Licht und Gesundheit: Wann zuviel Sonne gefährlich ist

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von Christian Parth

Strahlende Sonne ist ein Glücklichmacher, aber sie kann auch immensen Schaden wie Hautkrebs anrichten. Denn Haut hat ein Gedächtnis – und sie verzeiht nie.

Der menschliche Körper benötigt Licht

Meine Versorgung mit Sonnenlicht ist nicht befriedigend. Es ist 11:30 Uhr an einem Freitagmorgen. Am kreisrunden Ausschnitt meines T-Shirts klemmt eine schwarze Diode in der Größe einer Ein-Euro-Münze und misst meinen Lichtstimulus. Der Tracker ist per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden. Das Display zeigt einen Wert von 30. Wobei 100 volle Lichtenergie bedeutet und Null nächtliche Finsternis. Der Ratschlag der App: Verändern Sie das Umgebungslicht.

Das ist leicht gesagt, wenn man die meiste Zeit des Tages am Schreibtisch sitzt und die einzigen nennenswerten Lichtquellen das Smartphone und das Notebook-Display sind. Aber das Gerät, das ein britisches Unternehmen entwickelt hat, hat natürlich Recht: So kann das nicht weitergehen. Ich brauche mehr Licht!

Sonne im Übermaß ist gefährlich

Vor allem jetzt. Der Frühling ist vorbei, der Sommer startet durch. Die Menschen drängt es nach draußen, gerade jetzt, wo die Corona-Lockerungen wieder vieles möglich erscheinen lassen. Der Mensch dürstet nach Sonnenlicht und blauem Himmel, weil es ihn glücklich zu machen scheint. Allerdings ist Vorsicht geboten. Sonne im Übermaß ist sogar gefährlich. Im schlimmsten Fall kann zu viel Strahlung Hautkrebs verursachen.

„Sonnenlicht ist wichtig für das psychische Wohlbefinden“, sagt der Münchner Dermatologe Dr. Christoph Liebich. So wird etwa das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet. Es sei allerdings ein Irrglaube, dass man sich für diesen Effekt dem direkten Sonnenlicht aussetzen muss. „Ein ganz normaler Spaziergang bei Tageslicht ist ausreichend.“ Denn mit dem Sonnenlicht prasselt auch jede Menge UV-Strahlung auf die Haut. „Diese Strahlung ist sehr aggressiv“, warnt Liebich. „Je länger man UV-Licht ausgesetzt ist, desto größer ist das Risiko eines Sonnenbrands und somit von Hautkrebs.“

Jeder Sonnenbrand ist einer zu viel

Es ist jedes Jahr dasselbe: Verstörende Bilder von Menschen am Strand, die sich – kaum am Urlaubsort eingetroffen – mittags noch kalkweiß in die pralle Sonne legen, immer wieder eifrig cremen und abends trotzdem blitzen wie eine rote Ampel. Für so etwas haben Dermatologen nur Kopfschütteln übrig. „Die Haut hat ein Gedächtnis und sie verzeiht nicht“, sagt Liebich. Einen Sonnenbrand könne man zwar mit Kühlung, Cortison-Cremes oder bei Verträglichkeit auch mit Aspirin behandeln, aber die Hautzellen selbst blieben irreparabel beschädigt.

Wer als Jugendlicher häufiger einen Sonnenbrand hat, spürt die Folgen meist erst viel später. Statistisch taucht Hautkrebs bei den meisten Menschen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren auf. Die Grundlage dafür haben sie in vielen Fällen schon viel früher gelegt.  Aber auch wer glaube, dass gebräunte Haut ein Zeichen für Gesundheit und Stärke sei, täusche sich, sagt Liebich. „Die Bräunung ist nichts weiter als die Folge einer Entzündung. So wie sich bei einem zu engen Schuh als Abwehrreaktion Hornhaut bildet.“

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Jährlich 230.000 Fälle von hellem Hautkrebs

Der helle Hautkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten in Deutschland. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI), das die Daten bundesweit sammelt, erkranken jährlich etwa 230.000 Menschen am so genannten nicht-melanotischen Hautkrebs. Schwerwiegender, aber auch seltener ist der schwarze Hautkrebs mit jährlich rund 23.000 Fällen.

Bei beiden Formen ist der zentrale Risikofaktor die UV-Strahlung, sagt das RKI. Das gelte sowohl für die natürliche Strahlung der Sonne als auch für künstliche UV-Strahlung, beispielsweise im Solarium.

Keine pralle Sonne zwischen 11 und 16 Uhr

Beim Gang in die Sonne empfiehlt Liebich die Einhaltung strikter Regeln: Zwischen 11 und 16 Uhr sollte man sich überhaupt nicht in der prallen Sonne bewegen, sondern sich ein schattiges Plätzchen suchen. Davor und danach sei ein Sonnenbad zwar erlaubt, allerdings nur mit vollem UV-Schutz. Kinder unter 18 Jahren sollten Sonne – wenn möglich – sogar ganz meiden. „Die Haut ist bei Kindern und Jugendlichen noch nicht vollständig entwickelt und dadurch noch anfälliger“, sagt Liebich.

Schutz sei die oberste Devise, sagt der Experte. Wenn möglich, solle man Sonnencremes mit dem Lichtschutzfaktor 50 verwenden. Auch hier müsse man immer wieder neu aufklären. Grundsätzlich gilt: Mit Nachschmieren kann man die Zeit in der Sonne nicht verlängern. Erneutes Auftragen ist nur dann erforderlich, wenn die Creme etwa beim Sport ausge-schwitzt oder beim Schwimmen abgewaschen wurde.

Entscheidend für die Berechnung ist die Eigenschutzzeit der Haut, die wiederum vom Hauttyp abhängt. Tabellen dazu gibt es im Internet reichlich. „Jeder, der in die Sonne geht, sollte sich vorab informieren“, rät Liebich.

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Zwei Milligramm pro Quadratzentimeter

Dass ein höherer Lichtschutzfaktor auch effektiver vor Sonnenbrand und somit vor Hautkrebs schützt, haben Wissenschaftler aus Detroit in einer kürzlich in einem Fachmagazin veröffentlichten Studie noch einmal verdeutlicht. Im Rahmen der Untersuchung sollten die 55 Probanden an einer Stelle eine Creme mit Lichtschutzfaktor 50 nutzen, an einer anderen ein Produkt mit Faktor 100.

Nach fünf Tagen hatten 31 Testpersonen einen Sonnenbrand auf der 50er-Seite, aber nur vier auf der 100er-Seite. Die Studie wird auch von der Deutschen Krebsgesellschaft zitiert. Allerdings könne die Creme ihre Schutzwirkung nur dann entfalten, wenn sie ausreichend aufgetragen werde, sagt Liebich.

Zwei Milligramm pro Quadratzentimeter sei die gängige Formel, sagt Liebich. Das macht bei einem Menschen von 1,80 Meter Körpergröße etwa 25 bis 30 Gramm.

Vitamin D auch als Tablette sinnvoll

Wer nun noch einwenden will, dass man ohne ausreichende Sonnenzeit nicht genug Vitamin D abbekomme, kann beruhigt werden. „Ein Mangel lässt sich durch entsprechende Tabletten ausgleichen“, sagt Liebich. Der genaue Wert könne bei der routinemäßigen Blutuntersuchung ermittelt werden.

Es ist 19:30 Uhr. Ich klappe das Notebook zu. Das Lichtmess-Gadget an meinem T-Shirt präsentiert weiterhin ein nüchternes Ergebnis. Im Schnitt hatte ich heute einen Lichtstimulus von 50. So fühle ich mich auch. Etwas müde, aber noch Restenergie. Immerhin ist der Wert höher als noch am Morgen.

Wahrscheinlich haben die kurzen Pausen auf dem Balkon die Statistik halbwegs gerettet. Ich glaube, ich sollte trotzdem nochmal raus. Etwas Abendlicht kann nie schaden.