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Wundversorgung – offene Wunden richtig behandeln

Autsch! Mal wieder ist es passiert: Das Messer rutscht ab und der Finger blutet. Jetzt schnell nach einem Pflaster suchen. Und dann? Muss ich die Wunde desinfizieren? Wie oft ist das Pflaster zu wechseln? Oder muss die Wunde an der frischen Luft „atmen“? Auf diese Fragen gibt es von überall Antworten, viele davon alte Familien-Weisheiten, denen wir blind vertrauen. Doch wie viel davon ist wahr? Und was sagt die neueste wissenschaftliche Forschung dazu? Das erfahren Sie in diesem Artikel.

Die Wunde muss atmen - stimmt das?

Die Wunde muss atmen. Das ist ein Rat, den man gerne zu hören bekommt, wenn die Verletzung da ist und versorgt werden muss. Experten sind inzwischen jedoch anderer Ansicht. So existieren einige Hausmeinungen und -mittel, die von der angewandten Medizin überholt sind. Dieser Artikel befasst sich aber nicht nur mit den alten und neuen Weisheiten, sondern ist ein kleines ABC zur Wundversorgung.

Was passiert bei einer Verletzung?

In jeder Wunde – egal ob Schnitt, Schürfung oder Verbrennung – läuft im Prinzip der immer gleiche Reparaturvorgang ab. Dieser beginnt bereits, wenn wir noch dabei sind, nach dem Pflaster zu suchen, und endet mit der vollständigen Regeneration der Haut – manchmal auch mit einer Narbe. Die Wundheilung ist ein fein abgestimmter Prozess, der sich in drei Phasen aufteilen lässt.

Die Reinigungsphase: In dieser Phase, die sofort nach der Verletzung beginnt, wird zunächst die Blutgerinnung in Gang gesetzt, damit sich die Wunde schnell provisorisch verschließt. Gleichzeitig wird „aufgeräumt“, indem z.B. Fresszellen in das Gewebe geschickt werden, um Bakterien und zerstörtes Gewebe zu entfernen.

Die Granulations-Phase: Nach etwa 24 Stunden wird die Blutversorgung im Wundgebiet wiederhergestellt. Kleine Gefäße und Bindegewebszellen erreichen das Gebiet und lassen so ein neues, stark durchblutetes und noch recht empfindliches Gewebe entstehen – das Granulationsgewebe.

Die Regenerations-Phase: In dieser letzten Phase der Wundheilung regeneriert sich das Gewebe. Die Blutversorgung wird normalisiert und das Bindegewebe wird dichter. Die Wunde verschließt sich nun von den Rändern zur Mitte hin, indem Hautzellen sich teilen und langsam eine neue Haut über der Wundoberfläche bilden. Dieser Vorgang kann bis zu 14 Tage dauern. Und abgesehen von kleinen oberflächlichen Wunden, bleibt eine mehr oder weniger ausgeprägte Narbe zurück.

Diese Arten von Wunden gibt es

Schürfwunden: Hier handelt es sich um oberflächliche Verletzungen, bei denen es zu einer Hautabschürfung kommt. Typisch wäre hier z.B. das aufgeschlagene Knie nach einem Sturz. Innerhalb einer Viertelstunde hören diese Wunden in der Regel auf zu bluten, bei der Einnahme von Blutverdünnern kann es auch länger dauern. Dass eine Schürfwunde noch eine Weile nässt, ist völlig normal und dient u.a. dem Abtransport von Zelltrümmern und Bakterien. Die Heilungsdauer hängt von der Größe und Tiefe der Wunde ab.

Schnittwunden: Hier wird die Haut durch einen scharfkantigen Gegenstand durchtrennt, je nach Tiefe kann es stark bluten.

Platzwunden: Nach einer stumpfen Gewaltanwendung platzt die Haut auf. Dies passiert meist da, wo die Haut direkt dem Knochen aufliegt – also an Kopf, Stirn, Ellenbogen oder Schienbein.

Brandwunden: Diese Wunden entstehen durch Hitzeeinwirkung, die zu Verbrennungen führt. Ähnliche Wunden findet man bei Erfrierungen oder Stromschlägen.

Wie kann man Wunden selbst versorgen?

Wir haben den Dermatologen und Wundspezialisten Dr. Thomas Horn gefragt, was bei der Wundversorgung zu beachten ist und wie die Wunde die besten Heilungschancen hat. Vor der Versorgung einer Wunde ist es wichtig, sich die Hände gründlich zu waschen und zu desinfizieren. Falls vorhanden, sind auch Einmalhandschuhe zu empfehlen.

Verschmutzte Wunden auswaschen: Ist die Wunde verschmutzt, sollte sie zunächst vorsichtig mit Wasser ausgewaschen werden. Dies kann einfaches lauwarmes Leitungswasser sein, oder man kann sterile Wundreinigungs-Präparate oder Kochsalzlösung aus der Apotheke verwenden. Dabei muss aber nicht das letzte kleine Staubkorn entfernt werden, einiges kann der Körper auch selbst leisten.

Wunde desinfizieren: Desinfiziert werden sollte die Wunde vor allem, wenn ein hohes Infektionsrisiko besteht – wie etwa bei stark verschmutzten Wunden oder bei Biss- und Kratzwunden durch Tiere. Dr. Horn empfiehlt die Anwendung von Jod-Polyvidon-Lösungen einmalig bei der Erstversorgung – dies sorgt gleichzeitig für eine gewisse Feuchtigkeit der Wunde. Von Hausmitteln zur Desinfektion ist eher abzuraten.

Blutung stillen: Vor allem Schnittwunden können stark bluten. Um die Blutung zu stillen, sollte je nach Größe der Wunde ein Wundverband angelegt werden. Dafür wird eine sterile Kompresse auf die Wunde gelegt und mit einer Mullbinde umwickelt. Damit die Kompresse nicht mit der Wunde verklebt, sollte ein Wunddistanzgitter unmittelbar auf die Wunde aufgebracht werden. Bei oberflächlichen, kleinen Schnittverletzungen reicht in der Regel auch ein Pflaster, am besten mit einer nicht verklebenden Beschichtung.

Platzwunden: Bei größeren und stark blutenden Wunden kann ein Druckverband helfen, die Blutung zu stoppen: Nach dem ersten Umwickeln mit der Mullbinde wird ein Verbandspäckchen o.ä. über die Wunde gelegt, das man dann mit dem Rest der Mullbinde straff umwickelt. Ein Abbinden kurz oberhalb der Wunde sollte nur bei lebensbedrohlichen Blutverlusten durch verletzte, spritzende Arterien stattfinden und möglichst medizinischem Fachpersonal überlassen werden.

Wie heilt eine offene Wunde am besten?

Das klassische Verfahren der Wundversorgung besteht im Abdecken der Wunde mit einer trockenen Wundauflage wie einem Pflaster. Dies ist bei kleinen Wunden meist ausreichend. Durch das Pflaster trocknet die Wunde nicht so schnell aus. Heute weiß man, dass Wunden in einem feuchten Milieu schneller heilen. Daher ist es vor allem bei schlecht heilenden Wunden oder bei Brandwunden inzwischen üblich, eine feuchte Wundversorgung anzuwenden. Hierfür gibt es spezielle Auflagen und Produkte, die das Wundgebiet feucht halten.

Diese Fehler sollte man unbedingt vermeiden!

„Luft an die Wunde“ – noch immer hört man bei Verletzungen häufig den Rat: „Die Wunde muss atmen, da muss Luft ran.“ Inzwischen raten Experten allerdings von dieser alten Weisheit ab. Im feuchteren Milieu unter einem Pflaster kann die Wunde „in Ruhe“ heilen, und es wird die vorzeitige Bildung einer Kruste verhindert, welche die Neubildung der Haut verzögern und sogar Narbenbildung begünstigen kann. An der Luft bestehe die Gefahr, dass sich zu schnell eine trockene Kruste bildet, unter der sich dann Bakterien sehr wohl fühlen, erklärt Dr. Horn. Zudem wirke das feuchte Milieu auch schmerzlindernd. Das Pflaster sollte so lange auf der Wunde bleiben, bis sie vollständig verschlossen ist.

Fremdkörper selbst entfernen – größere Fremdkörper wie Glasscherben sollten nicht selbst aus einer Wunde herausgezogen werden. Dies kann unter Umständen zu weiteren Verletzungen oder starken Blutungen führen. Zudem weiß niemand, was noch hinter der sichtbaren Scherbe steckt. Der versorgende Arzt hat die Möglichkeit, die Wunde nach einer lokalen Betäubung gründlich zu untersuchen. Kleinere Splitter kann man vorsichtig mit einer Pinzette selbst entfernen.

Zu häufiger Pflasterwechsel – ab einem bestimmten Punkt braucht die Wunde vor allem Ruhe, um zu heilen. Ein noch sauberes, trockenes Pflaster sollte daher nicht täglich entfernt werden. Ein völlig aufgeweichter, mit der Menge des Wundexsudates „überforderter“ Verband muss natürlich viel früher gewechselt werden.

Schorf abpulen – jeder kennt wahrscheinlich die Verlockung, den Schorf auf der Wunde abzupulen. Damit stört man aber unter Umständen den Wundheilungsprozess – der Körper muss quasi wieder von vorne anfangen, und es muss neuer Schorf gebildet werden. Nur sehr lockere Wundbeläge können vorsichtig entfernt werden.

„Das Pflaster sollte so lange auf der Wunde bleiben, bis sie vollständig verschlossen ist. Ein noch sauberes, trockenes Pflaster sollte daher nicht täglich entfernt werden.”

Bei diesen Wunden muss ein Arzt hinzugezogen werden

In einigen Fällen reicht die Selbstversorgung der Wunde nicht aus – hier sollte unbedingt ein Arzt hinzugezogen werden. Das gilt vor allem für stark verschmutzte Wunden, die ein hohes Infektionsrisiko mit sich bringen. Hier ist z.B. eine Schnittwunde mit einem Messer, mit dem man vorher Fleisch geschnitten hat, gefährlicher als der Schnitt mit dem Gemüsemesser.

Auch sehr stark blutende und klaffende Wunden machen eine ärztliche Behandlung notwendig, um die Blutung zu stoppen und eventuell die Wunde zu nähen oder auf andere Art zu verschließen.

Auch bei in der Wunde befindlichen größeren Fremdkörpern oder bei durch ein Tier zugefügte Wunden wie Biss- und Kratzwunden wird das Aufsuchen eines Arztes dringend empfohlen.

Brandwunden sind vor allem dann gefährlich, wenn der Schmerz ausbleibt. Dann sind die Verbrennungen so tief, dass auch die Nerven geschädigt sind. Solche Brandwunden müssen unverzüglich ärztlich versorgt werden. Vor allem bei verschmutzten offenen Wunden besteht die Gefahr einer Tetanusinfektion. Ist die Impfung länger als zehn Jahre her, sollte der Impfschutz aufgefrischt werden.

„Brandwunden sind vor allem dann gefährlich, wenn der Schmerz ausbleibt. Dann sind die Verbrennungen so tief, dass auch die Nerven geschädigt sind.”

Welche Komplikationen können bei Wunden auftreten?

Die größte Gefahr besteht bei Wunden im möglichen Eindringen von Bakterien in das Wundgebiet. Dadurch kann es zu einer Infektion der Wunde kommen. Die ist oft schwer zu behandeln, verzögert die Wundheilung und kann bei einigen Erregern sehr gefährlich werden. Wichtige Hinweise auf solch eine bakterielle Entzündung sind eine Rötung rund um die Wunde und eitrige Belege.

Bei sehr großen bzw. großflächig infizierten Wunden können die sich in der Wunde vermehrenden Bakterien in die Blutbahn gelangen – und so zu einer Blutvergiftung, der sogenannten Sepsis, führen. Für diesen lebensbedrohlichen Zustand können Symptome wie Fieberschübe, starke Schmerzen im ganzen Körper und Blutdruckabfall wichtige Warnsignale sein.

Eine weitere mögliche Komplikation ist die Wundheilungsstörung, bei der sich der Heilungsprozess der Wunde verzögert. Dies kann zum Beispiel bei einem geschwächten Immunsystem der Fall sein. Bei einer verzögerten Wundheilung ist die Wunde länger ungeschützt der Umgebung ausgesetzt, wodurch wiederum das Infektionsrisiko steigt.

Zeigt eine Wunde auch nach 4 bis 12 Wochen noch keine Heilungstendenz, spricht man von einer chronischen Wunde, die einer besonderen Versorgung bedarf. Risikofaktoren sind hier u.a. Diabetes, arterielle Durchblutungsstörungen im Wundgebiet und venöse Abflussstörungen.

Dieser Artikel wurde von Dr. Thomas Horn, Leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie und Venerologie am Helios Klinikum Krefeld und Leiter der Helios AG Chronische Wunde, als Experten unterstützt.

Quellen

Maria Weiß

Medizinjournalistin

Maria Weiß hat ihr Medizinstudium 1984 mit der Approbation abgeschlossen. Seitdem arbeitet sie freiberuflich als Medizinjournalistin für verschiedene Fachverlage. Mit ihrer 30-jährigen Berufserfahrung deckt sie im Prinzip alle medizinischen (und zum Teil auch gesundheitspolitischen) Themen ab. Dennoch haben sich im Laufe der Jahre einige Spezialgebiete herauskristallisiert. Dazu gehören Endokrinologie/Diabetes, Gynäkologie, Gastroenterologie, Rheumatologie, Chirurgie und Kardiologie. Teil ihrer Arbeit ist der regelmäßige Besuch von Kongressen und damit verbunden die Kongressberichterstattung, so dass sie sich bei allen begleiteten Themen immer auf dem neuesten Stand hält.