Kaiserschnitt: Vorteile, Nachteile und mögliche Spätfolgen

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Jedes dritte Kind in Deutschland erblickt das Licht der Welt in Form einer OP-Lampe. Vor 30 Jahren waren es noch halb so viele. Der Kaiserschnitt ist vor allem so beliebt, weil sich Frauen Berechenbarkeit und Schmerzfreiheit wünschen. Der fehlende Geburtsstress kann für das Kind aber ein schwächeres Immunsystem und Krankheiten nach sich ziehen. Patricia van den Vondel, Chefärztin der Geburtshilfe im Krankenhaus Porz am Rhein, erklärt die Vor- und die Nachteile der Sectio caesarea.

Von Claudia Lehnen

  • Deutliches Ost-West-Gefälle der Bundesländer
  • Gründe für eine Kaiserschnittgeburt
  • WHO rät nur in 15 Prozent der Fälle zur „Schnittgeburt“
  • Gynäkologen raten eher zur vaginalen Geburt
  • Kaiserschnitt oder normale Geburt?
  • Vorteilen einer geplanten Kaiserschnittgeburt
  • Die unmittelbaren Nachteile einer Kaiserschnittgeburt
  • Spätfolgen für Mütter nach Kaiserschnitt
  • Nachteile für Kinder nach Kaiserschnitt
  • Geburtsstress macht Kinder robuster fürs Leben

Als die Frau von Jacob Nufer tagelang in den Wehen liegt und vor Schwäche zu sterben droht, erinnert sich der Schweizer Schweinekastrator an seine Arbeit mit trächtigen Säuen, holt sein OP-Besteck und schneidet sein Kind aus dem Bauch seiner Frau heraus. Ohne Betäubung. Das Experiment glückt, Mutter und Kind überleben. Und Nufer hat damit quasi den Kaiserschnitt erfunden.

Um 1500 soll die blutige und doch überaus glückliche Premiere stattgefunden haben. Denn vor der Entwicklung des Desinfektionsmittels im 19. Jahrhundert galt der Kaiserschnitt zwar als letzte Rettung für einen Säugling, bedeutete aber auch fast immer das sichere Todesurteil für die werdende Mutter und wurde daher lange nur angewendet, wenn die Frau ohnehin im Sterben lag.

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Deutliches Ost-West-Gefälle der Bundesländer

Heute ist der Kaiserschnitt keine Ausnahme mehr in deutschen Kreißsälen. Im Gegenteil. Laut Statistischem Bundesamt endet heute jede dritte Geburt mit einer Sectio. Im Jahr 1991 betrug die Kaiserschnittrate im Vergleich dazu noch 15 Prozent. Dabei ist bei Betrachtung der Bundesländer ein Ost-West-Gefälle zu beobachten. Die Sectiorate schwankt über alle Bundesländer zwischen 40,2 Prozent im Saarland und 24,2 Prozent in Sachsen.

Wer seinen Blick auf Europa weitet, findet Österreich, Deutschland und die Schweiz mit ihrer Sectiorate im oberen Drittel der Tabelle. Zypern führt die Liste mit 52,2 Prozent deutlich vor Italien (38 Prozent), Rumänien (36,9 Prozent) und Portugal (36,3 Prozent) an, während die Niederlande (17 Prozent) sowie alle skandinavischen Länder, aber auch Slowenien (19,1 Prozent) unter 20 Prozent liegen.

Gründe für eine Kaiserschnittgeburt

Die Gründe für einen Kaiserschnitt sind vielfältig. Laut Deutscher Gesellschaft für Geburtshilfe verteilen sie sich in Deutschland wie folgt:

  • Zustand nach Sektio, also Mütter, die schon einen Kaiserschnitt hatten: 25 Prozent
  • Auffällige Herztöne des Kindes: 20 Prozent
  • Beckenendlage, das Kind liegt also mit dem Kopf am Rippenboden der Mutter und hockt mit den Füßen nach unten: 12 Prozent
  • Geburtsstillstand während der Eröffnungsphase, also wenn zu Beginn der Geburt bei noch geschlossenem Muttermund über einen längeren Zeitraum kein Fortschritt herrscht: 11 Prozent
  • Missverhältnis zwischen kindlichem Kopf und mütterlichem Becken: 9 Prozent
  • Mehrlingsschwangerschaften: 7 Prozent
  • Geburtsstillstand während der Austreibungsphase: 6 Prozent
  • Frühgeburt: 5 Prozent
  • Mütterliche Erkrankungen: 5 Prozent, darunter Gestose (Schwangerschaftsvergiftung): 3 Prozent

WHO rät nur in 15 Prozent der Fälle zur „Schnittgeburt“

Für medizinisch zwingend nötig hält Patricia van den Vondel, Chefärztin der Geburtshilfe im Krankenhaus Porz am Rhein, die meisten dieser Kaiserschnitte allerdings nicht. Zwar brächte das steigende Alter der werdenden Mütter auch eine steigende Anzahl an Risikofaktoren mit sich.

Dennoch gelte weiterhin: Würden nur diejenigen Kinder das Licht der Welt in Form einer OP-Lampe erblicken, bei welchen eine zwingende Indikation vorläge, betrüge die Kaiserschnittrate etwa 15 Prozent. Und nur in diesen Fällen rät auch die Weltgesundheitsorganisation zu einer Schnittgeburt.

Eine Sectio sei nur dann in jedem Fall einer vaginalen Geburt vorzuziehen, wenn der Mutterkuchen den Geburtsausgang versperrt, das Kind quer liegt, beim Ungeborenen bestimmt Fehlbildungen wie Spina bifida oder Wasserkopf diagnostiziert wurden oder eine schwere Plazentainsuffizienz vorliege.

Auch bestimmte Erkrankungen der Mutter wie zum Beispiel eine Präklampsie, eine HIV-Infektion oder eine Infektion mit Hepatitis B können eine Schnittgeburt nötig machen.

Bei relativen Gründen raten Gynäkologen eher zur vaginalen Geburt

Bei relativen Gründen für eine Sectio rät auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe nicht unbedingt zum Kaiserschnitt. Gerade wenn das Messer angesetzt werden soll, weil ein im Verhältnis zum Becken der Mutter zu großes Kind prognostiziert wird, lohne sich ein Überdenken des ersten Reflexes.

„Die Ergebnisse unserer Ultraschalluntersuchungen sind einfach zu ungenau. Sie weichen im Mittel um 15 Prozent vom tatsächlichen Ergebnis ab. Das heißt, wenn ich vor der Geburt das Gewicht eines Kindes aufgrund des Ultraschalls auf vier Kilogramm schätze, kann es auch mit 3400 Gramm zur Welt kommen – ein Kaiserschnitt wäre dann nun wirklich nicht nötig gewesen“, sagt van den Vondel.

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Kaiserschnitt oder normale Geburt?

Aber auch Beckenendlagen, Nach-Kaiserschnitt-Geburten oder Zwillinge könnten in Kliniken mit Erfahrung gut auch vaginal auf die Welt gebracht werden. Denn, so betont van den Vondel, manche Frauen wünschten sich zwar eine Schnittgeburt, weil sie auf Nummer sicher gehen wollten, vergäßen darüber aber: „Auch ein Kaiserschnitt ist nicht ohne Risiko.“

Zwar ist das Risiko der Schnittentbindungen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen. Über dennoch mögliche Komplikationen fühlen sich Schwangere den Ergebnissen eines nationalen Berichts des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists zufolge aber nicht ausreichend informiert. Mehr als die Hälfte der Schwangeren wünschen sich mehr Informationen zu Indikationen und Vorgehen, aber auch zu Risiken und Vorteilen einer Sectio caesarea.

Zu den Vorteilen einer geplanten Kaiserschnittgeburt zählen:

  • Die Frauen sparen sich den schmerzhaften, oft angstbesetzten Geburtsvorgang.
  • Mögliche Beckenbodenschädigungen werden vermieden.
  • Eine geplante Schnittentbindung kann zu einem festgelegten Termin stattfinden, werdende Eltern müssen also nicht spontan nachts oder am Wochenende ins Krankenhaus eilen. Das gilt allerdings nur, solange das Baby mitspielt und die Wehen nicht vor dem geplanten Schnitttermin einsetzen.

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Die unmittelbaren Nachteile einer Kaiserschnittgeburt

Was viele werdende Mütter und Väter nicht auf dem Schirm hätten: „Sowohl für die Mutter als auch für das Kind übertreffen die langfristigen Probleme nach einem Kaiserschnitt die nach einer vaginalen Geburt.“ Das fängt mit einem gravierenden an: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Mutter bei der Geburt verstirbt, ist nach einem Kaiserschnitt etwa dreimal höher“, sagt van den Vondel.

Das liegt banalerweise vor allem daran, dass es sich bei einem Kaiserschnitt um eine Operation handelt. Und diese Thrombosen, Lungenembolie, aber auch einen hohen Blutverlust nach sich ziehen könnte.

Spätfolgen für Mütter nach Kaiserschnitt

Aber selbst, wenn es nicht zum Äußersten kommt, sind nach einer Sectio Probleme mit höherer Wahrscheinlichkeit zu erwarten – vor allem dann, wenn ein zweites Kind geplant sein sollte:

  • Eine ungünstige Vernarbung kann dazu führen, dass Mütter nach einem Kaiserschnitt Probleme haben, wieder schwanger zu werden.
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind einer Folgeschwangerschaft nach der 34. Schwangerschaftswoche verstirbt, ist laut van den Vondel nach Sectio knapp zweimal so hoch wie nach einer vorangegangenen natürlichen Geburt.
  • Nach Kaiserschnitten kommt es in der Folgeschwangerschaft laut van den Vondel häufiger zu einer so genannten Placenta praevia, also einer Fehllage des Mutterkuchens, und damit in zwei Dritteln dieser Fälle zu einer Frühgeburt.

Auch psychisch sei ein Kaiserschnitt für einige Mütter nicht die richtige Wahl. Das Trauma danach lässt sich nicht für alle Mütter vermeiden. Eine Meta-Studie kam 2013 zum Ergebnis, dass eine Sectio für die Mütter physisch und emotional anstrengend erlebt werde. Im Nachhinein sprachen die Patientinnen von „Kontrollverlust“ und „geplatzten Träumen“, sie gaben an, „gebrochen an Körper und Seele“ zu sein und „ein leeres Herz und leere Arme“ zu verspüren.

Nachteile für Kinder nach Kaiserschnitt

Auch die Kinder überstehen einen Kaiserschnitt manchmal nicht unbeschadet. Sie leiden nach den Erkenntnissen der Stiftung Gesundheit häufiger an Anpassungsstörungen kurz nach der Geburt. Weil ihre Lungen auf das Atmen nicht während des Geburtsvorgangs vorbereitet wurden, bekommen die Säuglinge anfangs zwei- bis siebenmal so häufig nicht genug Luft.

Sie müssten dann ihre ersten Lebenstage auf der Intensivstation verbringen. Dort muss Fruchtwasser aus ihren Atemwegen abgesaugt werden. „Man muss sich vorstellen, das Kind bekommt dann sofort nach der Geburt einen Schlauch in den Hals gesteckt. Das will man als Eltern doch eigentlich nicht ohne Not in Kauf nehmen“, sagt van den Vondel.

Zudem profitiert das Immunsystem des Kindes von einer vaginalen Geburt. Kinder nach Sectio seien in diesem Punkt schlechter vorbereitet. Der Darm des Babys ist im Mutterleib noch frei von Keimen. „Babys schlucken bei einer natürlichen Geburt das Vaginalsekret der Mutter – und kommen damit mit wichtigen Bakterien in Kontakt.

Kaiserschnittkinder dagegen werden steril geboren und kriegen höchstens Krankenhauskeime ab. Die kann wirklich keiner gebrauchen“, sagt van den Vondel. Die Folge: Das Bakterienspektrum der Darmflora nach Kaiserschnitt unterscheidet sich deutlich von der eines vaginal entbundenen Babys. Die Vielfältigkeit der Darmflora ist deutlich geringer. Bacteroides- und Bifidobakterien sind deutlich vermindert, oder fehlen ganz.

Und das hat Folgen, wie die große GINI-Studie der Universität München zeigt: Die mit Kaiserschnitt entbundenen Babys hatten ein um fast 50 Prozent erhöhtes Risiko, im ersten Lebensjahr an einer Durchfallerkrankung zu leiden. Zudem war die Entstehung einer Lebensmittelunverträglichkeit um mehr als doppelt so hoch als bei Kindern nach einer vaginalen Geburt.

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Geburtsstress macht Kinder robuster fürs Leben

Weitere Studien legen nahe: Kinder nach Kaiserschnitt erkranken in ihrem Leben häufiger an den Darmkrankheiten Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa, an Allergien und Asthma (plus 20 Prozent). Aber auch die Rate an Diabetes-Erkrankungen (plus 23 Prozent), Bluthochdruck und Übergewicht (plus 50 Prozent) scheint nach Sectio erhöht zu sein.

Die Gründe für die größere Robustheit von Kindern nach vaginaler Geburt sehen Gynäkologen im „Geburtsstress“. Denn der schadet dem Baby nicht, sondern hat im Gegenteil positive Folgen: Durch die intensive Massage wird nicht nur die Lungenflüssigkeit ausgedrückt, der kleine Körper schüttet auch Hormone aus, die Organe schneller reifen lassen.

Quellen: