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Sommer, Sonne, Glücksgefühle: Warum wir im Sommer meist glücklicher sind

Schon wenn sich im Frühling die ersten Sonnenstrahlen zeigen, zieht es die meisten Menschen unweigerlich nach draußen. Und fast immer blickt man dort überall in zufriedene, wenn nicht gar glückliche Gesichter. Das kommt nicht von ungefähr: Licht und Wärme setzen in unserem Körper eine ganze Reihe positiver Reaktionen in Gang. Welche das sind und wie sie sich für unser Wohlbefinden nutzen lassen, erklären ein Biopsychologe und ein Endokrinologe, also ein Spezialist für Hormone.

Fast jedes Lebewesen weiß es instinktiv: Die Sonne tut uns, zumindest in Maßen genossen, rundherum gut. Ihr Licht und ihre Wärme wecken die Lebensgeister. Wir fühlen uns fitter, sowohl geistig als auch körperlich, und sind in aller Regel fröhlicher gestimmt, als wenn der Himmel von grauen Wolken verdeckt ist.

Während wir in den dunklen und kalten Monaten viel eher geneigt sind, uns zurückzuziehen und es uns zu Hause auf dem Sofa gemütlich zu machen, drängt es uns, sobald sich der Frühling mit seinen längeren und wärmeren Tagen bemerkbar macht, in die Straßen, die Parks und in die Natur. Auch das morgendliche Aufstehen fällt leichter, wenn schon das Licht des neuen Tages ins Schlafzimmer fällt.

„Wir Menschen haben viele hunderttausend Jahre als Jäger und Sammler in der freien Natur gelebt“, sagt Prof. Dr. Peter Walschburger von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Im Vergleich zum technischen Fortschritt, der uns umgibt, hätten wir selbst uns viel langsamer weiterentwickelt: „Unser genetisches Programm ist noch immer darauf abgestimmt, dass wir aufleben, wenn es heller und wärmer wird, und dass es uns dann nach draußen zieht“, erklärt der Biopsychologe der Freien Universität Berlin.

„Die Zellen unseres Körpers funktionieren wie innere Uhren, deren etwa 24-stündiger Grundrhythmus fortlaufend an das tatsächlich einwirkende Licht angepasst wird.“

Sonnenlicht lässt den Körper Glückshormone produzieren

Und tatsächlich ist es insbesondere das Licht, das in unserem Körper zahlreiche positive Reaktionen in Gang setzt. „In der Netzhaut unserer Augen befinden sich nicht nur Zellen, die fürs Sehen wichtig sind, sondern auch solche, die das Sonnenlicht registrieren und diese Information über den Sehnerv an das Gehirn weiterleiten“, erklärt der Hormonspezialist Prof. Dr. Karsten Müssig von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE).

Dort erreichen die Signale eine wichtige Schaltzentrale des Organismus: Den Hypothalamus. Nicht größer als ein Fünf-Cent-Stück liegt dieser am Boden des Zwischenhirns – ganz in der Nähe jener Stelle, an der sich die beiden Sehnerven, die aus je einem Auge kommen, kreuzen. Über Botenstoffe ist er mit der kirschkerngroßen Hypophyse verbunden. Sie wird auch Hirnanhangsdrüse genannt und hängt wie ein kleiner Tropfen am Hypothalamus.

„Erhalten der Hypothalamus und die Hypophyse Informationen aus den Augen, dass diese Sonnenlicht registriert haben, fangen sie an, Endorphine zu produzieren“, erklärt Müssig, der als Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Franziskus-Hospital Harderberg tätig ist, das zur Universität Münster gehört. Endorphine zählen zu den Glückshormonen: Sie lassen unsere Stimmung steigen und bewirken sogar, dass wir Schmerzen weniger stark empfinden.

Auch körperliche Aktivität hebt nachweislich die Stimmung

„Die vermehrte Ausschüttung von Endorphinen führt also dazu, dass wir uns glücklicher und fitter fühlen“, erläutert Müssig. Das wiederum habe zur Folge, dass wir körperlich aktiver werden: Es zieht uns nach draußen, wir wollen uns bewegen und suchen vermehrt auch die Gesellschaft anderer Menschen. Und damit setzt sich ein positiver Kreislauf in Gang. „Wer körperlich aktiv ist, steigert sein Wohlbefinden zusätzlich“, sagt Müssig. Das sei inzwischen in zahlreichen Studien bewiesen worden.

Der Effekt ist so stark, dass er sogar bei der Behandlung von Depressionen genutzt wird. Bewegung und Sport sind bei depressiven Patienten ein wichtiger Teil der Therapie. Auch Lichttherapien haben diesen Effekt und kommen deswegen gerade in den dunklen Monaten vermehrt zum Einsatz. Als besonders aktivierend gilt dabei der blaue Anteil des Lichts.

Selbst Tiere können regelrecht süchtig nach Sonnenlicht sein: „Blockiert man bei ihnen die Wirkung einer längeren Sonneneinstrahlung mit Medikamenten, kann es zu Entzugserscheinungen wie Unruhe und Zittern kommen“, berichtet Müssig.

Diese Hormone beeinflussen unser Sommergefühl

Hormon:Funktion:
Endorphin – Glückshormon
  • Steigert unsere Stimmung
  • Senkt unser Schmerzempfinden
Melatonin – Schlafhormon
  • Senkt Körpertemperatur und Blutdruck
  • Drosselt unseren Energieverbrauch
Vitamin-D – sog. Sonnenhormon
  • Stärkt Immunsystem und Muskulatur
  • Fördert den Knochenstoffwechsel

 

Melatonin – Ist es draußen hell, fühlen wir uns automatisch wacher

Ein zweites wichtiges Hormon, dessen Ausschüttung ebenfalls durch den Wechsel von Hell und Dunkel gesteuert wird, ist das Schlafhormon Melatonin. Schwindet das Tageslicht, beginnt die etwa fünf Millimeter große Zirbeldrüse, die tief im Inneren des Gehirns liegt, den Botenstoff Serotonin umzubauen und aus ihm Melatonin zu produzieren.

Auch diese zapfenförmige Drüse, die zuweilen etwas spirituell als drittes Auge bezeichnet wird, erhält ihre Signale vom Hypothalamus. Der Anstieg von Melatonin bewirkt, dass die Körpertemperatur und der Blutdruck sinken und der Energieverbrauch gedrosselt wird.

Der ganze Organismus fährt quasi herunter und bereitet sich so aufs Schlafen vor. In der dunklen Jahreszeit produziert der Körper mehr Melatonin, weshalb wir uns im Winter oft besonders müde fühlen.

„Werden die Tage wieder länger und heller, sinkt die Melatonin-Produktion, wodurch dem Körper gleichzeitig mehr Serotonin zur Verfügung steht“, erklärt der DGE-Experte Müssig. Auch Serotonin gehört zu den Wohlfühlhormonen und hat auf unsere Vitalität einen entscheidenden Einfluss.

Fehlt es uns, sind wir schlecht gelaunt, ängstlich oder sogar depressiv. Viele Medikamente, die bei der Behandlung von Depressionen zum Einsatz kommen, stellen daher sicher, dass an den Kontaktstellen der Nervenzellen im Gehirn, über die die Zellen miteinander kommunizieren, vermehrt Serotonin vorhanden ist.

Wie Sie auch im Sommer gut schlafen, lesen Sie in unserem Artikel „Gut schlafen bei Hitze – Tipps für heiße Sommernächte“.

Ein steigender Vitamin-D-Spiegel stärkt die Abwehrkräfte

Auch Vitamin D, das sogenannte Sonnenhormon, wird im Sommer vermehrt produziert. „Man weiß inzwischen, dass Vitamin D nicht nur für gesunde Knochen wichtig ist, sondern eine ganze Reihe weiterer Wirkungen im Körper ausübt“, sagt Müssig. „Unter anderem spielt es eine bedeutende Rolle bei der Arbeit des Immunsystems und der Muskulatur.“

Ein Vitamin-D-Mangel, der besonders am Ende des Winters häufig ist, kann dazu führen, dass wir uns müde und abgeschlagen fühlen, öfter als sonst an Infekten leiden und die Muskeln schwächer als gewöhnlich sind oder schneller schmerzen.

Info

Vitamin D ist streng genommen gar kein Vitamin, da es der Körper selbst herstellen kann. Es wird unter dem Einfluss von Sonnenlicht in der Haut gebildet. Zwischen 80 und 90 Prozent der im Körper vorhandenen Mengen entstammt in der Regel aus eigener Produktion. Nur etwa 10 bis 20 Prozent werden wie andere Vitamine mit der Nahrung aufgenommen. Um einen optimalen Vitamin-D-Spiegel sicherzustellen, empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung daher, sich jeden Tag zwischen 5 und 25 Minuten mit dem Gesicht, den Händen und größeren Teilen der nackten Arme und Beine der Sonne auszusetzen. Auf einen Sonnenschutz sollte in dieser Zeit verzichtet werden. Ist der Himmel bewölkt oder können einzelne Körperteile, weil es zu kalt ist, nicht unbedeckt bleiben, ist die Zeitspanne entsprechend zu verlängern. 

Die Wärme des Sommers hat gleich mehrere positive Effekte

Doch nicht nur das Licht, auch die Wärme des Sommers trägt zu unserem Wohlbefinden maßgeblich bei. „Der Mensch fühlt sich aufgrund seiner genetischen Ausstattung in einem Temperaturbereich zwischen 20 und 30 Grad Celsius fast immer am wohlsten“, erklärt der DGPs-Experte Walschburger. Ist es kälter, müssen wir entweder wärmere Kleidung tragen oder uns in beheizten Räumen aufhalten.

„Aus diesem Grund fällt es uns im Sommer viel leichter rauszugehen“, sagt Walschburger. „Wir müssen uns nicht erst umständlich dick anziehen, sondern können einfach so, wie wir gerade sind, nach draußen.“

Das wiederum hat gleich mehrere positive Effekte. Wir bewegen uns mehr, was wie schon gesagt nicht nur dem Körper guttut, sondern auch zu einem gehobenen Lebensgefühl beiträgt. Zudem gelingt es uns in der freien Natur meist sehr viel besser, abzuschalten und Alltagssorgen zu vergessen. „Das Grün, das uns dort umgibt, vor allem das helle Grün der Natur im Frühling, assoziieren wir intuitiv mit Wachstum und Entfaltung“, sagt Walschburger. Grün sei eine ausgleichende Farbe. „Sie kann uns Menschen vitalisieren und uns zu guter Laune verhelfen.“

Soziale Kontakte entstehen viel rascher als im Herbst und Winter

Nicht zuletzt treffen wir, sobald wir vor die Tür gehen, gerade im Frühling und Sommer vermehrt auf andere Menschen. „Auch dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen“, sagt Walschburger. „Wir Menschen sind von Natur aus soziale Wesen und unsere Kontakte und Beziehungen zu anderen tragen ganz erheblich zu unserem Wohlbefinden bei.“

Sein Tipp an alle lautet daher wie folgt: „Nutzen Sie das Licht, die Wärme und die sozialen Anregungen der Sommermonate: Gehen Sie gemeinsam mit anderen Menschen in die Natur und seien Sie dort aktiv!“ Trübe Gedanken lassen sich so meist besonders rasch verscheuchen.

Anke Brodmerkel

Autorin

Anke Brodmerkel hat Biologie und Chemie studiert und lange für die Berliner Zeitung als Medizinredakteurin gearbeitet. Sie lebt mit ihrer Familie nahe Flensburg und schreibt über alle Aspekte zum Thema Gesundheit – für Zeitungen, Magazine und Online-Portale. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie während eines zweijährigen Segeltörns durch Europa.