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FemTech – Gesundheits-Tools speziell für Frauen
Sie sollen die Gesundheit und das Wohlbefinden von Frauen fördern: Apps und andere digitale Anwendungen, die vor allem junge Unternehmen seit einigen Jahren verstärkt auf den Markt bringen. Doch was können diese „Female Technologies“, kurz FemTech genannt, wirklich? Und wo liegen ihre Grenzen? Zwei Expertinnen klären auf.
Mit einer Menstruations-App fing alles an
Die vermutlich weltweit erste App, die sich speziell an Frauen richtete, entstand in Berlin. Die dort lebende junge Dänin Ida Tin suchte damals, Ende der Nuller Jahre, nach einer Möglichkeit, um ihren Zyklus leichter zu verfolgen.
Schnell war die Idee für eine Menstruations-App geboren – die sie gemeinsam mit ihrem Partner und zwei weiteren Kollegen verwirklichte: 2013 gründeten die vier das Unternehmen Clue. Gut zwei Jahre später, Ende 2015, nutzten bereits rund zwei Millionen Frauen aus 180 Ländern die gleichnamige App.
Ida Tin war es auch, die den Begriff FemTech geprägt hat. Die Abkürzung steht für „Female Technologies“ – Technologien also, die speziell auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sind. „FemTech umfasst ein breites Spektrum digitaler Innovationen“, erklärt Beatrice Aretz vom Institut für KI und Informatik in der Medizin am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München.
Zu diesem Spektrum gehören Apps und Wearables wie Fitnessarmbänder, die zahlreiche Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Schlaf messen und analysieren. Außerdem gibt es beispielsweise auch KI-gestützte Systeme, die schnellere und präzisere Diagnosen von Krankheiten ermöglichen.
„Bei FemTech geht es um viele frauenspezifische Gesundheitsthemen.”
Viele der Apps richten sich inzwischen an Patientinnen
„Anders als oft angenommen geht es bei FemTech nicht nur um Menstruation, Schwangerschaft und Hormone, sondern auch um viele andere frauenspezifische Gesundheitsthemen“, sagt Aretz, die Gründungsmitglied und ehemalige Vorstandsvorsitzende des Vereins „femtech deutschland“ ist und vor zwei Jahren das Unternehmen Caona Health gegründet hat. In ihrem Start-up entwickelt sie gemeinsam mit ihrem Team zyklusbasierte Apps, die auf unterschiedliche Lebensbereiche von Frauen zugeschnitten sind.
Mittlerweile sind zum Beispiel mehrere Anwendungen für Frauen in den Wechseljahren auf dem Markt. Andere Apps richten sich an Patientinnen, die an Brustkrebs, Endometriose (Erkrankung der Gebärmutter) oder PCOS, dem Polyzystischen Ovarsyndrom (einer Hormonstörung), erkrankt sind. Wieder andere begleiten Frauen in der ersten Zeit nach einer Geburt, drehen sich also um Themen wie Wochenbett, Rückbildung und das Stillen des Babys. Auch für Patientinnen mit Erkrankungen des Beckenbodens und/oder Harninkontinenz gibt es inzwischen spezielle Apps.
Apps helfen, den eigenen Körper besser kennenzulernen
„Gemeinsames Ziel aller Female Technologies ist eine geschlechtssensible Versorgung, die speziell auf die Bedürfnisse des weiblichen Körpers eingeht“, sagt Prof. Dr. Barbara Puhahn-Schmeiser, Co-Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. „Dass hier noch immer eine Versorgungslücke besteht, zeigt sich auch daran, wie gut die allermeisten Apps von den Frauen angenommen werden.“
„Frauen lernen ihren Körper besser kennen und achten mit der Zeit vielleicht auch aufmerksamer auf dessen Signale.”
Puhahn-Schmeiser ist überzeugt davon, dass Frauen von gut gemachten Apps in vielerlei Hinsicht profitieren können. „Sie lernen ihren Körper besser kennen und achten mit der Zeit vielleicht auch aufmerksamer auf dessen Signale“, sagt sie. „Sie können Symptome leichter einordnen oder ihnen mit einem geeigneten Lebensstil womöglich sogar zuvorkommen. Und sie erfahren, wohin sie sich mit eventuellen Beschwerden am besten wenden können.“
Gute Apps, die sich an Patientinnen richten, liefern zudem einen Überblick über mögliche Therapien, deren Vor- und Nachteile. „Das erleichtert es den Frauen, informierte Entscheidungen zu treffen und ihre Behandlung aktiv mitzugestalten“, sagt Puhahn-Schmeiser.
Medizinisch anerkannte Apps finden sich in einer Liste des BfArM
Woran aber lässt sich eine gute App sicher erkennen? Gerade im Wellness- und Lifestyle-Bereich ist das oft gar nicht so einfach. Leichter haben es, zumindest in dieser Hinsicht, Frauen, die an einer ganz bestimmten Erkrankung leiden und diese mithilfe einer App besser bewältigen möchten. Für sie – und natürlich auch für männliche Patienten – hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) eine Liste der in Deutschland zugelassenen Digitalen Gesundheitsanwendungen, kurz DiGA, erstellt.
Die im DiGA-Verzeichnis gelisteten Anwendungen haben das gesetzlich vorgesehene Prüfverfahren des BfArM durchlaufen. Ärztinnen und Ärzte können sie auf Rezept verordnen, die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten. Wer diese Apps, die offiziell als Medizinprodukt gelten, nutzt, kann beispielsweise sicher sein, dass das aktuelle medizinische Wissen in ihre Entwicklung miteingeflossen ist. Auch nehmen ihre Anbieter den Datenschutz ernst und haben sich dazu verpflichtet, die in die App eingegebenen persönlichen Informationen nicht für fremde Zwecke zu nutzen.
„Wer DiGA-Apps nutzt, kann sicher sein, dass das aktuelle medizinische Wissen in ihre Entwicklung miteingeflossen ist. ”
Beim Thema Datenschutz heißt es, wachsam zu bleiben
Dass gerade das Thema Datensicherheit ein ernstzunehmendes Problem sein kann, zeigt das Beispiel von Flo, einer weiteren – und der weltweit sogar meistgenutzten – App zum Tracking der Periode. Es gilt inzwischen als bewiesen, dass der Anbieter zwischen 2016 und 2019 intime Daten von Millionen Nutzerinnen ohne deren Kenntnis an Facebook und Google weitergeleitet hatte.
„Auf jeden Fall sollte in der App klar ersichtlich sein, welche Daten erhoben, wie sie verwendet und ob sie an Dritte weitergegeben werden“, sagt Aretz. Je verständlicher und konkreter diese Informationen formuliert seien, desto eher spreche das für einen verantwortungsvollen Umgang: „Wenn Datenschutztexte extrem lang, unklar oder ausweichend formuliert sind, ist das eher kein gutes Zeichen.“
Kein FemTech-Tool ersetzt den Besuch in der ärztlichen Praxis
So wichtig das Thema Datenschutz auch ist: Entscheidend für die Qualität einer App ist zuallererst ihre wissenschaftliche Grundlage. Behördlich geprüft ist diese nur bei den DiGA. „Doch auch bei den anderen Anwendungen sollten die Nutzerinnen zumindest nachvollziehen können, auf welchen medizinischen Erkenntnissen sie basieren, wer sie entwickelt hat und ob die Aussagen durch Studien oder Leitlinien gestützt sind“, sagt Aretz.
„Wenn Apps zu vereinfachten Schlüssen ziehen, Symptome falsch einordnen oder eine medizinische Sicherheit suggerieren, die nicht durch Daten gedeckt ist, kann das zu Fehlinformationen, falscher Beruhigung oder unnötiger Verunsicherung führen“, warnt Aretz.
Puhahn-Schmeiser sieht das ähnlich. „Um sich vor solcher Desinformation zu schützen, kann es sinnvoll sein, einmal nachzuschauen, ob und welche Ärztinnen oder Ärzte, medizinische Forschungsinstitute oder Fachgesellschaften an der Entwicklung der App beteiligt waren“, rät die Medizinerin.
Ein weiteres Qualitätsmerkmal besteht den Expertinnen zufolge darin, dass eine App ganz deutlich sagt, was sie leisten kann und was nicht. „Klar ist: Keine noch so gute App kann, wenn Beschwerden neu entstehen oder sich verschlimmern, den Besuch bei einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen“, betont Puhahn-Schmeiser. „Sie kann aber, richtig eingesetzt, diesen Besuch sehr gut mit vorbereiten und die ärztliche Betreuung im Anschluss sinnvoll begleiten.“
Viele andere Technologien sind noch in der Entwicklung
Wie viele FemTech-Apps mittlerweile hierzulande im Angebot sind, kann niemand so recht sagen. „Einen einzigen vollständigen Überblick gibt es meines Wissens nicht“, sagt Aretz. Noch unübersichtlicher wird es, wenn es um andere Technologien geht, mit deren Hilfe die Gesundheit der Frauen verbessert werden soll.
„Die Versprechen der Entwickler waren in der jüngsten Vergangenheit groß. ”
Die Versprechen der Entwickler waren in der jüngsten Vergangenheit groß. Intelligente Tampons sollten auf den Markt kommen und künftig das Menstruationsblut für diagnostische Zwecke nutzen, um beispielsweise Gebärmutterkrebs oder andere Erkrankungen frühzeitig aufzuspüren. Das viel beworbene Armband Grace, ein weiteres smartes Beispiel, sollte Hitzewallungen bei Frauen in den Wechseljahren erkennen und die Betroffenen kühlen, noch ehe sie die aufkommende Hitze überhaupt registrieren.
Zu kaufen gibt es das Armband bis heute allerdings nicht. Auch ein intelligenter Tampon ist in Praxen und im Internet bisher vergeblich zu suchen. „Das Forschungsfeld ist äußerst spannend, aber viele solcher durchaus vielversprechenden Entwicklungen stehen tatsächlich noch sehr am Anfang“, sagt Aretz.
Auch die Herzgesundheit von Frauen steht im Blick
Was es hingegen bereits zu kaufen gibt, sind smarte BHs, die die Herzfrequenz von Frauen tracken – so wie es auch vergleichbare Brustgurte tun. Gedacht sind die nicht ganz kostengünstigen Dessous derzeit vor allem für Sportlerinnen, denen die Pulsmessung am Handgelenk zu ungenau ist, die den Gurt aber als zu unbequem und auffällig empfinden.
Wie sich mithilfe moderner Technologien nicht nur die Fitness, sondern auch die Herzgesundheit speziell von Frauen verbessern lässt, wird derzeit ebenfalls erforscht. „Inzwischen hat es sich zum Glück herumgesprochen, dass sich das weibliche Herz vom männlichen in vielerlei Hinsicht unterscheidet“, sagt Puhahn-Schmeiser.
„Inzwischen hat es sich zum Glück herumgesprochen, dass sich das weibliche Herz vom männlichen in vielerlei Hinsicht unterscheidet.”
Zahlreiche Menschen wissen zum Beispiel mittlerweile, dass sich ein Herzinfarkt bei Frauen meist ganz anders äußert als bei Männern und dass die Symptome wie Erschöpfung, Übelkeit oder Rückenschmerzen bei ihnen oft viel unspezifischer sind. Puhahn-Schmeiser zufolge sind KI-gestützte Systeme, die einen Infarkt oder andere Erkrankungen des weiblichen Herzens rasch erkennen, in der Entwicklung, womöglich auch eine Herz-App speziell für Frauen. Diese gibt es bisher nicht
Digitale Tools können helfen, die Signale des Körpers ernster zu nehmen
„Aktuell entsteht die nächste Generation von FemTech“, berichtet Aretz. „Während frühe Anwendungen vor allem auf Tracking und Selbstbeobachtung ausgelegt waren, werden künftig digitale Biomarker, kontinuierliches Monitoring und KI-gestützte Auswertung von Alltagsdaten vermehrt im Fokus stehen.“
„Bei künftigen digitalen Biomarkern werden kontinuierliches Monitoring und KI-gestützte Auswertung von Alltagsdaten vermehrt im Fokus stehen.”
Lange Zeit sei die Gesundheit von Frauen eher als Nischenthema behandelt worden. „Digitale Angebote können helfen, die Versorgungslücke zu verkleinern – indem sie Informationen zugänglicher, Muster sichtbar und Frauen in Bezug auf ihren eigenen Körper sprachfähiger machen“, ist sich Aretz sicher. Oft beginne Veränderung genau da, wo Frauen aufhören, ihre Beschwerden herunterzuspielen, und anfangen, sie ernst zu nehmen.
Quellen:
- Interview mit Beatrice Aretz am 26.03.2026
- Interview mit Prof. Dr. Barbara Puhahn-Schmeiser am 14.04.2026
- https://de.wikipedia.org/wiki/Ida_Tin
- https://femtechgermany.org
- https://diga.bfarm.de/de
- https://www.spiegel.de/netzwelt/meta-geschworene-machen-konzern-fuer-offenlegung-von-zyklusdaten-verantwortlich-a-fef4b24d-b04d-4b19-bc9b-7b8b797308da
- https://www.zukunftsinstitut.de/zukunftsthemen/femtech
- https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/femtech-anwendungen-im-ueberblick-trackle-endo-app-embr-wave-headspace-a-821e7126-a155-450e-b13d-839dd562d152
- https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/femtech-mit-smarten-bhs-und-minilaboren-zur-frauengesundheit-a-b77a1f11-5c0b-4cb2-8c87-312005d0091c
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Beatrice Aretz
Experte
Institut für KI und Informatik in der Medizin am Klinikum Rechts der Isar der Technischen Universität München
Prof. Dr. Barbara Puhahn-Schmeiser
Expertin
Co-Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes
Anke Brodmerkel
Autorin
Anke Brodmerkel hat Biologie und Chemie studiert und lange für die Berliner Zeitung als Medizinredakteurin gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Flensburg und schreibt über alle Aspekte zum Thema Gesundheit – für Zeitungen, Magazine und Online-Portale. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie während eines zweijährigen Segeltörns durch Europa.