Wenn die Schilddrüse schlapp macht

Funktioniert die Schilddrüse nicht, kann es zu Krankheiten, wie Schilddrüsenüber- oder unterfunktion, Schilddrüsenkrebs oder Morbus Basedow kommen.

Mit ihren Hormonen beeinflusst die Schilddrüse lebenswichtige Stoffwechselprozesse. Funktioniert die Schilddrüse nicht richtig, geraten diese Prozesse aus der Balance. Infolgedessen kann es zu Erkrankungen wie etwa Schilddrüsenüberfunktion, Schilddrüsenkrebs, Morbus Basedow oder einer Schilddrüsenunterfunktion kommen. Mit einer entsprechenden Behandlung bekommt man die Krankheiten aber in den Griff.

Von Ute Wegner

 

Anna M. schwitzt. Ihr Gesicht ist gerötet, Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn. Ihr Herz rast. Sie sitzt in ihrem Büro. Kühle Frühlingsluft dringt durch das weit geöffnete Fenster. Das Außenbarometer zeigt fünfzehn Grad. Dennoch hat die Dreißigjährige nur eine kurzärmelige Bluse und leichte Baumwollhose an – und schwitzt. Das geht ihr seit einiger Zeit so. Eine Blutuntersuchung bei ihrem Hausarzt ergibt: Anna M. leidet an einer Überfunktion der Schilddrüse.

Die Schilddrüse benötigt Jod

Die Schilddrüse ist ein kleines schmetterlingsförmiges Organ, das wie ein „Schild“ vor der Luftröhre unterhalb des Kehlkopfes sitzt. Bei einer Überfunktion, in der Fachsprache Hyperthyreose genannt, bildet sie zu viele Schilddrüsenhormone. Diese Hormone, die im Körper für lebenswichtige Stoffwechselprozesse, Kreislauf, Wachstum und Psyche zuständig sind, heißen Trijodthyronin, kurz „T3“ und Thyroxin, abgekürzt „T4“.

Sie werden in der Schilddrüse aus Eiweiß und Jod hergestellt. Jod erhält der Körper über die Nahrung, doch leider meist zu wenig. Der Tagesbedarf liegt für Jugendliche und Erwachsene bei rund 150 Mikrogramm. Das Problem: Etwa 30 Prozent der Erwachsenen und 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen nehmen in der Regel deutlich weniger Jod zu sich.

Wenig Jod macht die Schilddrüse krank

Infolgedessen wird nicht genügend Schilddrüsenhormon gebildet. Der Mangel wird an das Gehirn und die Hirnanhangdrüse gemeldet. Diese regen wiederum die Schilddrüse an, mehr Hormone zu produzieren. Daraufhin vergrößert sie sich, um auch noch geringste Mengen an Jod aufzunehmen und zu verwerten. Häufig entsteht dann ein Kropf, auch als Struma bezeichnet, eine sehr häufige Schilddrüsen-Erkrankung.

„Oft verschwindet der Kropf, wenn ausreichend Jod, zum Beispiel in Form von Tabletten, eingenommen wird“, erklärt Prof. Andreas Pfeiffer, Leiter der Endokrinologischen Abteilung der Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin. Weitere Optionen sind eine Radiojodtherapie oder eine Operation.

Bei einer Radiojodtherapie nimmt man Tablettenkapseln ein, die radioaktives Jod enthalten. Das radioaktive Jod „wandert“ im Körper zu den Schilddrüsenzellen, wird aufgenommen und gibt Beta-Strahlen ab. So werden kranke oder überaktive Schilddrüsenzellen gezielt ausgeschaltet.

Der Körper kann Jod nicht speichern.

Deswegen muss es regelmäßig zugeführt werden. Essen Sie ein- bis zweimal wöchentlich Meeresfische, Muscheln, Sushi oder Algen. Sie enthalten aufgrund des Jodgehaltes der Meere viel Jod. So enthalten zum Beispiel 100 Gramm Schellfisch 100 bis 300 Mikrogramm, Hering und Thunfisch 100 bis 250 Mikrogramm, Kabeljau und Scholle 50 bis 200 Mikrogramm Jod. Täglich Milch und Milchprodukte, immer mal wieder ein Hühnerei und gelegentlich Fleisch und Wurst verbessern ebenfalls die Jodbilanz. Verwenden Sie in der Küche jodiertes Speisesalz.

Sind Sie nicht sicher, ob sie ausreichend Jod mit der Nahrung aufnehmen, ist die Einnahme von Jodtabletten am sichersten. Ganz wichtig ist das für schwangere und stillende Frauen, die mehr Jod benötigen. Auch für Veganer sind sie eine gute Alternative, für ausreichend Jod zu sorgen. Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt beraten.

Wie es zur Schilddrüsenüberfunktion kommt

Bei einem Drittel der Betroffenen entstehen Knoten in der Struma, die „heiß“ oder „kalt“ sind. „Heiße Knoten“ sind Gewebeteile, die ohne Kontrolle des Gehirns Hormone in die Blutbahn abgeben. Es werden zu viele Schilddrüsenhormone gebildet, die geradezu den Körper überschwemmen. Es kommt zur Schilddrüsenüberfunktion. Der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren.

Die Betroffenen, wie zum Beispiel Anna M. leiden an den typischen Anzeichen einer Schilddrüsenüberfunktion:

  • Schwitzen
  • Hitzeempfindlichkeit
  • Gewichtsverlust
  • Hoher Blutdruck und Herzrasen
  • Konzentrationsschwäche
  • Unruhe, Nervosität, Reizbarkeit
  • Haarausfall
  • Durchfall

„Ein typisches Zeichen ist auch, dass die Finger der Betroffenen zittern“, erklärt Prof. Pfeiffer. Allerdings sind nur bei 20- bis 50jährigen die Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion deutlich erkennbar. „Ältere Menschen weisen oft keine sicheren Symptome für diese Erkrankung auf“, betont Prof. Pfeiffer, „häufig nehmen sie nur an Gewicht ab oder haben Herzrhythmusstörungen.“

Erst eine Blutuntersuchung bringt ein Problem mit der Schilddrüse ans Tageslicht. Um herauszufinden, ob die Schilddrüse nicht richtig funktioniert, wird der so genannte TSH-Wert im Blut bestimmt. TSH ist die Abkürzung für Thyreoidea-stimulierendes Hormon. Es wird in der Hirnanhangdrüse gebildet und ins Blut abgeben, um die Schilddrüse anzuregen, Hormone zu bilden. Der TSH-Wert gibt also Auskunft darüber, ob und inwiefern die Funktion der Schilddrüse gestört ist.

Schilddrüsenkrebs kann meistens geheilt werden

Die Knoten erkennt der Arzt mithilfe einer Ultraschall-Untersuchung. Gefährlich sind die so genannten „kalten Knoten“. „Sie geben zwar keine Hormone ab, können aber bösartig werden und müssen deshalb regelmäßig kontrolliert werden“, betont der Schilddrüsen-Experte Pfeiffer. Jahrelang kann Ruhe sein, „doch, wenn der Knoten plötzlich anfängt zu wachsen, wird es Zeit, etwas zu tun“.

Doch Grund zur Panik besteht nicht. Obwohl bei etwa 50 Prozent der Patienten die Knoten tatsächlich größer werden, wandeln sie sich nur selten zu einem bösartigen Tumor. Entdeckt man jedoch bei einer Gewebeprobe bösartige Zellen, müssen sie mittels Operation entfernt werden. „98 Prozent der Patienten mit Schilddrüsenkrebs können geheilt werden“, betont der Experte.

Hat der Krebstumor bereits Tochtergeschwülste, so genannte Metastasen gebildet, schließt sich an die Operation eine Radiojodtherapie an.

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Wenn das eigene Immunsystem die Schilddrüse anregt

Schuld an der Schilddrüsenüberfunktion kann auch eine Krankheit namens Morbus Basedow sein. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der gegen den eigenen Körper gerichtete Antikörper die Schilddrüse anregen, zu wachsen als auch verstärkt Hormone zu bilden. Markantes Symptom sind die „Glupschaugen“, die bei Betroffenen auftreten können.

Die Überfunktion wird kurzfristig mit der Gabe von Schilddrüsen hemmenden Tabletten behandelt, um die Drüse gewissermaßen zu beruhigen. „Dieses Medikament sollte nicht als Dauertherapie verwendet und von Spezialisten durchgeführt werden“, unterstreicht Prof. Pfeiffer. Langfristig ist eine Operation erforderlich, bei der die Schilddrüse verkleinert wird, oder eine Radiojodtherapie.

Was ist Endokrinologie?

Wählen Sie für die Behandlung und Kontrolle Ihrer Schilddrüsen-Erkrankung Spezialisten aus, die auf Endokrinologie spezialisiert sind. Die Endokrinologie befasst sich, kurz gesagt, mit hormonell bedingten Erkrankungen und deren Behandlung. Wählen Sie im Falle einer Operation eine Endokrinologie-Klinik oder -Abteilung aus, in der 100 Schilddrüsen-Operationen im Jahr durchgeführt werden. Das spricht für Routine und Erfahrung der Ärzte.

Eine Schilddrüsenunterfunktion ist nicht leicht zu erkennen

Nun kann es aber auch zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommen, bei der zu wenig Hormone gebildet werden. Eine der Hauptursachen für die so genannte Hypothyreose ist durch eine chronische Entzündung zerstörtes Schilddrüsengewebe. Die Unterfunktion kann auch durch eine teilweise oder ganz entfernte Schilddrüse entstanden sein. „Sie ist das Umkehrbild der Überfunktion“, erklärt Prof. Pfeiffer.

Die Betroffenen, meist Frauen, leiden an Symptome wie:

  • Frösteln
  • Kälteempfindlichkeit
  • Gewichtzunahme
  • Antriebsschwäche
  • Trägheit und Verlangsamung
  • Müdigkeit und langer Schlaf
  • Haarausfall
  • Verstopfung

Außerdem ist bei einer Unterfunktion der Schilddrüse der Abbau des Cholesterins verzögert, es kommt zu einem Anstieg des Cholesterin-Spiegels. Das bedeutet ein erhöhtes Risiko für Gefäßverkalkungen und hohem Blutdruck. „Die Unterfunktion ist jedoch nicht so leicht zu erfassen“, sagt Prof. Pfeiffer vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin.

„Die Symptome sind oft nicht so deutlich wie bei der Überfunktion.“ Die Schilddrüsenunterfunktion wird mit der Einnahme von Schilddrüsenhormonen dauerhaft behandelt. Sind sie richtig dosiert, sind sie frei von Nebenwirkungen, das Befinden normalisiert sich.

Die Schilddrüse kann sich entzünden

Einfacher zu bestimmen ist eine Entzündung der kleinen Drüse, eine Thyreoiditis, die wenige Wochen nach einem grippalen Infekt auftreten kann. „Es tut schlichtweg sehr weh“, sagt der Fachmann. Man neige häufig dazu, Kortison zu geben, „das kann aber dazu führen, dass die Entzündung noch lange vor sich hin schwelt“. Im Allgemeinen sei ein Schmerzmittel für die Behandlung ausreichend.

Neben einer akuten gibt es auch langsam verlaufende chronische Entzündungen. Sie kommen häufig im Rahmen von Autoimmunerkrankungen vor wie zum Beispiel die Hashimoto- Thyreoiditis. Körpereigene Antikörper gegen die Schilddrüse führen bei dieser Erkrankung zur Entzündung und schließlich Zerstörung des Gewebes. Das führt in den meisten Fällen zu einer Schilddrüsenunterfunktion.

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Schilddrüsenerkrankungen sind häufig. Sie können in jedem Lebensalter auftreten, älteren Menschen sind aber öfter betroffen. „Wir haben aber gute Behandlungs-Möglichkeiten, um Schilddrüsenerkrankungen in den Griff zu bekommen“, zieht Prof. Pfeiffer Bilanz.

 

Link vom Experten empfohlen:

https://www.schilddruesenliga.de

Quellen:

Prof. Andreas Pfeiffer, Leiter der Endokrinologischen Abteilung der Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft:
https://www.bmel.de/DE/themen/ernaehrung/gesunde-ernaehrung/degs-jod-studie.html

Deutsche Gesellschaft für Ernährung:
https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/jod/?L=0

Arbeitskreis Jodmangel:
https://jodmangel.de/jod-in-der-ernaehrung/