältere Menschen von RSV-Infektionen betroffen sind.“

Sicher erkannt wird die Infektion nur durch einen PCR-Test

Das neu erworbene Wissen ist in erster Linie dem Corona-Virus SARS-CoV-2 zu verdanken. „Mit seinem Auftreten wurden PCR-Tests entwickelt, die sicher und zugleich kostengünstig waren“, berichtet Welte. Mittlerweile werden Patienten, die wegen einer Atemwegserkrankung im Krankenhaus behandelt werden müssen, standardmäßig auf vier verschiedene Erreger getestet: RSV, SARS-CoV-2 sowie Influenza A und B, die beiden Erreger der echten Grippe.

Denn anhand ihrer Symptome sind die Infektionen, egal ob sie leicht oder schwer verlaufen, kaum voneinander zu unterscheiden. Insbesondere die Erkrankungen aufgrund von RSV oder Corona-Viren ähneln sich mit ihren anfänglichen klassischen Erkältungsbeschwerden wie Husten, Halskratzen und Mattigkeit oft sehr. Eine Influenza ist zwar häufig dadurch gekennzeichnet, dass sie sehr schnell zusätzlich Fieber und Gliederschmerzen hervorruft, aber auch das muss nicht in jedem Fall so sein.

Anzeichen eines schweren Verlaufs sind Atemgeräusche und Luftnot

Recht typisch für eine RSV-Infektion ist eine Bronchiolitis. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Bronchiolen, bei der diese kleinen Äste des Bronchialsystems in den unteren Atemwegen anschwellen. Bemerkbar macht sie sich durch eine pfeifende oder keuchende Atmung, die mit Luftnot verbunden sein kann.


Auch wenn Fieber länger als 3 Tage anhält oder erst sinkt und dann wieder steigt, ist ein Gang zum Arzt erforderlich.


„Treten solche Atembeschwerden auf, sollte unverzüglich ein Arzt aufgesucht werden“, rät Pletz. „Er kann entscheiden, ob die Infektion im Krankenhaus behandelt und überwacht werden sollte.“ Auch wenn Fieber länger als 3 Tage anhält oder erst sinkt und dann wieder steigt, ist ein Gang zum Arzt erforderlich. Ursächliche Therapien, die das Virus bekämpfen, gibt es für Kinder zwar nicht. Die Gabe von Sauerstoff kann aber helfen, ihre Atmung zu erleichtern. Zuweilen kommt auch Cortison zum Einsatz, um die Entzündung der Bronchiolen zu lindern.

Ein Medikament, das sich direkt gegen das Virus richtet, ist der gegen Hepatitis C zugelassene Wirkstoff Ribavirin. „Aufgrund seiner starken Nebenwirkungen kommt er aber allenfalls bei einem schweren Verlauf erwachsener Patienten zum Einsatz“, erklärt Welte.

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Ein Pulsoximeter hilft, einen schweren Verlauf rechtzeitig zu erkennen

Um die Schwere der Erkrankung zu beurteilen, eignet sich Pletz zufolge vor allem ein elektronisches Gerät, das den Puls und die Sauerstoffsättigung des Blutes am Finger misst. „Die Werte solcher Pulsoximeter sind sehr viel aussagekräftiger als die eines Fieberthermometers, weshalb sie meines Erachtens in keiner Hausapotheke fehlen sollten“, betont Pletz. Sie seien preiswert und einfach zu bedienen.

In leichteren Fällen wird eine RSV-Infektion wie eine gewöhnliche Erkältung behandelt und auskuriert. Die folgenden Regeln haben sich dabei bewährt:

  • viel Ruhe
  • viel trinken, am besten heißen Kräutertee
  • mehrmals täglich gurgeln, zum Beispiel mit Salbeitee
  • kurze Spaziergänge an der frischen Luft
  • dabei auf warme Kleidung achten
  • ausreichend schlafen
  • versuchen, andere nicht anzustecken

„Um sich selbst oder andere Menschen vor der Infektion zu schützen, sind alle Maßnahmen sinnvoll, die wir aus der Pandemie kennen“, sagt Welte: „Abstand halten, Zimmer lüften, Hände waschen, in ein Taschentuch oder die Ellenbeuge husten und niesen – und gegebenenfalls auch eine Maske tragen.“

Seit Sommer 2023 stehen zwei Impfstoffe zur Verfügung

Eine weitere Möglichkeit, um sich vor der Ansteckung mit RS-Viren oder zumindest einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen, ist seit Kurzem die Impfung. Im Sommer 2023 hat die europäische Arzneimittelkommission EMA (European Medicine Agency) zwei Impfstoffe zugelassen, die insbesondere Babys sowie älteren und vorerkrankten Menschen dabei helfen sollen, das Virus zu bekämpfen.

Bei einem Impfstoff handelt es sich um einen reinen Eiweiß-Impfstoff ohne Wirkverstärker oder Genabschnitte in Form von mRNA. Er ist für schwangere Frauen im letzten Drittel der Schwangerschaft gedacht, wenn die Organbildung des Ungeborenen abgeschlossen ist. Als besonders sinnvoll gilt er für all jene, die ihr Baby in den Herbst- oder Wintermonaten zur Welt bringen.


„Die geimpften Frauen bilden Antikörper gegen das RS-Virus, die über die Placenta zu ihrem ungeborenen Kind gelangen…“

Prof. Pletz


„Die geimpften Frauen bilden Antikörper gegen das RS-Virus, die über die Placenta zu ihrem ungeborenen Kind gelangen und es später vor allem in seinen ersten sensiblen Lebensmonaten vor der Infektion schützen“, erklärt Pletz. Die Impfung nutze so eine Strategie der Natur, den sogenannten Nestschutz, um den Nachwuchs zu schützen. Ebenso wie sein Kollege Welte plädiert Pletz daher ausdrücklich dafür, schwangere Frauen zu impfen.

Antikörper können Frühgeborene vor einem schweren Verlauf bewahren

„Eine Studie hat gezeigt, dass nur 29 schwangere Frauen geimpft werden müssen, um eine schwere Infektion bei Säuglingen zu verhindern“, sagt Welte (siehe „NNT“). Die Babys selbst zu impfen, hat sich hingegen nicht als sinnvoll erwiesen. Ihr Immunsystem ist noch nicht reif genug, um Antikörper gegen RSV zu bilden. Für besonders gefährdete Babys, etwa Frühgeborene oder Säuglinge mit Herz- oder Lungenfehlern, gibt es die Möglichkeit einer passiven Immunisierung mit monoklonalen Antikörpern, die allerdings nur für eine sehr begrenzte Zeit vor der Infektion schützen.

NNT – Number needed to treat

Die „Number Needed to Treat“ (NNT) ist eine Zahl, die den Nutzen einer Therapie auf statistische Weise darstellt. Sie zeigt, wie viele Patienten im Durchschnitt behandelt werden müssen, damit bei einem von ihnen das angestrebte Therapieziel erreicht wird.

Die Sächsische Impfkommission SIKO hat sich bereits für die Impfung von werdenden Müttern ausgesprochen. Insbesondere Schwangere, die sich zwischen September und Januar in der 32. bis 36. Schwangerschaftswoche befinden, sollten die Impfung erhalten. Denn in diesen Monaten sei das Infektionsrisiko am höchsten, heißt es in der Empfehlung der SIKO.

Das entsprechende bundesweite Gremium, die Ständige Impfkommission STIKO, ist hingegen noch zu keiner abschließenden Erklärung gekommen. „Bedauerlich ist das vor allem deshalb, weil die Krankenkassen ohne eine STIKO-Empfehlung nicht verpflichtet sind, die doch recht teure Impfung zu bezahlen“, sagt Pletz. „Viele von ihnen übernehmen die Kosten auf Anfrage dennoch bereits – das zeigt, dass auch sie von der Effektivität der Impfung überzeugt sind.“ Die Entscheidung der STIKO wird bis Mitte 2024 erwartet.

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In anderen Ländern gibt es bereits Impfprogramme gegen RSV

Der zweite Impfstoff ist insbesondere für Personen ab 60 Jahren gedacht und enthält daher auch Wirkverstärker, sogenannte Adjuvanzien, die die Immunreaktion älterer Menschen ankurbeln sollen. Für diesen Impfstoff gibt es bislang keine Empfehlung von den Behörden. „Das liegt vermutlich vor allem daran, dass es für diese Personengruppe noch zu wenige Daten gibt, da die Infektionen bei älteren Menschen ja lange Zeit unerkannt blieben“, erklärt Welte.

Sowohl er als auch sein Kollege Pletz halten es trotzdem schon jetzt für sinnvoll, erwachsene Menschen, die aufgrund ihres Alters oder Erkrankungen, zum Beispiel Leukämien oder Lymphdrüsenkrebs, besonders gefährdet sind, gegen RSV zu impfen. Studien hätten gezeigt, dass der Impfstoff zu 75 Prozent vor der Infektion und zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf schütze, berichtet Welte. In Kanada zum Beispiel seien daher bereits Impfprogramme in den Altersheimen angelaufen.

RSV-Infektionen erhöhen das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle

„Wir wissen, dass Virusinfektionen andere chronische Leiden wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschlechtern können“, sagt Welte. Die Grippeimpfung etwa habe bewiesen, dass sie das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzrhythmusstörungen besser als jedes Herzmedikament senken könne.


„Auch RSV-bedingte Lungenentzündungen erhöhen langfristig das Sterberisiko.“

Prof. Pletz


„Auch RSV-bedingte Lungenentzündungen erhöhen langfristig das Sterberisiko“, ergänzt Pletz. „Aktuelle Untersuchungen von uns haben gezeigt, dass etwa jeder siebte Patient, der wegen einer RSV-Infektion ins Krankenhaus eingewiesen wird, in den darauffolgenden Wochen einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine andere Komplikation der Blutgefäße erleidet.“ Aus diesem Grund raten beide Mediziner nicht nur Schwangeren, sondern auch älteren und vorerkrankten Menschen dazu, ihre Ärzte und Krankenkassen gezielt auf die Möglichkeit einer RSV-Impfung anzusprechen.

Quellen