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Kinder lieben Zucker: Gesunder Umgang anstatt Verbot

Ein bewusster Umgang mit Zucker ist für Kinder von Anfang an wichtig. Denn zu viel kann auf längere Sicht ihrer Gesundheit schaden. Dabei macht es keinen Sinn, Kindern Zucker zu verbieten. Stattdessen sollten Eltern sie an einen sorgsamen Umgang mit Süßem gewöhnen. Die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Mathilde Kersting verrät, wie sie das bewerkstelligen können.

Ist Zucker schädlich?

Zucker ist verlockend. Besonders Kinder lieben seinen süßen Geschmack. Doch das vor allem aus Zuckerrohr und Zuckerrüben gewonnene kristalline Lebensmittel hat einen schlechten Ruf. Ist Zucker schädlich? „Nein“, antwortet die Prof. Mathilde Kersting, Ernährungswissenschaftlerin und Leiterin vom Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE) der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Ruhr-Universität Bochum.

„Der Zucker verdrängt andere Nährstoffe und das macht ihn dann indirekt schädlich.”
Prof. Kersting

„Zucker an sich ist nicht schädlich. Aber wenn man zu viel davon in Relation zu anderen Nährstoffen aufnimmt, ist er ungesund.“ Denn etliche Kinder, die viel zuckerhaltige Lebensmittel essen, nehmen zu wenig Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und fettarme Milchprodukte zu sich. „Der Zucker verdrängt andere Nährstoffe“, erklärt Prof. Kersting, „und das macht ihn dann indirekt schädlich."

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Zu viel Zucker birgt gesundheitliche Gefahren

Das kann gesundheitliche Folgen haben. So haben Kinder, die zu viel Zucker konsumieren, ein erhöhtes Risiko, an Übergewicht, Diabetes mellitus Typ 2 und Karies zu erkranken. Langfristig besteht sogar die Gefahr, Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie zum Beispiel Bluthochdruck zu entwickeln. Dass Zucker dagegen die Konzentration von Kindern mindert oder sie hyperaktiv macht, ist nicht erwiesen. Doch die gesundheitlichen Gefahren sind ernst zu nehmen, die Ärzte sind alarmiert.

Hierzulande sind 15,5 Prozent der Jungen und Mädchen im Alter von drei bis 17 Jahre übergewichtig oder fettleibig. Knapp 6 Prozent leiden an Fettleibigkeit (Adipositas). Dabei steigt die Häufigkeit der übergewichtigen und adipösen Kinder mit zunehmendem Alter an. Das hat die zweite Erhebung der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) des Robert-Koch-Institutes in Berlin von 2014 bis 2017 ergeben.

„Die Zahlen der übergewichtigen und fettleibigen Kinder in Deutschland haben sich auf einem hohen Niveau eingependelt“, sagt Prof. Kersting. Ziel ist es, den Zuckerkonsum von Kindern und Jugendlichen auf ein angemessenes Maß zu reduzieren, eine gesunde Ernährung zu fördern, die Freude am Essen aufrechtzuerhalten und damit Körpergewicht und Gesundheit wieder ins rechte Lot zu bringen.

Ein wenig Zucker am Tag ist erlaubt

Doch wie viel Zucker dürfen Kinder bekommen? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass Kinder weniger als 10 Prozent ihrer täglichen Energiezufuhr mit Zucker abdecken sollten. Besser wäre noch, wenn sie unter 5 Prozent liegen würde. Die 10 beziehungsweise 5 Prozent sind als maximale Obergrenze zu verstehen. Doch wie kriegen das Eltern hin, ohne mit dem Taschenrechner in der Küche zu sitzen?

Anhaltspunkte liefern zum Beispiel die Mengenangaben vom FKE der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Bochum. So entsprechen den weniger als 10 Prozent der täglichen Energiezufuhr mit Zucker für vier- bis sechsjährige Kinder: etwa fünf Teelöffel Zucker, zwei Kugeln Eis, zirka 2,5 Esslöffel Marmelade, ein Viertel Liter Limonade oder zwei Riegel Schokolade. Mit der Zeit lernt man, die Mengen abzuschätzen.

„Gehen Sie prinzipiell einfach sparsam mit Zucker und zuckerreichen Lebensmitteln um“, rät die Bochumer Ernährungswissenschaftlerin, „und nehmen zum Beispiel immer etwas weniger Zucker, als in einem Rezept angegeben ist.“

Die Zuckermenge peu à peu reduzieren

Gut ist es, Kindern – und Erwachsenen – in kleinen Schritten den süßen Geschmack etwas abzugewöhnen. So kann man zum Beispiel beim nächsten Becher Kakao statt 2,5 nur noch 1,5 Teelöffel Instant-Kakao verwenden, im nächsten Schritt nur noch einen Teelöffel. Noch ein Beispiel: Alle Kinder lieben Ketchup. Doch der Zuckeranteil liegt bei bis zu 20 Prozent. Eine Möglichkeit ist, die Ketchup-Flasche nicht zu jeder Mahlzeit wie selbstverständlich auf den Tisch zu stellen, sondern, wenn gewünscht, einen Klecks auf den Teller zu geben.

Zuckerhaltiger Fruchtjoghurt lässt sich einfach ersetzen, indem man stattdessen ungesüßten Naturjoghurt kauft und kleingeschnittene Früchte oder gekochtes Obstkompott zugibt. Eine Option ist auch, den gekauften Fruchtjoghurt mit Naturjoghurt zu verdünnen. Denn wer seltener und weniger Süßes zu sich nimmt, kommt bereits nach kurzer Zeit mit weniger Zucker aus. „Der Geschmack verändert sich“, erklärt Prof. Kersting. „und die Kinder verspüren dann nicht mehr den Heißhunger auf stark Süßes.“

Verhängen Sie Kindern keine Zucker-Verbote. Das macht Süßes für Kinder nur noch attraktiver. Sprechen Sie auch nicht ständig über das Thema „Zucker“. Damit entdramatisieren Sie sozusagen die Angelegenheit. Gewöhnen Sie Ihre Kinder stattdessen an einen sparsamen Umgang mit Süßem. Damit gibt sich auch mit der Zeit der Appetit auf den zuckrigen Geschmack.

Vorsicht: Babys prägt sich der süße Geschmack ein

„Mit den gezuckerten Produkten werden Kinder auf den süßen Geschmack getrimmt“, warnt die FKE-Ernährungswissenschaftlerin Prof. Mathilde Kersting, „und zwar von Anfang an.“ So konnten Wissenschaftler zeigen, dass bereits Neugeborene, die in einer wissenschaftlichen Studie Wasser mit verschiedenen Geschmäckern erhielten, den Süßgeschmack präferierten.

In einer anderen Studie bevorzugten Kinder, die als Säuglinge Süßgetränke erhalten hatten, auch im Schulalter süße Getränke. Mehr noch: Im Vergleich zu Kindern, die in der frühen Kindheit ungesüßte Getränke erhielten, waren doppelt so viele der süß konditionierten Kinder im Alter von sechs Jahren fettleibig. „Die Wahrnehmung des süßen Geschmacks kann die Präferenz längerfristig prägen“, betont die Bochumer Expertin.

Im Handel ist bei Lebensmitteln, die extra für Kinder bestimmt sind, Vorsicht geboten. Sie enthalten oftmals sogar mehr Zucker als vergleichbare Produkte. Es empfiehlt sich, vor dem Kauf auf die Inhaltsstoffe zu achten und überzuckerte Waren im Regal stehen zu lassen. Typische Zuckerfallen sind:

  • Limonaden
  • Obstsäfte
  • Frühstücksflocken für Kinder
  • Ketchup
  • Fruchtjoghurt
  • Kinderquark
  • Kekse
  • Kindertee

Auch Reismalz & Co. sparsam verwenden

Dabei geht es nicht nur darum, den weißen Haushaltszucker, Rohrohr- oder Vollrohrzucker zu reduzieren. Andere Zuckerarten sind zum Beispiel Dextrose, Fruktose (Fruchtzucker), Glukose (Traubenzucker), Maltodextrin und Maltose (Malzzucker). Sie kommen auch in Honig, diversen Sirup-Arten wie Glukose- oder Reissirup, Invertzuckersirup oder Ahornsirup vor, in Malzextrakt, Reismalz sowie Dicksäften wie etwa Agavendicksaft. „Alle diese Zuckerarten sollten sparsam verwendet werden“, sagt Prof. Kersting.

„Optimierte Mischkost“ für Kinder und Jugendliche

Einfacher ist es, den Speiseplan für Kinder und Jugendliche in ein ganzheitliches Ernährungskonzept einzubetten. Dann reduziert sich der Zuckerkonsum oft automatisch. So hat das Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE) das Konzept der sogenannten „Optimierten Mischkost“ für Kinder und Jugendliche von 1 bis 18 Jahre entwickelt. 

Es bedeutet, dass fett- und zuckerreiche Lebensmittel sparsam gegessen werden sollten, tierische Kost wie Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Eier nur mäßig, pflanzliche Nahrung wie beispielsweise Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Kartoffeln, Getreideflocken, Brot, Nudeln und Reis sowie Wasser und ungesüßte Tees dürfen dagegen in reichlichem Maß genossen werden. „Mit dieser gesunden Ernährung kann man ernährungsbedingte Krankheiten wie etwa Diabetes mellitus Typ 2 vorbeugen“, erklärt die Leiterin des FKE. 

„Im Prinzip können Erwachsene die Mengen von Jugendlichen essen und wären ebenfalls gut versorgt.“

Broschüren rund um das Thema Ernährung von Kindern sowie ein Kochbuch für Kinder können Sie direkt beim FKE online bestellen unter https://www.fke-shop.de.

Das Königreich macht es uns vor

Auch die Politik hat erkannt, dass eine gute Ernährung für Kinder essenziell für ihre Gesundheit ist. So hat Ernährungsminister Özdemir einen Plan für ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel vorgestellt. Kita- und Schulkantinen sollen künftig weniger Fleisch und zuckerhaltige Lebensmittel, dafür aber mehr Obst und Gemüse anbieten. Der Plan ist jetzt erstmals im Bundestag diskutiert worden.

Unsere britischen Nachbarn haben es bereits vor Jahren vorgemacht. Großbritannien hat 2018 eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke wie Cola oder andere Limonaden erhoben. Mit der Steuer werden Hersteller von Softdrinks zur Kasse gebeten. Mit Erfolg. Die Getränkehersteller reduzieren den Zuckergehalt, um die Steuer zu vermeiden. Das Resultat: Die Fettleibigkeit bei zehn- bis elfjährigen Mädchen hat sich um 8 Prozent verringert.

Wie Sie den Zuckerkonsum bei Ihren Kindern reduzieren

  • Verwenden Sie in der Küche immer weniger Zucker, als im Originalrezept angegeben ist.
  • Verdünnen Sie süße Getränke mit Wasser.
  • Bieten Sie Wasser oder ungesüßten Tee in einer schönen Karaffe oder bunten Flasche an.
  • Geben Sie nur einen Riegel Schokolade, z. B. in Kombination mit einem Stück Obst.
  • Laden Sie Ihre Kinder ein, die süße Zwischenmahlzeit am Tisch zu essen und nicht zwischendurch; essen sollte ein Ritual sein.
  • Sprechen Sie vor Einladungen mit den Eltern der anderen Kinder, um zu vermeiden, dass Mengen an zuckerhaltigen Produkten angeboten werden.
  • Treten Sie auch in Kontakt mit der Hort-, Kita- oder Schul-Leitung sowie Erziehern oder Lehrern, wenn Sie feststellen, dass viel Gesüßtes angeboten wird.
  • Seien Sie ein Vorbild.
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Prof. Mathilde Kersting

Ernährungswissenschaftlerin und Leiterin vom Forschungsdepartment Kinderernährung (FKE) der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Ruhr-Universität Bochum (www.fke-bo.de)

Ute Wegner

Medizinjournalistin

Ute Wegner hat ihr Handwerk an einer der führenden Journalistenschulen Deutschlands gelernt und schreibt seit vielen Jahren als Medizinredakteurin über Medizin, Wissenschaft und Biologie. Sie legt Wert auf eine eingängige Sprache und hat als Fachlektorin die bekannten Kinderbücher vom kleinen Medicus von Prof. Dietrich Grönemeyer lektoriert.