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Heilendes Reisen: Trend Gesundheitsurlaub

Das heilende Reisen hat eine lange Tradition, nach der Corona-Pandemie und im Zuge der allgemeinen Arbeitsverdichtung erlebt der Trend, auf Reisen bewusst etwas für seine Gesundheit zu tun, aber nochmal einen Aufschwung. Thermalwasser, Moor, Waldbaden, Fastenhotels oder einfach nur Wandern? Wer seiner Gesundheit im Urlaub etwas Gutes tun will, hat viele Möglichkeiten. Lohnend für Psyche und Gesundheit sind derlei Auszeiten allemal, auch für Gesunde.

Wenn die Kaiserin ein Husten plagte oder ihr das Hofleben zu eng wurde, dann gab sie sich selbst den Namen “Gräfin von Hohenems” und reiste Inkognito zur Erholung in die Bayerischen Kurbäder wie Bad Kissingen, aber auch nach Meran oder Madeira. Der russische Zar Peter der Große schwor im 17. Jahrhundert auf Mineralbäder im tschechischen Karlsbad und Kanzler Bismarck besuchte während seines Lebens gleich 14-mal den Kurort Bad Kissingen, um dort gegen sein Übergewicht anzukämpfen.

Das heilende Reisen hat eine lange Tradition, nach der Corona-Pandemie und im Zuge der allgemeinen Arbeitsverdichtung erlebt der Trend, auf Reisen bewusst etwas für seine Gesundheit zu tun, aber nochmal einen Aufschwung. Im Jahr 2021 haben gut fünf Millionen Deutsche einen Wellness- oder Gesundheitsurlaub unternommen. In einer Umfrage, was sie zu einem Gesundheitsurlaub motiviert habe, gab gut ein Drittel der Befragten weltweit an, sich durch eine Wellnessreise jünger zu fühlen. Ebenfalls genannt wurden die Aspekte Aktivitäten im Freien und die Flucht vor den Aufgaben des alltäglichen Lebens.

Heilen im Urlaub – Das geht an vielen Orten der Welt

“Orte der Genesung”, so sagt Johannes Naumann, Leiter des European Institute for Physical Therapy and Balneology, können im Grunde sehr vielfältig sein: “Es sind sicher nicht die Discotheken oder Kneipen am überlaufenen Mallorca-Strand”, sagt der Experte. “Aber ein heilender Ort kann ebenso der Ostseestrand sein wie das Gebirge. Wichtig ist, dass der Gast sich bewegt und in der Natur unterwegs ist, sich gesund ernährt, von der Arbeit abschaltet. Ganz wichtig: Mit anderen Gesundheitssuchenden zusammen ist. Ob er zusätzlich noch Heilwasser trinkt, ins Thermalbad geht oder Moorpackungen macht, ist dann erst zweitrangig.”

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Heißes und kaltes Wasser hat heilende Wirkung

Als Vater der Wasserkur kann Sebastian Anton Kneipp angesehen werden. Er litt unter einem Lungenleiden und entdeckte im 19. Jahrhundert Aufzeichnungen von Sigmund und Johann Sigmund Hahn über die Wechselbadtherapie. Kneipp testete und fand heraus, dass es seiner Gesundheit gut bekam, wenn er in der kalten Donau badete. Der Priester gab seine Erfahrung weiter und setzte damit den Startschuss für die Kneipp-Kur.

Der Wechsel von kaltem und warmem Wasser habe Auswirkung auf die Durchblutung, erklärt Experte Naumann. “Die Gefäße reagieren auf den Kaltreiz, das hält den Kreislauf in Schwung”, sagt Naumann. Im Übrigen ist sich der Arzt sicher, dass all das, was der Mensch evolutionär eigentlich gewohnt ist, an dem heute in der zivilisierten Welt aber ein Mangel herrsche, der Gesundheit zuträglich sei. Dazu gehöre eben auch der Wärme- und Kältereiz. “Klimareize sind gesund, werden heute aber niemandem mehr zugemutet. Im Gegenteil, es gab einen Aufschrei, als es hieß, man solle sein Wohnzimmer in Anbetracht der Energiekrise doch bitte nur noch auf 19 Grad heizen”, sagt Naumann. Schon tägliche kalte Duschen hätten dabei nicht nur auf die Durchblutung, sondern auch auf die psychische Verfassung positive Effekte.

Umgekehrt könnten sogenannte Überwärmungsbäder die Abwehrleistung des Körpers in Schwung bringen. Japanische Studien zeigten zudem einen bremsenden Einfluss auf die Entwicklung von Demenz sowie die Sterblichkeit. Interessant ist das Element Wasser generell auch für all diejenigen, die zu viel Gewicht auf den Rippen haben, sagt Naumann: “Der Auftrieb macht den Körper leicht und ermöglicht dadurch Übergewichtigen den Einstieg in die Bewegung oder den Sport.” Auch wer unter schmerzenden Gelenken leide, fühle sich beim Aquajogging wohler als beim Waldlauf.

Wo man heilendes Wasser erleben kann

  • Die europäische Wiege des Thermalbades sind die böhmischen Heilbäder Karlsbad, Marienbad und Franzensbad. Hier kurten schon Ludwig van Beethoven, Mark Twain und Johann Wolfgang von Goethe. Und auch heute noch soll das besonders mineralhaltige Quellwasser bei Erkrankungen des Herzens, der Gefäße oder des Bewegungsapparates helfen.
  • Auch Italien und Frankreich haben neben Bayern (Bad Kissingen, Bad Füssing, Bad Aibling, Bad Endorf oder Bad Feilnbach) sowie Niedersachsen (Bad Pyrmont) eine lebendige Thermalkultur
  • Einer der ältesten Kurorte Amerikas ist das “Ojo Caliente” in New Mexico. Es ist wohl die einzige Quelle der Welt mit vier verschiedenen schwefelfreien, heilenden Mineralwässern. Gut aufgehoben sein sollen hier Arthritis-Patienten (Arsenquellen), Menschen mit Depressionen (Lithium) und generell Menschen mit einem schwachen Immunsystem (Eisen).
  • Für Fernreisefans geeignet sind außerdem die Saragota Springs im US-Bundesstaat New York. Das kalte Quellwasser soll zum Beispiel die Haut reinigen und die Verdauung unterstützen.

Waldbaden heilt die Großstadtseele und senkt den Blutdruck

Japanische Studien zeigen nicht nur eine deutliche Minderung von Stress, eine positive Beeinflussung von Gefühlen, psychische Stabilisierung und einen grundsätzlichen Erholungseffekt bei Großstädtern, die sich im Wald aufhalten. Waldbaden mindert laut Untersuchungen auch den Blutdruck, den Kortisol-Level im Blut und den Puls. All diese körperlichen Verbesserungen treten zuweilen schon nach 30 Minuten Aufenthalt im Wald ein. Auch die Schlafqualität konnte bei Probanden, die regelmäßige Waldspaziergänge absolvierten, signifikant verbessert werden. Zudem gibt es Hinweise, dass das Waldbaden positive Auswirkungen auf das Immunsystem haben kann.

Wo man Waldbaden kann

  • Lange Tradition hat das Shirin Yoku in Japan und Korea
  • Auch in Nordeuropa wie Finnland und Schweden kann man Waldbaden
  • In Deutschland kann man das Waldbaden im bayerischen Bad Endorf ausprobieren. Aber auch Mecklenburg-Vorpommern bietet Waldbaden in seenahen Wäldern mit Reizklima an. In einem zertifizierten Heilwald werden auch Therapien und barrierefreie Bereiche angeboten. Generell, sagt Experte Naumann, könne man den Gesundheitstrend aber in jedem Wald ausprobieren, in dem man Ruhe und Bewegung finden kann.

Bewegung, Moor und Sand – auf Reisen Schmerzfreiheit und inneres Gleichgewicht finden

Wasser und Wald sind nicht die einzigen Möglichkeiten, um im Urlaub Entspannung zu finden und der Gesundheit etwas Gutes zu tun. Ein Schlüssel ist natürlich immer die Bewegung. So können Yoga-Retreats für gestresste berufstätige Eltern einem Burnout vorbeugen. Eine Wanderreise in Mittelgebirge oder Alpen hat ebenfalls das Zeug dazu, nachhaltigen positiven Einfluss auf Körper und Geist auszuüben. „Aber auch eine Mountainbike-Reise kann für Sportliche den Zweck erfüllen, sich mal komplett vom Alltag zu verabschieden und statt am Schreibtisch auf dem Sattel zu ackern und den Kopf freizubekommen“, sagt Naumann.

Und auch was die heilenden Elemente angeht, sind die Möglichkeiten mannigfaltig. Da sind zum Beispiel die Moorschlammbäder wie in Bayern. „Früher wurden vor allem Frauen mit Kinderwunsch behandelt“, sagt Osteopath Andreas Egger aus Bad Aibling. Die Wärme trägt zur Entspannung der Gebärmutter bei, Entzündlichkeiten wie bei Endometriose gehen zurück, außerdem stimulieren die im Moor enthaltenen Säuren die Produktion verschiedener Hormone. Im Laufe der Zeit erweiterte sich die Liste der Indikationen auf eine beachtliche Länge:

Das Moor soll helfen bei:

  • Rheuma,
  • Arthrose,
  • Ischias,
  • Gicht,
  • periphere Durchblutungsstörungen,
  • Hautkrankheiten
  • und Bandscheibenschäden.

Außerdem eignet sich das Moor laut Egger für die Nachbehandlung von Unfallfolgen sowie die nichtoperative Behandlung von Prostata- und Blasenleiden. Neu auf der Liste findet sich auch die Behandlung von Burnout und Long-Covid. Zusammen mit der Ludwigs-Maximilian-Universität München hat man das Programm „Mit Moor zum inneren Gleichgewicht“ entwickelt.

Egger schwört vor allem bei Menschen, die an der Wirbelsäulenerkrankung Morbus-Bechterew leiden, auf die erstaunlichen Heileigenschaften des Moors: „Wir haben Patienten, die kommen einmal im Jahr für drei Wochen. Nach zwanzig Moorbädern können sie durch den Anstieg des körpereigenen Cortisols etwa acht Monate auf Medikamente verzichten und dennoch ohne Schmerzen einer normalen Arbeit nachgehen.“

  • Allein in Deutschland gibt es dutzende Moorbäder. Zu nennen sind zum Beispiel Murnau am Staffelsee in Bayern, Bad Muskau in Sachsen oder Lüneburg in Niedersachsen.

Sandbaden kann man seit 300 Jahren im japanischen Kagoshima. Eingehüllt in einen Kimono wird man dort bis zu 30 Minuten im Sand eingegraben, den die vulkanischen Quellen am Ufer auf 45 Grad aufwärmen. Untersuchungen der Universität Kagoshima belegen, dass derlei Sandbäder die Durchblutung in Schwung bringen, den Stoffwechsel anheizen und Entzündungen lindern.

Und was ist mit Entgiften?

Detox ist ein Modebegriff, wer auf sich hält, macht nicht nur Wellnessurlaub, sondern bucht besser gleich eine Entgiftung dazu. Experte Naumann hält von derlei Angeboten wenig oder findet sie zumindest überbewertet. „Unser Körper entgiftet über Leber und Niere ganz von selbst. Er braucht dafür im Normalfall keine zusätzlichen Anreize.“ Eine Fastenkur könne sinnvoll sein, um den Körper von altem Eiweiß in den Zellen zu befreien und auf eine gesunde Ernährung umzustellen. Auch eine Ayurveda-Kur, die auf Yogapraxis, Reinigungstechniken, aber auch einer speziellen Ernährungslehre fußt, könnten Zivilisationskrankheiten entgegenwirken. Zusätzliche Stoffe wie Süßwasseralgen oder Heilerde seien im Allgemeinen aber nicht nötig.

Was aber natürlich wichtig sei: Dem Körper keine Gifte zuzuführen. Und das gelinge einerseits durch den Verzicht auf Nikotin oder Alkohol, aber auch durch die Zufuhr gesunder Lebensmittel. Das bedeute in der Hauptsache: Mehr Gemüse und Salat, Haferflocken, Nüsse, Leinsamen. „Dazu empfehle ich zum Beispiel Wildkräuter wie Giersch oder Lindenblätter, darin steckt sehr gutes pflanzliches Eiweiß“, sagt Naumann. Wer sich selbst etwas Gutes tun will, verzichtet auf stark verarbeitete Lebensmittel. „Ich quetsche sogar meine Haferflocken selbst, auf diese Art bleiben mehr Vitamine erhalten als in den industriell gedörrten“, sagt Naumann.

Ein Aufenthalt an Urlaubsorten mit intakter Natur wie an der Nord- und Ostsee oder im Gebirge wirke aber auch deshalb entgiftend, weil dort wenige Umweltgifte als in der Großstadt anzutreffen seien. „Meist gibt es in solchen Orten wenig Industrie, wenig Verkehr, die Luft ist besser und auch die Lebensmittel sind weniger belastet“, sagt Naumann.

Wo man entgiften kann

  • Fastenkuren werden in vielen Hotels angeboten. Es bieten sich beispielsweise die Buchinger-Kliniken, die an verschiedenen Standorten in ganz Deutschland angesiedelt sind. Basenfasten nach Wacker, kombiniert mit Yoga und Zellreinigung bietet beispielsweise das Elzlandhotel Pfauen im Schwarzwald an.
  • Ayurvedakuren werden klassischerweise in Südostasien angeboten, zum Beispiel in Sri Lanka, Indien, auf Bali oder Thailand, aber auch in Bayern, an der Ostsee oder in NRW können Ayurveda-Aufenthalte gebucht werden

Quellen

Claudia Lehnen

Autorin

Claudia Lehnen wollte als Jugendliche Ärztin werden, entschied sich dann aber dafür, lieber über Medizin und Menschen und ihre Krankheits- und Genesungsgeschichten zu berichten. Die in Köln niedergelassene Journalistin, die im Tageszeitungs-Journalismus zu Hause ist, ist unter anderem auf das Themengebiet Gesundheit spezialisiert.