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Alles verboten in der Schwangerschaft? Hören Sie auf Ihren Körper!

Endlich schwanger! Aber was ist jetzt noch erlaubt? Alkohol, Nikotin und bestimmte Medikamente sind natürlich tabu. Es gibt aber auch viele unsinnige Verbote – die bei manch werdender Mutter Sorgen auslösen. Eine erfahrene Hebamme und eine Psychologin erklären, worauf Sie achten sollten und wie ein guter Umgang mit Ängsten und Sorgen in der Schwangerschaft gelingt.

Information hilft – aber nutzen Sie die richtigen Quellen!

Hebamme Anja Lehnertz, seit über 20 Jahren in der klinischen wie außerklinischen Geburtshilfe tätig und selbst Mutter von sechs Kindern, kennt die Sorgen und Ängste werdender Mütter genau. „Für mich als Hebamme ist das größte Verbot, Google zu benutzen“, bringt sie ihre Erfahrungen auf den Punkt. Zum einen verunsichere die oft unzureichende oder gar falsche Information werdende Mütter. Zum anderen werde die Information häufig von Unternehmen zur Verfügung gestellt, die wirtschaftliche Interessen, also zum Beispiel den Verkauf ihrer Produkte, verfolgten. Auch das ist nicht immer förderlich dafür, dass sinnvolle und seriöse Informationen kursieren.

„Für mich als Hebamme ist das größte Verbot, Google zu benutzen.”
Anja Lehnertz

Letztlich gehe es darum, dass Sie ein bestimmtes Verhalten gut in Ihren Alltag integrieren könnten, so Hebamme Anja Lehnertz. Natürlich sollten Sie nicht zu schwer heben und keinen Kontakt zu giftigen Stoffen haben. Als Beleghebamme habe sie selbst während ihrer Schwangerschaften jedoch auch noch Kontakt zu Körperflüssigkeiten gehabt. Hier solle jede Frau selbst entscheiden können, welche Risiken sie für sich eingehen und wie lange sie zum Beispiel während der Schwangerschaft ihren Beruf ausüben wolle.

Hinweise zu Ernährung und Bewegung in der Schwangerschaft

Natürlich gibt es daneben einige wichtige und vernünftige Hinweise für die Zeit der Schwangerschaft, das bestätigt auch Hebamme Anja Lehnertz.

Ernährung anpassen: Schutz vor Listerien

Verzichten Sie zum Schutz vor Listerien möglichst auf Rohmilchkäse, ungekochte Eier oder rohen Fisch (Sushi). Der Verzicht auf Alkohol, Nikotin, Drogen, aber auch auf gewisse Medikamente und Impfungen, die das ungeborene Kind schädigen können, sollte darüber hinaus selbstverständlich sein. Aufklärung erhalten Sie von Ihrer Hebamme, Ihrem Gynäkologen sowie auf der Interntseite www.embryotox.de und der Infoseite des Robert-Koch-Instituts.

Rohes Schweinefleisch: Gefahr von Toxoplasmose

Ebenfalls kritisch aufgrund der Gefahr von Toxoplasmose: rohes Schweinefleisch, wie Sie es in Mett oder Salami auf Schweinefleischbasis finden. Aber bereits das Erhitzen der Salami für mehr als 5 Minuten über 60 Grad tötet die meisten Keime ab, so Hebamme Anja Lehnertz. Salami auf einer Pizza ist also auch in der Schwangerschaft unbedenklich.

Sport ja, aber den richtigen

Darüber hinaus sind Sportarten wie Bungeejumping, Wrestling und Boxen, aber auch Mannschaftssportarten wie zum Beispiel Handball, Hockey oder – in der fortgeschrittenen Schwangerschaft – Fußball aufgrund der erhöhten Verletzungsgefahr nicht empfehlenswert. Regelmäßige Bewegung in Form von Schwimmen oder Radfahren ist hingegen sogar förderlich für Psyche und Körper und kann auch in der fortgeschrittenen Schwangerschaft praktiziert werden.

Sorgen und Ängste in der Schwangerschaft – sie sind normal!

Wie umgehen mit Sorgen und Ängsten in der Schwangerschaft, die übrigens fast jede Frau kennt? „Letztlich bleibt der eigene Körper der beste Feedbackgeber“, so Hebamme Anja Lehnertz. Denn, so Lehnertz: „Physiologisch reagiert der Körper darauf, nach etwas zu verlangen, das ihm fehlt.“ So sei sie in ihrer Arbeit schon überzeugten Vegetarierinnen begegnet, die in der Schwangerschaft plötzlich einen Heißhunger auf tierische Produkte entwickelt hätten. In solchen Fällen empfehle sie als Hebamme, den Gelüsten ruhig nachzugeben. Oft zeige der Körper genau, was er gerade benötige.

„Physiologisch reagiert der Körper darauf, nach etwas zu verlangen, das ihm fehlt.”
Anja Lehnertz

Ein wichtiger Punkt, warum Ängste und Sorgen in der Schwangerschaft zudem immer häufiger eine Rolle spielen, sei, dass werdende Mütter nichts mehr dem Zufall überlassen wollten. „Frauen werden heutzutage meist nicht mehr ‚einfach so‛ schwanger“, so Hebamme Anja Lehnertz. „Wir haben vielmehr bewusst schwanger gewordene Frauen, die ihre Reproduktion planen.“ Und das oft auch nur noch ein oder zwei Mal im Leben. Entsprechend „rund“ solle alles laufen. 

Eine Vielzahl an Vorsorgeuntersuchungen verunsichert oft zusätzlich. Helfen könne, sich bewusst zu machen, dass zum Beispiel in der eigenen Familiengeschichte Frauen auch unter weit widrigeren Bedingungen schwanger gewesen seien und ihr Kind dennoch gesund zur Welt gebracht hätten, so Hebamme Anja Lehnertz. Letztlich gehe es darum, als Frau wieder das Gefühl zu bekommen, Expertin in Bezug auf den eigenen Körper und die eigene Schwangerschaft zu sein. 

Was viele Frauen nicht wissen: Als Schwangere haben sie einen Anspruch darauf, Vorsorgeuntersuchungen abwechselnd bei einer Gynäkologin und einer Hebamme zu machen. Dadurch stärken Schwangere nicht nur die Position der nicht-ärztlichen Geburtshelfer, sondern erhalten gegebenenfalls einen umfassenderen Blick auf Geburt als natürlichen Prozess, jenseits der rein medizinischen Versorgung. 

Wenn Sie mehr zu Vorsorgenuntersuchungen in der Schwangerschaft wissen möchten, lesen Sie auch unseren Artikel „Die Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft“. Dabei sei darauf hingewiesen, dass nicht alle Untersuchungen, die theoretisch möglich sind, in Ihrem Fall auch Sinn machen. Lassen Sie sich im Zweifelsfall von Ihrer Hebamme oder Frauenärztin beraten.

Was hilft bei Sorgen und negativen Gedanken in der Schwangerschaft?

Auch Dr. Christina Jochim, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DptV) sieht Sorgen und Ängste in der Schwangerschaft als normal an: „Wir Menschen haben, wahrscheinlich aus evolutionären Gründen, häufiger negative Gedanken als positive. Die Verantwortung und vor allem das Unbekannte, das mit einer Schwangerschaft einhergeht, kann diese Tendenz verstärken“, so die Psychologin.

So vertreiben Sie Sorgen in der Schwangerschaft

  1. Schaffen Sie innere Distanz zu Ihren Gedanken, zum Beispiel durch achtsamkeitsbasierte Meditation (MBSR). „Glaube nicht alles, was du denkst!“, kann ein hilfreicher Leitsatz sein. Der bewusste Blick nach innen hilft umgekehrt, zu erkennen, was Sie gerade genau stresst.
  2. Üben Sie sich bewusst darin, sich im Hier und Jetzt zu „verankern“. Moderate und regelmäßige Bewegung an der frischen Luft stärkt nicht nur Ihr körperliches Wohlbefinden, sondern hilft auch, seelischen Verstimmungen entgegenzuwirken.
  3. Üben Sie sich in „authentischem Optimismus“. Sie können zum Beispiel am Ende jeden Tages zwei Dinge notieren, die Ihnen gut gelungen sind oder Ihnen Freude bereitet haben. Das wirkt negativer Wahrnehmungsverzerrung entgegen.

  4. Grenzen Sie sich schließlich in gesunder Weise ab. Bei ungebetenen Tipps können Sie zum Beispiel nett nicken und kommentieren: „Verstehe, das hat dir geholfen. Bei mir ist es anders.“ So zeigen Sie Ihre Grenzen in freundlicher und dennoch klarer Weise auf.

Ebenfalls hilfreich: Vernetzen Sie sich mit anderen Frauen in Ihrer Nachbarschaft und tauschen Sie sich mit erfahrenen Müttern aus, so Hebamme Anja Lehnertz. Das Gefühl, mit den eigenen Sorgen und Bedenken nicht allein zu sein, helfe ungemein.

Zudem sollten sich Frauen möglichst bald eine Hebamme suchen, die sie bereits in der Schwangerschaft begleite.

Die Schwangerschaft ist Ihre Zeit. Gestalten Sie sie bewusst!

Tatsächlich gibt es einige Punkte, die Sie in Bezug auf Ihre Ernährung und Ihr sonstiges Verhalten vor und während der Schwangerschaft beachten sollten. Was Sie bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft jedoch getrost vergessen können, sind Angstmacherei und übertriebene Vorsicht.

„Was Sie bei einer normal verlaufenden Schwangerschaft getrost vergessen können, sind Angstmacherei und übertriebene Vorsicht.”

Nehmen Sie, wie Psychologin Dr. Christina Jochim es formuliert, Ängste und Sorgen als natürliche Begleiter einer erst einmal ungewohnten Situation. Achten Sie auf die Signale, die Ihnen Ihr Körper gibt, aber zwingen Sie sich nicht zu einer kompletten Lebensumstellung.

Bis auf wenige grundlegende Verbote ist die Schwangerschaft eine Zeit, in der Sie im Gegenteil bewusst auf Ihre Bedürfnisse hören und sich dafür Raum schaffen dürfen, das bestätigt auch Hebamme Anja Lehnertz. Suchen Sie sich zudem ein Netzwerk aus unterstützenden Menschen und treffen Sie eine bewusste Auswahl in Bezug auf die Information, der Sie sich aussetzen. So werden die Monate Ihrer Schwangerschaft tatsächlich zu einer Zeit „froher Erwartung“.

Quellen

Sarah Zöllner

Autorin

Sarah Zöllner schreibt als Journalistin und Autorin über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Familien- und Gleichstellungspolitik. 2023 erschien ihr zweites Buch „Mütter. Macht. Politik. - Ein Aufruf!“. Für die Envivas informiert sie regelmäßig über Gesundheitsthemen und Wissenswertes rund um den Alltag mit Kindern. Mit ihrer Familie lebt sie nahe Heidelberg.

Anja Lehnertz

Seit 23 Jahren Hebamme in der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe

Dr. Christina Jochim

Stellvertretende Bundesvorsitzende der deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV)