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Schlaf und Erholung nach der Geburt
Das Kind ist da, die Freude groß – und die Erschöpfung oft bald auch. Was tun, wenn das Baby seine Eltern kaum zur Ruhe kommen lässt? Schlaf und Erholung nach der Geburt sind essenziell für ein harmonisches Familienleben. Aber zugleich ist es ganz normal, dass Babys in den ersten Wochen noch keinen stabilen Schlafrhythmus haben. Was im Alltag mit Baby hilft, um wieder Kraft zu tanken, verraten wir Ihnen hier.
Schlafen wie ein Baby – das heißt, ziemlich oft wach zu sein
Babyschlaf ist ganz anders als Erwachsenenschlaf. Zum Beispiel träumen Babys viel häufiger, sie haben fast doppelt so viele REM-, also Traumschlafphasen wie Erwachsene. Auch ihre Schlafzyklen sind deutlich kürzer. Während bei Erwachsenen ein Schlafzyklus – also Einschlaf- und Aufwachphase sowie Schlafphasen mit und ohne Träumen – etwa 90 Minuten umfasst, sind es bei Neugeborenen oft nur etwa 25-30 Minuten. Entsprechend häufig wachen Babys auf, um Nahrung zu sich zu nehmen oder sich der Bindung zu ihren Eltern zu versichern.
„Schlafen wie ein Baby heißt zumindest für Neugeborene, ich wache jede halbe Stunde auf, suche nach Nahrung und Bindung.”
Auch wenn Babys laut Kinderärztin Dr. Tanja Brunnert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen (BVKJ e.V.) durchschnittlich 16-18 Stunden am Tag schlafend verbringen, heißt das nicht, dass sie ihre Eltern während dieser Zeit nicht brauchen. Insbesondere in den ersten Wochen, aber oft auch weit darüber hinaus, bis ins zweite und dritte Lebensjahr hinein, schlafen Kinder nicht durch. Dennoch können Eltern einiges tun, um gesunden Schlaf für Eltern und Kind zu unterstützen.
Was hilft, damit das Baby schläft?
Kinderschlafexpertin Daniela Butcher ist Dipl-Psychologin und Gründerin des Vereins Kinderschlaf e.V. Sie rät als ersten Schritt, sich zu informieren, wie Babyschlaf überhaupt funktioniere. Es könne entlastend sein, zu verstehen, dass Säuglinge in ihrem ersten Lebensjahr lernen, Tag und Nacht zu unterscheiden und ihren Biorhythmus zu festigen. Daher sei es ganz normal, wenn das Baby in den ersten Monaten nachts häufig wach sei.
Als wirksamen Tipp rät sie, darauf zu achten, dass sich das Neugeborene tagsüber viel im Tages- und Sonnenlicht aufhalte (natürlich mit entsprechendem Sonnenschutz). Dafür solle nachts, z. B. beim nächtlichen Wickeln, das Licht gedämpft sein. Das unterstütze die Melatoninproduktion und damit die Entwicklung des Tag-Nacht-Rhythmus. Auch wenn tagsüber Geräusche lauter, nachts aber gedämpfter seien, sei das ein wichtiges Signal für das Neugeborene, dass nun „Schlafenszeit“ sei.
Kinderärztin Tanja Brunnert empfiehlt Einschlafrituale von Anfang an. Die Kinderschlafberaterin Daniela Butcher hingegen betont, dass diese in erster Linie für die Eltern wichtig seien. Sie strukturieren den Tag und geben ihnen und dem Kind das Signal, allmählich zur Ruhe zu kommen.
Spannenderweise seien Babys und Kleinkinder in anderen Kulturkreisen oft auch noch spät abends mit ihren Eltern unterwegs und schliefen dennoch entspannt ein. Für viele Eltern bieten Einschlafrituale wie das gemeinsame Abendessen, das Umziehen und Wickeln und gegebenenfalls ein Schlaflied oder das Stillen an der Brust aber einen wichtigen Rahmen, um gut in den Schlaf zu finden. Einig sind sich beide Expertinnen, dass diese Rituale so gestaltet sein sollten, dass sie auch auf Dauer gut angewendet werden können, ohne die Eltern zu erschöpfen.
Wichtig sei, auch darin sind sich die Expertinnen einig, insbesondere für Neugeborene, viel Körperkontakt. Das Kind schon kurz nach der Geburt im eigenen Bett, womöglich sogar allein in einem anderen Raum schlafen zu lassen, funktioniere deswegen oft nicht sehr gut und werde von Experten für die ersten sechs Lebensmonate auch gar nicht empfohlen. Grundsätzlich sei aber jede Familie individuell, betont Kinderschlafexpertin Daniela Butcher: Was für die einen funktioniere, sei für die anderen nicht hilfreich. Fakt sei: Babys suchen im Schlaf die Nähe ihrer (Haupt-)Bezugspersonen, schon allein, um sich sicher zu fühlen.
„Schlaftrainings, bei denen das Baby alleine gelassen wird, bis es einschläft, sind erwiesenermaßen schädlich für die psychische und körperliche Entwicklung des Kindes.”
Das Neugeborene zu zwingen, alleine einzuschlafen, auch wenn es dabei weint und schreit, wie es sogenannte „Schlaftrainings“ empfehlen, gefährde nachweislich die Gesundheit des Kindes, so Kinderschlafexpertin Butcher. Sein grundlegendes Bedürfnis nach Schutz und Nähe werde dabei ignoriert. Das löse beim Baby nicht nur enormen Stress aus, sondern könne langfristige Folgen wie Depressionen, Adipositas oder Schlafstörungen als Erwachsene haben.
Schlafen im Bett der Eltern – ja oder nein?
Hier gehen die Meinungen von Kinderärztin Tanja Brunnert und Kinderschlafberaterin Daniela Butcher ebenfalls auseinander. „Das Elternbett ist aus kinderärztlicher Sicht nicht der geeignete Schlafort für Säuglinge“, so Kinderärztin Brunnert. Sie empfiehlt allerdings das Schlafen des Babys in der Nähe der Eltern – schon allein, damit die Mutter, wenn sie zum Beispiel nachts stillt, nicht immer aufstehen muss. Ein Beistellbett direkt am Bett der Eltern sei hierzu gut geeignet.
Daniela Butcher gibt aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung als Kinderschlafberaterin eine etwas andere Empfehlung. Zwar betont auch sie, wie wichtig zum Schutz des Babys eine sichere Schlafumgebung sei, auch, um den plötzlichen Kindstod (SIDS) zu vermeiden. Allerdings schlafe längst nicht jedes Baby ruhig und entspannt im eigenen (Beistell-)Bett. Insofern könne auch ein Familienbett eine gute Lösung sein. Dabei sollten Eltern einige wichtige Punkte beachten, um ihr Kind im Schlaf nicht zu gefährden.
Eine sichere Schlafumgebung – das ist wichtig:
Das Baby sollte mit guter Luftzirkulation und ausreichend Platz, ohne Nest, Decke oder Kopfkissen schlafen. Außerdem wird eine Raumtemperatur von etwa 18 Grad empfohlen. Schutz vor Auskühlung bieten Babyschlafsäcke, in die das Kind nicht hineinrutschen kann. Es gibt sie je nach Temperatur in der Sommer- und Wintervariante.
Schläft das Kind mit im Elternbett, muss es darin vor allem genügend Platz haben. 90 Zentimeter pro Person, also auch für das Baby, seien ideal, so Kinderschlafexpertin Daniela Butcher. Außerdem muss es vor dem Herausfallen geschützt sein. Wasserbetten sind als Familienbett tabu. Eine gute Alternative zum Familienbett sind für die ersten Monate Beistellbettchen (Babybays), die an das Elternbett angebaut werden, oder ein Gitterbettchen neben dem Bett der Eltern.
Eltern sollten, erst recht, wenn sie nahe bei ihrem Kind schlafen, auf keinen Fall starke Medikamente, Alkohol oder sonstige Drogen zu sich nehmen. Auch Zigarettenrauch im Zimmer sowie auf Haut und Kleidung der Eltern ist für Babys schädlich.
Insgesamt lässt sich sagen, dass jede Familie letztlich ihren eigenen Weg finden muss. Insbesondere für Mütter sei es wichtig, auch auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, so Kinderschlafexpertin Daniela Butcher: Zwar unterstütze intensiver Körperkontakt, insbesondere in den ersten Tagen und Wochen, klar die Bindung zwischen Mutter und Kind und sei auch wichtig für die Milchproduktion, wenn die Mutter stillen wolle. Aber letztlich sei entscheidend, dass sich Kind und Mutter wohl fühlten. Es gebe auch Mütter, die mit dem Baby direkt neben sich nicht in den Schlaf fänden. Insofern sei es wichtig, die individuelle Situation zu betrachten, so Kinderschlafberaterin Daniela Butcher, und die Schlafumgebung für die Familie entsprechend zu gestalten.
„Es gebe auch Mütter, die mit dem Baby direkt neben sich nicht in den Schlaf fänden. ”
Was hilft gegen Erschöpfung im ersten Babyjahr?
Hilfe anzunehmen, sei das Wichtigste. Darin sind sich Kinderärztin Tanja Brunnert und Psychologin Daniela Butcher einig. Entscheidend sei hier auch der andere Elternteil als zweite Bindungsperson. Er könne die Mutter bei allem unterstützen, was neben der Betreuung des Babys anfalle, also zum Beispiel auch das Wickeln oder Fläschchengeben in der Nacht übernehmen.
Aufgaben im Haushalt wie Kochen, Putzen oder auch Fahrwege zu Kita und Schule der Geschwisterkinder sollten in den ersten Wochen ohnehin auf möglichst viele Schultern verteilt werden. So kann die Mutter sich nach Schwangerschaft und Geburt erholen und die Eltern können sich auf die Bindung zum Neugeborenen konzentrieren.
Wacht das Baby jedoch über das erste halbe Jahr hinaus jede Nacht dutzende Male auf oder weint und schreit sehr viel, ist es wichtig, sich professionelle Unterstützung zu holen. Die Kinder- und Jugendarztpraxis kann hier die erste Anlaufstelle sein. Auch die Frühen Hilfen sind eine gute Möglichkeit, um in den ersten drei Jahren mit Baby und Kleinkind Unterstützung zu erhalten.
Und nicht zuletzt kann eine professionelle Babyschlafberatung klären, wie sich Schlafumgebung und Einschlafrituale so verändern lassen, dass sich Kind und Eltern damit wohlfühlen. Adressen qualifizierter Still- und Schlafberater:innen bieten zum Beispiel die La Leche Liga oder auch der Verein Kinderschlaf.
Wichtig sei, gerade, wenn das Kind als „Schreibaby“ viel und langandauernd schreie, auch als Eltern die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren, so Daniela Butcher: „Bei Schreibabys gilt: Die Person, die am entspanntesten ist, kümmert sich um das Kind. Eltern sollten sich zunächst, zum Beispiel über die Bauchatmung, selbst regulieren, um sich dann wieder liebevoll ihrem Kind zuwenden zu können.“ Gerade hier ist weitere Unterstützung entscheidend. In Krisensituation hilft bundesweit das Elterntelefon oder die Emotionelle Erste Hilfe.
Babyschlaf ist ein Gemeinschaftsprojekt – Unterstützung hilft
Insgesamt lässt sich sagen, dass Babys einfach anders schlafen als Erwachsene. Entsprechend normal ist es, dass sie sich monatelang auch nachts häufig melden. Wichtig ist also, die Erwartungshaltung als Eltern entsprechend zu verändern. Neben einer sicheren und für alle angenehmen Schlafumgebung können Einschlafrituale und ein regelmäßiger Tagesablauf mit viel Zeit an der frischen Luft helfen. Weiterhin ist insbesondere in den ersten Wochen nach der Geburt Unterstützung wichtig.
Hier können der andere Elternteil sowie Freunde und Verwandte aktiv mithelfen, sodass die Mutter sich nach Schwangerschaft und Geburt erholen kann. Hilfreich kann es sein, zum Beispiel Essen vorzukochen oder sich mit dem Baby oder den Geschwisterkindern zu beschäftigen. Schreit das Baby sehr viel oder schläft dauerhaft schlecht, helfen professionelle Anlaufstellen wie die Frühen Hilfen oder die Kinder- und Jugendarztpraxen.
„Jedes Kind kann schlafen, es kann nur oft nicht schlafen, wie die Eltern es wünschen“, so Kinderschlafexpertin Daniela Butcher. Sich zu informieren, Hilfe zu suchen und Unterstützung anzunehmen, sind somit der beste Weg für ruhigen Schlaf von Eltern und Kind.
Unsere Expertinnen:
Dr. Tanja Brunnert, Kinderärztin, stellvertretende Landesvorsitzende Niedersachsen und Mitglied des Vorstands des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzt:innen (BVKJ e.V.)
Daniela Butcher, Dipl.-Psychologin, Stillberaterin (La Leche Liga), Doula und Gründerin und Obfrau des Vereins Kinderschlaf e.V.
Beratungs- und Unterstützungsangebote:
- Frühe Hilfen (Hilfe in den ersten drei Lebensjahren): www.fruehe-hilfen.de
- La Leche Liga (Adressen qualifizierter Still- und Schlafberater:innen): www.lalecheliga.de
- Verein Kinderschlaf e.V. (Kinderschlafberatung): www.kinderschlafberatung.com
- Elterntelefon: www.elterntelefon.info, 0800 111 0500 (Mo-Fr 9-17 Uhr, Di-Do 9-19 Uhr)
- Verein Schatten und Licht (bei Wochenbettdepressionen): www.schatten-und-licht.de
- Emotionelle Erste Hilfe (EEH): www.emotionelle-erste-hilfe.org
Website:
- Leitfaden „Sicherer Babyschlaf“: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/schlafen/0-12-monate/schlafumgebung/
Sarah Zöllner
Autorin
Sarah Zöllner schreibt als Journalistin und Autorin über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Familien- und Gleichstellungspolitik. 2023 erschien ihr zweites Buch „Mütter. Macht. Politik. - Ein Aufruf!“. Für die Envivas informiert sie regelmäßig über Gesundheitsthemen und Wissenswertes rund um den Alltag mit Kindern. Mit ihrer Familie lebt sie nahe Heidelberg.