So fördern Sie Resilienz bei Kindern

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Eine wichtige Voraussetzung, Höhen und Tiefen im Leben zu meistern, ist Resilienz. Dahinter verbirgt sich ein Bündel von speziellen Schutzfaktoren und Fähigkeiten, die bereits in der Kindheit entwickelt werden können. Denn Resilienz ist nicht angeboren. Eltern können viel dafür tun, Resilienz bei Kindern zu fördern. Im folgenden Artikel erfahren Sie nicht nur, was Resilienz ausmacht, sondern auch, wie Sie zur Resilienzentwicklung bei Ihren Kindern beitragen.

Von Ute Wegner

 

  • Bezugspersonen und Gemeinschaften stärken Resilienz bei Kindern
  • Dinge selbst bewirken zu können, fördert Resilienz bei Kindern
  • Vertrauen in Menschen und die Welt entwickeln
  • Resiliente Kinder sind stolz auf das, was sie können
  • Resilienzentwicklung bei Kindern ist ein kontinuierlicher Weg
  • Resilienz schützt Kinder in schwierigen Zeiten

 

Kinder sollen wachsen, lernen, später mit beiden Beinen im Leben stehen und ihre Probleme lösen, die zum Leben gehören. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sie Höhen und Tiefen im Dasein meistern, ist bereits bei Kindern Resilienz, ein Begriff, der immer wieder in Artikeln und Büchern über Lebensfragen auftaucht. Doch was besagt er eigentlich genau?

„Resilienz bedeutet, mit Belastungen und Schwierigkeiten im Leben umgehen zu können“, erklärt Prof. Maike Rönnau-Böse, Sozialpädagogin und Resilienzforscherin im Zentrum für Kinder- und Jugendforschung (ZfKJ) an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Sie erfordere bestimmte Fähigkeiten, um mit schwierigen Lebenssituationen umgehen zu können.

So fördern Sie die Resilienz Ihres Kindes!

  • Seien Sie ein gutes Vorbild!
  • Stehen Sie zu Ihren Gefühlen, seien Sie ehrlich und authentisch.
  • Ihre Kinder können es auch aushalten, wenn Sie traurig sind.
  • Sagen Sie, wenn Sie am Rande der Kraft sind. Die Welt ist nicht immer „rosig“.
  • Beziehen Sie Ihre Kinder – altersgerecht – in Ihre Lebensfragen ein. Das erwarten Kinder.
  • Sie müssen nicht immer eine Antwort auf alles haben, sagen Sie das ruhig.
  • Sie müssen nicht perfekt sein!
  • Ermöglichen Sie Ihrem Kind vielfältige Eindrücke in der Natur, mit anderen Kindern und Erwachsenen.
  • Trauen Sie Ihren Kindern etwas zu.
  • Geben Sie Ihren Kindern kleine Aufgaben im Haushalt und Zeit dafür.
  • Erlauben Sie, dass Ihre Kinder beim Tischdecken helfen und Jacke und Schuhe selbst anziehen – auch wenn es nicht Ihrem Anspruch an Perfektion genügt.
  • Lassen Sie Ihren Kindern Freiräume, überbehüten Sie sie nicht. Sie dürfen auch mal Bäume hochklettern.

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Bezugspersonen und Gemeinschaften stärken Resilienz bei Kindern

Die häufige Erklärung, Resilienz sei eine „mentale Widerstandskraft“, sei zu kurz gegriffen. „Resilienz umfasst ein Bündel von Schutzfaktoren“, erläutert die Freiburger Expertin, „die in der Kindheit entwickelt werden können.“

Nummer „Eins“ sind dabei die sozialen Schutzfaktoren. In erster Linie geht es um eine Bezugsperson, die immer verlässlich für das Kind da ist. Forschungsergebnisse wie die wegweisende Resilienz-Langzeitstudie der amerikanischen Psychologin Emmy Werner und ihrer Kollegin auf der Insel Kauai haben gezeigt, dass dies nicht unbedingt die Eltern sein müssen. Sondern es können auch sogenannte kompensierende Personen wie zum Beispiel Großeltern, andere Familienangehörige, Freunde, Erzieher, gute Nachbarn, ja, sogar der Hausmeister in der Schule sein.

„Es muss eine Person sein, die kontinuierlich da ist, die ihnen Mut macht und an sie glaubt“, ergänzt Prof. Maike Rönnau-Böse. Positiv auf die Resilienz bei Kindern wirken sich auch soziale Gemeinschaften aus – wie Freunde, Nachbarn mit anderen Kindern, Gruppen in Kita und Schule. Es ist das Gefühl, dazu zu gehören, dass die Kinder dann wie eine unsichtbare Schutzhülle umgibt, ihnen Vertrauen, emotionale Sicherheit und Geborgenheit verleiht. Zu den sozialen Schutzfaktoren, die Resilienz ausmachen, kommen noch sogenannte Resilienzfaktoren.

Diese 6 Faktoren sind wichtig für starke, resiliente Kinder

  • Selbstwahrnehmung – heißt, sich und seine Gefühle kennen und ausdrücken sowie eigene Gedanken und Gefühle reflektieren zu können.
  • Selbstregulation – meint, zu lernen, seine Gefühle regulieren und sich selber beruhigen zu können.
  • Selbstwirksamkeit – bedeutet, zu erleben, durch eigene Initiative etwas bewirken zu können.
  • Soziale Kompetenz – heißt zu sehen, dass es noch andere gibt, auf sie zuzugehen und sich anzufreunden.
  • Umgang mit Stress – dahinter verbirgt sich die Fähigkeit, auch in turbulenten Zeiten zur Ruhe zu kommen und eigene Bedürfnisse und Grenzen zu kennen.
  • Fähigkeit, Probleme zu lösen – heißt, zu lernen, dass es Möglichkeiten gibt, Probleme aus der Welt zu schaffen.

Dinge selbst bewirken zu können, fördert Resilienz bei Kindern

„Ein Kind muss nicht über alle Resilienzfaktoren verfügen“, meint die Freiburger Sozialpädagogin. Die Selbstwirksamkeit allerdings habe eine besondere stärkende Bedeutung für das spätere Leben. Es ist das Erleben, Dingen nicht machtlos ausgeliefert zu sein, sondern selbst etwas in die Hand nehmen und damit in Gang setzen zu können. Das fängt schon als Baby damit an, dass der Papa ihm zum Beispiel den Löffel reicht, wenn es sein Händchen danach ausstreckt. Oder das Kleinkind den Keks zerbröselt und schaut, was die Mutter wohl dazu sagt. Dass die Mutter kommt, wenn es nach ihr ruft, dass es aus Bauklötzen einen Turm bauen oder im Sandkasten eine Burg formen kann.

Eltern können das Erleben der Selbstwirksamkeit ihrer Kinder unterstützen, indem sie sich beispielsweise über den bunten Turm oder die Sandburg freuen oder mitzittern, ob die selbstgebastelte Laterne auch wirklich hält und toll leuchtet. Ein Kind ist immer dann überzeugt von seinen Fähigkeiten, wenn ein nahestehender geliebter Mensch mitdenkt, nachfragt, lobt. Eltern sollten sich aber zurückhalten, was ihre eigenen Vorstellungen angeht, es sei denn, ihr Kind fragt gezielt danach.

Entscheidend ist es, dem Bedürfnis des Kindes dabei zu folgen, zu sprechen und zu spielen oder eben damit aufzuhören und es nicht dazu zu drängen. Damit respektieren Eltern seine Bedürfnisse und Grenzen und stärken damit die Resilienz des Kindes.

Vertrauen in Menschen und die Welt entwickeln

Auf diese Weise entwickelt ein Kind Selbstvertrauen und -sicherheit: „Ich kann etwas wollen und etwas dafür tun, dass es klappt!“ Mit jeder anfangs noch so kleinen Aktion glaubt das Kind mehr an sich. Schritt für Schritt entsteht ein positives und gefestigtes Selbstbild und ein Vertrauen in Menschen und die Welt. Das ist die wichtigste Ressource, um zu einer reifen Persönlichkeit heranzuwachsen und das Leben anzupacken.

„Habe ich ein gefestigtes Selbstbild, gestalte ich aktiv mein Leben und gehe etwaige Schwierigkeiten an, statt passiv darauf zu warten, dass mir jemand hilft“, betont Prof. Maike Rönnau-Böse. Ein zentraler Punkt im Leben, der einem die Bedeutung von Resilienz bei Kindern noch einmal mehr vor Augen führt.

Übrigens

Ihr Kind ist resilient, wenn es …

  • seine Stärken und Schwächen kennt
  • um seine Grenzen weiß
  • Freundschaften eingehen kann
  • mit anderen gut auskommt
  • neugierig ist
  • sich auf neue Situationen einlässt
  • im Schulalter „Nein“ sagen und Probleme lösen kann
  • stolz auf sich ist

Resiliente Kinder sind stolz auf das, was sie können

Für Kinder ist es auch wichtig, ihre Grenzen kennen zu lernen und damit ihre Resilienzentwicklung zu fördern. Eltern können ihnen dabei helfen, indem sie zum Beispiel gemeinsam mit ihnen versuchen, herauszufinden, was ihnen guttut und sie entspannt. So benötigt das eine Kind vielleicht viel Bewegung, das andere hingegen möchte ein Buch lesen oder kuscheln. Diese Kenntnis ist entscheidend dafür, auch im späteren Leben Stress und schwierige Zeiten gesund zu meistern.

Und noch ein Punkt: Kinder dürfen nicht nur, sie sollen stolz auf sich, auf ihre eigenen Fähigkeiten sein und das auch kundtun. Der Satz „Eigenlob stinkt“ ist an dieser Stelle definitiv falsch. „Denn nur wer eigene Erfahrungen machen darf und seine eigenen Fähigkeiten kennenlernt und das auch versprachlichen kann, speichert diese Erkenntnis langfristig ab“, betont die Sozialpädagogin und Resilienzforscherin. Umso häufiger sie solche positiven Erfahrungen machen, umso fester werden diese im Gehirn eingeprägt.

Das gilt leider auch für schmerzliche Erlebnisse. Je nachdem, welche überwiegen, entwickeln Kinder eine selbstbewusste und mutige Haltung, trauen sich etwas zu oder sie entwickeln eine eher ängstliche, vorsichtige oder gar misstrauische Einstellung im Leben.

Tipp - Spiegeln Sie Ihrem Kind seine Gefühle:

Schauen Sie ernst, wenn es Ihrem Kind ernst ist oder fröhlich, wenn es lacht. So lernt Ihr Kind über Sie seine eigenen Stimmungen kennen und auszudrücken und mit der Zeit auch die der anderen einzuschätzen und nachzufühlen. Hilfreich ist auch das Spiel „Was erzählst du ihm?“: Kinder erzählen ihren Stofftieren und Puppen unbefangen, was sie erlebt haben und über sich selbst. Hören Sie ihnen dabei zu und sprechen Sie mit dem Kind darüber. So lernt es sich selbst kennen.

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Resilienzentwicklung bei Kindern ist ein kontinuierlicher Weg

So wichtig Resilienz im Leben ist, man hat sie nicht automatisch. „Zum heutigen Zeitpunkt ist kein Resilienz-Gen bekannt“, sagt Prof. Maike Rönnau-Böse, „das heißt, Kindern ist Resilienz nicht angeboren.“ Was einem dagegen in die Wiege gelegt werde, seien Voraussetzungen dafür, Resilienz zu entwickeln. So erhöhe sich zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit für ein mit Intelligenz ausgestattetes Kind, Zusammenhänge zu verstehen, Probleme zu lösen oder Bildungsinhalte zu nutzen.

Jeder Mensch hat also auch im späteren Leben die Möglichkeit, Resilienz zu entfalten. Allerdings lässt sich später auf bereits in der Kindheit angelegte Schutzfunktionen besser aufbauen.

Resilienzentwicklung bei Kindern ist allerdings ein Weg, ein kontinuierlicher und umfassender Prozess. „Es reicht nicht, in der Erziehung einzelne Fähigkeiten zu trainieren, sondern es müssen auch die Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass Kinder Resilienz entwickeln“, erklärt die Freiburger Expertin. Es ginge nicht nur darum, sein Verhalten zu ändern, sondern auch die Verhältnisse. Bezugspersonen müssen da sein, ein Sicherheit vermittelndes soziales Umfeld, eine gute Kita und Schule.

Tipp – die richtige Kita finden:

Um eine gute Kita oder Schule zu finden, die die Resilienz bei Kindern fördert, hören Sie sich erst einmal bei Nachbarn und Freunden um. Machen Sie sich dann selbst ein Bild von der jeweiligen Einrichtung, sprechen Sie mit der Leitung und lesen Sie aufmerksam das pädagogische Konzept. Darin sollte das individuelle Kind im Vordergrund stehen und nicht Regeln und Ordnung. Wichtig ist auch genügend Zeit zum Eingewöhnen des Kindes, ideal ist ein Monat. Gut ist, wenn Eltern einbezogen werden, etwa in regelmäßigen Gesprächen mit den Erziehern, und auch mal hospitieren dürfen. Gibt es einen Spielplatz, gehen die Erzieher mit den Kindern in die Natur? Sammeln Sie Fakten und Eindrücke, um für Ihr Kind richtig zu entscheiden.

Resilienz schützt Kinder in schwierigen Zeiten

Warum hat Resilienz für Kinder eine solche Bedeutung? Die Antwort lautet: Sie kommen in Krisen besser klar, denn auch Kinder sind Belastungen ausgesetzt. Das kann die Trennung der Eltern sein oder ein „Lock-down“ aufgrund des Corona-Virus. „Ein resilientes Kind kann – natürlich altersentsprechend – besser damit umgehen“, so Prof. Maike Rönnau-Böse. Es ist auch traurig, wütend und weint, das ist völlig normal, aber es kann seine Gefühle formulieren, herauslassen und sich Beistand bei einer Bezugsperson holen.

Es verharrt nicht in den negativen Emotionen, sondern hat Menschen an seiner Seite, die ihm aus diesen Gefühlen heraushelfen. In einer Trennungssituation ist es hilfreich, wenn Eltern dem Kind erklären, dass sie sich nicht mehr gut verstehen, aber weiterhin immer für das Kind da sein werden. Im „Lock-down“ können sie mit ihren Kindern über die Trauer sprechen, dass sie ihre Freunde nicht sehen dürfen, erklären, warum das so ist und zum Beispiel die Kontakte über WhatsApp oder Skype am Leben halten. Erzieher und Lehrer, die regelmäßig anrufen, sorgen ebenfalls dafür, dass das soziale Netz präsent bleibt und stärken so die Resilienz der Kinder in Kita und Grundschule.

Wichtig ist, Kinder immer – auch in Krisen – mit einzubeziehen. Offen seine Gefühle zu zeigen, zu sagen, dass das „jetzt eine schwierige Situation ist, die wir gemeinsam bestehen werden“. „So lernen Kinder, dass im Leben nicht immer alles glatt läuft, man sich aber dabei helfen kann, das Problem auf einem für alle guten Weg zu lösen“, betont die Expertin. „Das ist eine wichtige Erfahrung, aus der Kinder resilient hervorgehen.“

Entwickeln Kinder ein positives Selbstkonzept, schätzen sich selbst und ihre Stärken und Fähigkeiten als wertvoll ein, werden sie unbekannte und schwierige Hürden im Leben nehmen und danach wieder sicher auf ihren Füßen landen.

 

Quellen: