Joggen im Winter – warum Draußensport glücklich und fit macht

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Yoga im Park, Klimmzüge an Bäumen, Joggen im Wald: Sport unter freiem Himmel ist nicht erst seit Corona ein großer Trend. Warum die Bewegung an der frischen Luft – gerade im Herbst und Winter – uns fit und glücklich macht.

Von Christian Parth

Inhalt:

  1. Hangeln, robben, klettern
  2. Draußensport macht glücklich und mental stark
  3. „Der Mensch gehört in die Natur“
  4. Sonnenlicht fördert Melatonin-Ausstoß beim Training
  5. Training bei Kälte stärkt das Immunsystem
  6. Positive Effekte auf die Psyche
  7. Regen reinigt die Luft von Feinstaub

Harry Brown bittet seine Klienten meistens in den Wald. Im Schutz eines Baumes die Kraft des eigenen Körpers zu trainieren – „etwas schöneres kann es nicht geben“, sagt der frühere Elitesoldat und heutige Fitnesstrainer. Ein Fitnessstudio oder teure Geräte benötigt der 58 Jahre alte Amerikaner nicht, um seine Kunden in Köln fit zu machen.

Denn: „Die Natur bietet alles, was man zum Training braucht.“ Schwere Steine nutzt Brown zum Kreuzheben und Bankdrücken, an Ästen macht er Klimmzüge, umgestürzte Bäume dienen ihm als Balancierstangen zum Training des Gleichgewichts oder als rollende Gewichte zum Kraftaufbau. Stehende Bäume erklettert er.

Hangeln, robben, klettern

Apropos klettern: Wer jetzt an Primatenaffen denkt, die von Ast zu Ast schwingen, der hat gar nicht ganz unrecht. Denn Harry Brown führt den sitzenden Angestellten inklusive Wohlstandsbauch zurück zu seinen Ursprüngen als Vierbeiner: Schimpanse, Pavian, Orang Utan, Krokodil, Schildkröte, Hund, Tiger, Spinne – die meisten seiner Übungen haben ihr Vorbild in einer Tierart.

Und so hangeln, robben, krabbeln, krauchen und kriechen seine Schüler mit ihm häufig über Waldboden und Wiese. Wichtig ist für Personaltrainer Brown: „Möglichst nah am Boden trainieren.“


Seine Schüler kriechen über Waldboden und Wiesen. Wichtig ist für Personaltrainer Harry Brown: „Möglichst nah am Boden trainieren“.

 


Draußensport macht glücklich und mental stark

Training in der Natur ist in Mode. Nicht erst seit Corona treffen sich Fitnessbegeisterte immer häufiger statt im Studio in Parks. Yoginis im Sonnengruß, Parcoursjünger an Laternenmasten, Kämpfer auf Waldboden statt Weichbodenmatte, Dauerläufer auf dem guten alten Trimmdichpfad oder der modernen Variante, dem Fitnessparcours.

Der Trend hat einen guten Grund: Draußentraining macht gelassen und glücklich. So hat eine Studie unlängst Läufer nach ihrem Befinden nach dem Training befragt. Die eine Gruppe joggte auf dem Laufband im Studio oder zu Hause, die andere trainierte in der Natur. Das Ergebnis: Die Natursportler fühlten sich hernach erfrischter, gestärkter und zufriedener als die Vergleichsgruppe auf dem Band.

Mentale Probleme wie Wut, Angst oder depressive Stimmungen wurden Waldläufer besser los. Zudem: Die Laufbandläufer strengte die gleiche Strecke bei gleichem Tempo mehr an. Der Mental Wellbeing Survey vom Datenanalysten „Woman in adventure“ kam in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass 99,6 Prozent der befragten Frauen der Meinung waren, Outdoor-Aktivitäten hätten einen positiven Einfluss auf ihr geistiges Wohlbefinden.

95 Prozent bestätigten, dass Outdoor-Sport einen positiven Einfluss auf ihr Selbstvertrauen hat. Ähnlich hohe Zustimmungswerte erhielten die Aussagen, Outdoor-Sport würde das körperliche Wohlbefinden (99,7 %) und die eigene Belastbarkeit (94,4 %) erhöhen.

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„Der Mensch gehört in die Natur“

Tom Zeidler, Outdoor-Experte an der Sporthochschule Köln, überrascht das nicht: „Der Mensch gehört einfach in die Natur.“ Über Jahrmillionen seien der Wald, die Steppe oder die Berge der normale Lebensraum des Menschen gewesen. Sport an der frischen Luft sei deshalb so etwas wie „die Rückkehr zu unseren Wurzeln“. Und wer in sein angestammtes Milieu zurückkehrt, der könne dort auch leichter Kraft tanken.

„Der Stressabbau in der Natur gelingt einfach viel besser“, sagt Zeidler. Das zeige auch eine andere Studie, bei der die Konzentrationsfähigkeit der Probanden getestet wurde. Eine Gruppe guckte dabei auf Bilder von Bergen und Seen, die andere Gruppe auf Straßen und Häuser. Das Ergebnis: Die Menschen, die auf Natur blickten, konnten sich besser konzentrieren.


„Der Mensch gehört einfach in die Natur. Der Stressabbau gelingt einfach viel besser.“

Tom Zeidler, Sporthochschule Köln

 


Sonnenlicht fördert Melatonin-Ausstoß beim Training

Sport draußen habe gegenüber Indoorsport außerdem den entscheidenden Vorteil: Sonnenlicht. Selbst im Winter und bei wolkenverhangenem Himmel sorgt eine Stunde täglich an der frischen Luft für die Bildung von Vitamin D und vor allem einen ausreichenden Melatonin-Ausstoß. Der sei wichtig für einen erholsamen Schlaf. Und der Schlaf gehört laut Zeidler ebenso zwingend zum Sport wie das Training selbst. „Wir sprechen von einem dreibeinigen Hocker: Training, Ernährung und Schlaf. Alles muss zusammenkommen, damit der Körper des Sportlers gut funktioniert.“ Eine Neonröhre könne die Speicher an Melatonin und Vitamin D nicht annähernd so gut auffüllen wie eine gewisse Zeit Bewegung unter freiem Himmel. Und dann ist da natürlich noch der Sauerstoff, der beim Sport im Freien immer in höherer Konzentration vorhanden ist als in einem geschlossenen Raum. Besonders viel reinen Sauerstoff bekomme der Körper nahe an Grünpflanzen ab. „Feinstaub wird schon durch normale urbane Grünflächen enorm reduziert“, sagt Zeidler. Idealer noch findet Brown den Wald: „Nirgends ist die Luft sauberer.“

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Training bei Kälte stärkt das Immunsystem

Wer denkt, dass Sport draußen ja vielleicht ganz förderlich sei, aber nur solange draußen die 20-Grad-Temperatur geknackt wird und die Sonne vom Himmel knallt, den will Harry Brown vom Gegenteil überzeugen: „Gerade das Einatmen kalter Luft erhöht das Lungenvolumen und ist förderlich für unser Immunsystem“, sagt Brown. Die Folge: „Man wird nicht so schnell krank.“

Auch Zeidler von der Sporthochschule kann das bestätigen. Training sei immer dazu da, den Körper zur Anpassung zu zwingen. Und so, wie man die Muskeln beim Dauerlauf aktiviert, so bringe man den Körper durch das Training bei Kälte dazu, seinen Verbrenner hochzufahren und die niedrigen Temperaturen zu kompensieren. Sport draußen setzt den Körper also immer neuen Temperatur-Reizen aus.


„Zur Anpassung zwingen: Durch Training bei Kälte bringe man seinen Körper dazu, den Verbrenner hochzufahren und die Temperaturen zu kompensieren.“

Tom Zeidler

 


Positive Effekte auf die Psyche

Dieser Wechsel feuert die Immunabwehr an und stärkt sie. Die Maschine Mensch läuft gerade bei niedrigen Temperaturen also auf Hochtouren. Und das Anpassen an diese immer neuen Reize hat laut Zeidler auch positive Effekte auf die Psyche und das Funktionieren im Alltag. „Vielleicht muss ich im Winter mal eine halbe Stunde auf den Bus warten. Dann ist mein bei Kälte trainierter Körper schon daran gewöhnt und ich kann das gelassen überstehen“, sagt Zeidler.

Auf diese Weise mache das Draußentraining im Herbst oder Winter auch mental stark. „Ich weiß dann: Ich schaff das locker. So wie wenn ich nach einer gewissen Trainingszeit weiß: Den Wasserkasten, den kann ich locker tragen. Der schreckt mich nicht mehr.“

Regen reinigt die Luft von Feinstaub

Und wenn es regnet? Bleiben Sportler wie Zeidler und Brown auch nicht in der Bude sitzen. Wichtig sei dann nur die passende, wetterfeste Kleidung. Dann sei das Training auch mit einer gewissen Luftfeuchtigkeit gesund für Körper und Geist. „Gerade Regen reinigt die Luft von Feinstaub. Sie ist dann wunderbar frisch und klar.“ Und besseres Futter für den Motor Körper kann es kaum geben.

 

Quellen