Diabetes mellitus – die unterschätzte Gefahr fürs Herz

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Ist der Blutzucker dauerhaft erhöht, leidet das Herz-Kreislauf-System. Im schlimmsten Fall droht Diabetes-Patienten ein Herzinfarkt. Dann tut schnelles Handeln not. In den allermeisten Fällen muss es so weit aber gar nicht erst kommen.

Von Anke Brodmerkel

Inhalt:

  1. Ein hoher Blutzucker begünstigt gefährliche Gerinnsel
  2. Diabetiker haben meist mehrere Risikofaktoren gleichzeitig
  3. Typische Symptome eines Herzinfarktes
  4. Ein Herzinfarkt ist immer ein Notfall
  5. Medikamente müssen konsequent eingenommen werden
  6. Entscheidend ist eine gute Einstellung der Blutzuckerwerte
  7. Von manchen Diabetes-Mitteln profitiert das Herz ganz explizit

Zuckerwasser ist klebrig. Das weiß jedes Kind. Dass Blut, in dem zu viel Zucker enthalten ist, die Gefäße verkleben lässt und dadurch mitunter gefährliche Herz-Kreislauf-Leiden entstehen, ist weitaus weniger bekannt. Dabei stellen diese Folgeerkrankungen, allen voran der Herzinfarkt, die mit Abstand häufigste Todesursache bei Patienten mit Diabetes dar.

Das gilt vor allem für Menschen mit Typ-2-Diabetes, der früher oft Alterszucker genannt wurde, inzwischen aber auch schon bei Kindern vorkommt. Bei dieser Form der Zuckerkrankheit reagieren die Zellen des Körpers nicht mehr ausreichend auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin.

Ein hoher Blutzucker begünstigt gefährliche Gerinnsel

„Dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte setzen im Blut Entzündungsbotenstoffe frei“, erklärt Prof. Dr. Baptist Gallwitz, stellvertretender Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen und Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). „Die Entzündungen in der Gefäßwand locken Blutplättchen, die Thrombozyten, an.“

Das begünstige die Entstehung von Blutgerinnseln, die die Blutgefäße verschließen. „Kommt es zu einem Verschluss der Herzkranzgefäße, ist der Herzinfarkt da.“ Der Herzmuskel werde dann nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt und könne deswegen seine Arbeit nicht länger verrichten, erläutert Gallwitz.

Für Diabetiker sind selbst kleinere Blutgerinnsel gefährlich, da ihre Blutgefäße oft schon durch eine Arteriosklerose vorgeschädigt sind. Bei der Arterienverkalkung, wie die Krankheit im Volksmund oft genannt wird, sind die Blutgefäße durch Ablagerungen aus Fett und Kalk, die sogenannten Plaques, bereits verengt.

„Deswegen kommt es durch ein Blutgerinnsel dann leicht zu einem Verschluss des Gefäßes“, sagt Gallwitz. Sind die Herzkranzgefäße verkalkt, spricht man von einer Koronaren Herzkrankheit (KHK). Sie ist die häufigste Todesursache in den westlichen Industrieländern.


„Kommt es zu einem Verschluss der Herzkranz-gefäße, ist der Herzinfarkt da.“

Prof. Gallwitz

 


Diabetiker haben meist mehrere Risikofaktoren gleichzeitig

Typ-2-Diabetiker leiden so oft an Arteriosklerose, da bei ihnen meist mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, die gemeinsam auch als metabolisches Syndrom bezeichnet werden. Zu ihnen zählen:

  • erhöhte Blutzuckerwerte
  • ein zu hoher Blutdruck (Bluthochdruck)
  • schlechte Cholesterinwerte, das heißt hohe LDL- und niedrige HDL-Spiegel (LDL steht für Low Density Lipoprotein, es gilt als das „böse“ Cholesterin, das Herz-Kreislauf-Leiden begünstigt; HDL steht für High Density Lipoprotein, es gilt als das „gute“ Cholesterin, das vor Herz-Kreislauf-Leiden schützt)
  • Übergewicht

Typische Symptome eines Herzinfarktes

Kommt es tatsächlich zu einem Herzinfarkt, macht dieser sich meist durch mehrere Symptome bemerkbar. Häufigstes Anzeichen sind plötzliche, starke Schmerzen in der Brust, entweder im vorderen linken Brustbereich oder hinter dem Brustbein. Sie halten meist mehrere Minuten lang an und strahlen manchmal auch in andere Regionen des Körpers aus, etwa in den linken Arm, den Oberbauch oder den Rücken. Weitere typische Herzinfarkt-Symptome sind:

  • ein Gefühl der Beklemmung oder Enge in der Brust
  • ein Angstempfinden bis hin zur Todesangst, oft begleitet von kaltem Schweiß und fahler Gesichtsfarbe
  • plötzliche schwere Atemnot
  • starkes Schwindelgefühl
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Bewusstlosigkeit

„Gerade Frauen und Diabetiker erleiden allerdings oft einen sogenannten stummen Herzinfarkt, bei dem die Schmerzen und andere typische Symptome fehlen“, sagt Prof. Dr. Andreas Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK).

Bei den Betroffenen äußere sich der Herzinfarkt eher durch ein allgemeines Unwohlsein und Schwächegefühl. „Insbesondere bei bereits vorhandenen Risikofaktoren einer Arteriosklerose, aber auch bei einem höheren Lebensalter oder einer entsprechenden Vorgeschichte in der Familie, sollten Frauen und Diabetiker solche Symptome so rasch wie möglich ärztlich abklären lassen“, rät Zeiher.

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„Gerade Frauen und Diabetiker erleiden oft einen stummen Herzinfarkt, bei dem die Schmerzen und andere typische Symptome fehlen.“

Prof. Zeiher

 


Ein Herzinfarkt ist immer ein Notfall

Denn rasches Handeln ist bei einem Herzinfarkt stets gefragt. „Umstehende oder, sofern möglich, der Patient selbst sollten sofort per 112 den Notarzt verständigen, damit der Betroffene so schnell wie möglich in eine Klinik kommt“, sagt Zeiher. Dort können die Ärzte im Rahmen einer Herzkatheter-Untersuchung das verengte Herzgefäß per Ballondilatation wieder weiten und gegebenenfalls eine Gefäßstütze, Stent genannt, in das geschädigte Gefäß einsetzen.

„Erfolgt die Behandlung des Herzinfarkts innerhalb von vier bis sechs Stunden und ist nicht zu viel Gewebe durch die fehlende Sauerstoffzufuhr zerstört worden, können rund 95 Prozent der Patienten innerhalb weniger Tage aus dem Krankenhaus entlassen werden und ihre alltäglichen Aktivitäten wieder aufnehmen“, sagt Zeiher.

Eine mehrwöchige Schonung, wie man sie früher empfohlen habe, sei nach heutigem Wissenstand nicht anzuraten. „Fühlt sich der Patient nicht allzu schwach, sollte er gerne schnell wieder körperlich aktiv werden“, rät Zeiher. Was Sie allerdings beim Reisen mit Diabetes beachten sollten, dazu mehr in diesem Artikel.

Medikamente müssen konsequent eingenommen werden

Wichtig ist dem DGK-Präsidenten zudem, dass Patienten nach einem Herzinfarkt ihre Risikofaktoren für die Arteriosklerose so gut es geht beseitigen. „Und dazu gehört vor allem auch der Abbau von Übergewicht“, betont Zeiher. Darüber hinaus sei es erforderlich, die verordneten Medikamente konsequent und über einen längeren Zeitraum hinweg einzunehmen. Zur Anwendung kommen in vielen Fällen die vier folgenden Arzneien:

  • Acetylsalicylsäure (ASS): Der Wirkstoff verhindert ein übermäßiges Zusammenkleben der Blutplättchen und wird in der Regel mit einem weiteren sogenannten Thrombozytenaggregationshemmer im Rahmen einer dualen Plättchenhemmung verordnet.
  • Clopidogrel oder ein vergleichbarer Wirkstoff, der die Blutgerinnung ebenfalls hemmt, dies aber über einen anderen Mechanismus als ASS erzielt
  • ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptorblocker (Sartane): Diese Medikamente senken den Blutdruck und schützen dadurch die Gefäße.
  • Statine oder andere Cholesterinsenker, die sich positiv auf die Blutfettwerte auswirken

Leidet der Patient infolge des Herzinfarkts an einer Herzinsuffizienz, also an einer Herzschwäche, kommen darüber hinaus meist noch Beta-Blocker oder zuweilen der Wirkstoff Spironolacton zum Einsatz. „War der Herzinfarkt unkompliziert und wurde rechtzeitig behandelt, ändert der Patient ein wenig seinen Lebensstil und nimmt er seine Medikamente zuverlässig ein, ist die Lebenserwartung eigentlich genau so groß wie bei einem Menschen, der noch nie einen Infarkt hatte“, sagt Zeiher.

Bei Patienten, die rechtzeitig in ein Krankenhaus gekommen seien, liege das Risiko, innerhalb eines Jahres nach dem Infarkt zu sterben, derzeit bei weniger als fünf Prozent, ergänzt der Mediziner. Allerdings solle man sich, um sicher zu gehen, sechs Monate nach dem Herzinfarkt und anschließend in jährlichen Abständen von einem Kardiologen untersuchen lassen, rät Zeiher.

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„Bei Patienten, die rechtzeitig in ein Krankenhaus gekommen sind, liegt das Risiko, innerhalb eines Jahres nach dem Infarkt zu sterben, derzeit bei weniger als fünf Prozent.“

Prof. Zeiher

 


Entscheidend ist eine gute Einstellung der Blutzuckerwerte

Dass es erst gar nicht zu einem Infarkt kommt, haben Diabetiker zu einem Großteil selbst in der Hand. „Entscheidend bei der Prävention von Folgeleiden, die sich oft erst Jahre später bemerkbar machen, ist vor allem, auf eine gute, das heißt normnahe Einstellung des Blutzuckers zu achten“, sagt der DDG-Experte Gallwitz.

Ermittelt wird der Langzeitblutzucker über den HbA1c-Wert, der bei gesunden Menschen etwa fünf Prozent beträgt. Das bedeutet, dass rund fünf Prozent der Hämoglobinmoleküle im Blut an Zuckermoleküle gebunden sind. Bei Diabetikern ist der HbA1c-Wert meist deutlich höher. „Ziel einer Therapie von Typ-2-Diabetes muss es sein, den Wert zwischen 6,5 und 7,5 Prozent zu bringen“, sagt Gallwitz.

Neben einer guten Einstellung des Blutzuckers ist es erforderlich, einen zu hohen Blutdruck, gegebenenfalls mithilfe von Medikamenten, auf maximale Werte von 140/90 mmHg zu senken. Und das als „böse“ bekannte Cholesterin, das LDL, sollte einen Wert von weniger als 70 mg/dl aufweisen. „Notwendige Werte werden bei Vorsorgeuntersuchungen für Frauen und Männer erhoben, die Diabetiker im vierteljährlichen Abstand wahrnehmen sollten“, sagt Gallwitz.

„Denn große Langzeitstudien haben gezeigt, dass sich die meisten Folgeerkrankungen des Diabetes durch eine normnahe Einstellung des Blutzuckers, des Blutdrucks und der Blutfette vermeiden lassen“, betont der Diabetologe.

Von manchen Diabetes-Mitteln profitiert das Herz ganz explizit

Eine Gruppe von Medikamenten – die SGLT-2-Hemmer, die bei Patienten mit Typ-2-Diabetes zur Senkung des Blutzuckers gerne eingesetzt werden – scheint darüber hinaus das Herz sogar explizit zu schützen. „In Studien wurde per Zufall entdeckt, dass diese Wirkstoffe die Sterblichkeit infolge von Herzschwäche um rund 25 Prozent reduzieren“, berichtet der Kardiologe Zeiher.

Und zwar so gut, dass die US-amerikanische Arzneimittelbehörde den SGLT-2-Hemmer Dapagliflozin im Frühjahr auch zur alleinigen Behandlung der Herzinsuffizienz zugelassen hat. Europa werde, da ist sich Zeiher sicher, dem Beispiel bestimmt bald folgen.