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Hautkrebs und Lymphome: Sind Tattoos gesundheitsgefährdend?

Eine schwedische Studie hat vor zwei Jahren für viel Aufsehen gesorgt. Laut dieser ist das Risiko, an Lymphomen zu erkranken, bei tätowierten Menschen um 21 Prozent erhöht. Andere Studien legen ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs nahe. Was ist dran an diesen Ergebnissen? Und worauf sollte man generell achten, wenn man trotzdem ein Tattoo haben möchte? 

Lange Zeit haftete Tattoos ein schlechter Ruf an. Sie galten als unpassend, geschmacklos, asozial, gar anstößig. Beim Bewerbungsgespräch wurden sie unter einem langärmeligen Oberteil versteckt und beim Besuch bei den Großeltern auch. Doch je mehr Menschen ein Tattoo tragen, desto höher ist die Toleranz. Selbst bei der Polizei darf man heute oft eins haben. Vor allem in der Gruppe zwischen 20 und 30 Jahren ist fast jeder Zweite tätowiert, oft auch mehrfach.

„Früher waren Tattoos eine Seltenheit, doch heute sind sie nichts Besonderes mehr“, beobachtet auch Dermatologe Dr. Gerd Kautz in seiner Praxis in Konz. Beim Hautkrebs-Screening sieht der Dermatologe das „volle Spektrum“ der Tätowierungen, von kleinen Schmetterlingen über Bilder, die den ganzen Rücken bedecken, mal komplett in schwarz, mal in grellen Farben gestochen. 

Was kann beim Tätowieren passieren?

„Kurzfristig kann sich die Haut durch das Tattoo entzünden, wenn nicht hygienisch gearbeitet wurde“, sagt der Dermatologe. Man sollte darauf achten, dass das Studio sauber ist, der Tätowierer Handschuhe trägt und sich auf die Empfehlungen aus dem Freundeskreis verlassen. Die Hygiene-Standards in deutschen Studios seien mittlerweile aber sehr gut, beruhigt der Arzt.

Er rät absolut davon ab, sich aus einer Urlaubslaune heraus ein Tattoo in fernen Ländern stechen zu lassen. Verunreinigte Tätowiernadeln können nämlich nicht nur Entzündungen verursachen, sondern auch Virus-Krankheiten wie Hepatitis übertragen. 

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Die häufigsten Tattoo-Probleme seiner Patientinnen und Patienten seien Ekzemreaktionen. „Diese Menschen vertragen Partikel aus der Farbe nicht oder reagieren allergisch auf sie.“ In diesen Fällen entzündet sich die Haut, juckt und bildet Bläschen. Vor allem rote Farbe löst wohl solche Reaktionen aus. Menschen mit einer Nickel-Allergie sollten sich keinesfalls tätowieren lassen, denn in der Farbe kann Nickel sein.

„Wir können die Muttermale innerhalb eines Tattoo nicht so gut untersuchen.”
Dr. Gerd Kautz

Wer sollte sich nicht tätowieren lassen?

Auch Schwangere und Stillende sollten von einem Tattoo absehen. Zu Vorsicht rät Kautz auch Personen, die zu überschießender Narbenbildung neigen. Denn Tattoos sind Mini-Narben, die sich ebenfalls wulstig verformen können. Und auch Menschen mit vielen Muttermalen sollten aufpassen. „Wir können die Muttermale innerhalb eines Tattoos nicht so gut untersuchen“, sagt Gerd Kautz. Dann könne es passieren, dass man ein von Hautkrebs betroffenes Muttermal übersehe.

Gerd Kautz hat schon Patientinnen und Patienten gesehen, bei denen sich an der Stelle des Tattoos ein Melanom entwickelt hat. „Wenn das an einer Körperstelle passiert, die der Sonne wenig ausgesetzt ist, kann man einen direkten Zusammenhang vermuten.“ Einzelfälle lassen jedoch keine verlässlichen Rückschlüsse zu. 

Können Tattoos wirklich Krebs auslösen?

Das Forschungsfeld zu Tattoos ist noch sehr jung, die Lage unklar, sagt Krebsforscherin Dr. Milena Foerster. Die Epidemiologin arbeitet an der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) in Lyon und untersucht im Rahmen der „Nako“-Gesundheitsstudie mögliche Langzeitfolgen von Tätowierungen. 

Milena Foerster berichtet von einer Studie aus Nordeuropa, die ein erhöhtes Melanom-Risiko für Tätowierte gefunden hat. Daten aus ihrer eigenen und einer anderen Studie legen jedoch nahe, dass Tätowierte eventuell doch kein erhöhtes Risiko haben. Sie könnten sogar seltener Melanome entwickeln, vor allem wenn sie großflächig tätowiert sind. 

Was erstmal völlig abwegig klingt, könnte eine logische Erklärung haben, sagt die Krebsforscherin. Denn Hautkrebs bildet sich in der oberen Schicht, der sogenannten Epidermis. Das Tattoo liegt aber eine Hautschicht tiefer. „Wenn die Sonne auf den Körper fällt, dringt sie in die Haut ein und wird dann nach außen reflektiert“, erklärt Milena Foerster. „Bei einem großen, schwarzen Tattoo könnte es aber sein, dass die Sonnenstrahlung vom Tattoo absorbiert und nicht wieder nach draußen abgeleitet wird.“ Die Haut wäre der Sonne dadurch also weniger ausgesetzt. Aber das ist lediglich eine Hypothese. Diese Hypothese eignet sich nicht als Grundlage für Aussagen zum Hautschutz.

Wie entsteht ein Tattoo eigentlich?

Der Tätowierer tunkt die feine Nadel in Farbe und sticht damit etwa zwei Millimeter tief unter die Haut. So bringt er die Farbe in die Dermis, auch Lederhaut genannt. Das ist die mittlere der drei Hautschichten. Die Stiche der Tätowiermaschine hinterlassen winzige Schnittwunden auf und in der Haut. Entsprechend schmerzhaft ist es, ein Tattoo stechen zu lassen. Die Hautpartie sollte man deswegen pflegen wie eine frische Wunde. „Ich empfehle, die Stelle mit einer antiseptischen Heilsalbe einzucremen, sie nicht der Sonne auszusetzen und nicht baden zu gehen. Duschen ist aber möglich“, sagt Kautz. Etwa vier Wochen dauert es, bis das Tattoo komplett verheilt ist. Von Pflegelotionen oder Sonnencremes speziell für Tattoos hält der Dermatologe nichts. Wichtig sei nur, dass die Sonnencreme einen hohen Lichtschutzfaktor habe. Und dass man die Körperkunst generell möglichst nicht der Sonne aussetze. „Wir wissen nicht, ob und wie die eingebrachten Farben mit der Strahlung reagieren könnten“, sagt Kautz.

Lymphsystem – wie steht es um andere Krebsarten?

Was Milena Foerster und ihr Team noch viel mehr beschäftigt, ist das Lymphsystem. Denn so viel ist mittlerweile sicher: In den Lymphknoten in der Nähe eines Tattoos lagern sich die Farbpartikel ab, aus denen das Tattoo besteht. Die Knoten sind Teil des Lymphsystems, das durch unseren ganzen Körper verläuft, und das wiederum ein wichtiger Teil des Immunsystems ist. 

Weiterhin unklar ist allerdings, wie unser Immunsystem überhaupt auf das Tattoo reagiert. Behandelt es die Körperkunst wie einen Insektenstich und bekämpft sie ein Leben lang? Oder interessiert es sich gar nicht für die Farbe in der Haut und toleriert das Tattoo einfach? 

„Behandelt das Immunsystem die Körperkunst wie einen Insektenstich und bekämpft sie ein Leben lang? ”

Ein Großteil der flüssigen Tinte wird während des Heilungsprozesses ausgeschieden. Das hat eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung im vergangenen Jahr herausgefunden. Teile der festen Farbpartikel wandern in die nächstgelegenen Lymphknoten – und vielleicht darüber hinaus. „Wir wissen auch, dass die Farbpartikel von Zellen des Immunsystems gefressen werden“, sagt Milena Foerster.

Doch unser Körper kann die Tattoo-Farbe nicht komplett zersetzen. Sterben die Fresszellen also ab, werden die Partikel frei und von anderen Zellen erneut gefressen. „Momentan versucht man herauszufinden, ob die Fresszellen durch die Aufnahme der Farbpartikel schneller sterben als gewöhnlich“, sagt Milena Foerster. „Eine neue Studie an Mäusen legt das nahe, aber diese Ergebnisse konnten noch nicht auf den Menschen übertragen werden.“ 

Haben Tätowierte ein höheres Risiko, an Lymphkrebs zu erkranken?

Eine Studie aus Schweden hat herausgefunden, dass das Risiko, an Lymphomen zu erkranken, bei tätowierten Menschen um 21 Prozent erhöht ist. Die Studie müsse man mit Vorsicht betrachten, sagt Foerster. „Diese sogenannte Fall-Kontroll-Studie liefert zwar innerhalb weniger Jahre Ergebnisse, oft können diese aber verzerrt sein.“ Es könne zum Beispiel sein, dass sich vor allem Menschen mit Tattoos und Lymphomen als Teilnehmende für die Studie gemeldet hätten.

„Die Studie aus Schweden müsse man mit Vorsicht betrachten.”
Dr. Milena Foerster

Foersters eigene Studie ist anders aufgebaut, auf deren Ergebnisse müssen wir allerdings noch einige Jahre warten. „Möglich wäre, dass die Ansammlung von Farbpigmenten in den Lymphknoten chronische Entzüdungen auslösen könnte“, erklärt Milena Foerster. Die bleiben lange unbemerkt, versetzen das Immunsystem aber in Dauerstress und können Krebs sowie andere Krankheiten auslösen. 

Wie sicher sind die Tattoo-Farben?

Vor allem über die krebserregende Wirkung von Tattoo-Farben wurde in den vergangenen Jahren viel gesprochen. Die Farben bestehen aus verschiedenen Chemikalien-Cocktails. „Früher war das ein wilder Markt“, sagt Dermatologe Gerd Kautz. „In besonders grellen Farben waren sogar Autolacke enthalten.“

Seit 2022 versucht die Europäische Union für mehr Sicherheit zu sorgen und hat ihre Verordnung REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) auf Tattoo-Farben ausgeweitet. Rund 4.000 Chemikalien, die als krebserregend gelten oder das Erbgut verändern könnten, dürfen seitdem nicht mehr in Tattoofarbe sein. Wer sie trotzdem verwendet, macht sich strafbar. 

Milena Foerster findet es grundsätzlich gut, dass die Farben stärker überwacht werden, es gebe aber noch nicht genug Forschung dazu. „Außerdem wurde die Verordnung sehr schnell umgesetzt, sodass die Farbhersteller nicht genug Zeit hatten, ihre Rezepturen zu ändern.“ Gerade bei den Farben Grün und Blau sei es schwierig, Alternativen zu finden. Sie fürchtet, dass sich ein Teil der Tätowier-Szene wieder in den Untergrund verlagern könnte – und dann gebe es gar keine Kontrolle mehr. 

„Gerade bei den Farben Grün und Blau sei es schwierig, Alternativen zu finden. ”
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Wie kann man das Tattoo entfernen?

Dr. Gerd Kautz drückt es so aus: „Auf der Straßen laufen sehr viele Versuchskaninchen herum.“ Und von denen wollen immer mehr ihr Tattoo wieder loswerden, sagt der Dermatologe. Weil der Partner gewechselt hat und der Namensschriftzug weg soll. Weil der neue Job bei der Bank die Körperkunst nicht gutheißt. Oder weil das Motiv nach 20 Jahren nicht mehr gefällt. 

„Ich rate niemandem dazu, sich ein Tattoo stechen zu lassen, aber ich rate auch niemandem davon ab.”
Dr. Milena Foerster

Gerd Kautz und sein Team lasern solche Tattoos weg. Je nach Größe und Farbintensität könne das zwischen zwei Monaten und zwei Jahren dauern und sei ungefähr so schmerzhaft wie das Stechen. Dabei zerschießt der Laser die Farbpartikel unter der Haut. Ein Teil wird über die durch das Lasern entstandenen Hautkrusten ausgeschleust. Ein anderer Teil wird vom Lymphsystem abtransportiert und lagert sich auch in den nahegelegenen Lymphknoten ab. 

Das zerstörte Tattoo kann also zu weiteren Langzeitfolgen führen. Und: „Der Laser ist kein Zauberstab. Wenn das Tattoo schlecht gestochen wurde, kann ein Negativ-Abdruck bleiben oder es können sich Narben bilden.“ 

Nichtsdestotrotz: Krebsforscherin Milena Foerster will keine Panik schüren. Sie gibt zu bedenken, dass Tattoos für viele Menschen auch therapeutische Wirkung haben. So lassen sich manche Krebspatientinnen und -patienten ihre Narben über-tätowieren. Andere verewigen den Namen eines geliebten Verstorbenen auf ihrem Körper. Und wieder andere fühlen sich mit Tattoo – Achtung: Wortspiel – einfach wohler in ihrer Haut. Die Datenlage sei insgesamt einfach noch sehr unklar. Deswegen lautet Foersters Fazit: „Ich rate niemandem dazu, sich ein Tattoo stechen zu lassen, aber ich rate auch niemandem davon ab.“

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Dr. Gerd Kautz

Experte

Dermatologe

Icon, das einen Experten/eine Expertin symbolisiert. Symbol für die Envivas Fach-Experten.

Dr. Milena Foerster

Expertin

Epidemiologin an der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) in Lyon