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Was bringen Internethypes wie Ölziehen und Zungenschaber?
Auf Social-Media-Kanälen wird längst nicht nur für Mode, überteuerte Schokoladensorten und zweifelhafte Challenges geworben. Es werden vor allem auch Tipps zur Gesundheit gegeben. Wir schauen auf die Zahngesundheit, konkret auf Ölziehen als Morgenritual, Tongue Scraping gegen Mundgeruch, Zahnpoliergeräte für zu Hause: Professor Stefan Zimmer von der Universität Witten/Herdecke erklärt, was von diesen Trends zu halten ist.
Inhaltsverzeichnis
Was bringt Ölziehen?
Im Tiktok-Video sieht der Weg zu besseren Zähnen so einfach aus: Statt mit Pflanzenöl Salat anzumachen, nimmt man einen Esslöffel davon in den Mund, morgens vor dem Frühstück. Bewegt es durch den Mund: kauen, saugen, durch die Zähne ziehen. Nur Gurgeln sollte man nicht, ebenso wenig wie Runterschlucken. Nach einiger Zeit – je nach Quelle fünf bis 20 Minuten – wird das gekaute Öl ausgespuckt. Welche Art von Öl? Sonnenblumen-, Sesam-, Oliven- oder Kokosöl, da scheiden sich die Geister.
Ölziehen, auch bekannt unter dem Namen Gandusha, erfreut sich seit einiger Zeit einer wachsenden Beliebtheit. Neu ist die Technik aber nicht. Vielmehr knüpft sie an die jahrtausendealte indische Heilkunst an. In Asien wird Ayurveda akzeptiert, weite Teile der westlichen Welt aber begegnen der Alternativmedizin mit großer Skepsis.
Fürsprecher sagen dem Ölziehen eine große Bandbreite an Wirkungen nach: Es soll den Körper entgiften, bei Zahnfleischentzündungen und rissigen Lippen helfen, Kopf- und Zahnschmerzen ebenso lindern wie Hauterkrankungen, Rheuma, Arthrose, Blasen- und Nierenleiden. Nachweisen lässt sich eine Wirkung allerdings nur in begrenztem Maße.
Professor Stefan Zimmer, Leiter der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke, etwa bezweifelt, dass Ölziehen dem Körper pauschal Giftstoffe entzieht: „Diese Aussage ist aus medizinischer und wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar.“ Eine „Entgiftung“ setze ja auch voraus, dass sich Gifte im Körper befänden – aber welche? „Interessanterweise wird bei diesen Wirkversprechen nicht angegeben, um welche Vergiftung es sich handeln soll.“ Belege für eine entsprechende Wirksamkeit gebe es nicht.
„Stefan Zimmer bezweifelt, dass Ölziehen dem Körper pauschal Giftstoffe entzieht.”
Von völliger Wirkungslosigkeit will Zimmer allerdings nicht sprechen: Kokosöl etwa enthält Laurinsäure. Diese gesättigten Fettsäuren hätten eine gewisse antibakterielle Wirkung. Mundgeruch wird durch Bakterien verursacht, die flüchtige Schwefelverbindungen freisetzen. Klinische Studien hätten ergeben, dass Ölziehen daher eine gewisse Wirkung gegen Mundgeruch zeigt. Gleiches gelte für die Bekämpfung von Zahnbelag – „allerdings sind Evidenzgrad und Zuverlässigkeit gering“. Mit Zahnpasten und/oder Mundspüllösungen, die antimikrobielle Wirkstoffe enthalten, ließen sich bessere Resultate erzielen als mit Öl.
Eine Berliner Zahnarztpraxis hat sich mit dem Trendthema befasst und weist auf ein verbreitetes Missverständnis hin. Dass das ausgespuckte Öl meist milchig-weiß ist, werde oft als Zeichen für „ausgezogene Gifte“ interpretiert – „fälschlicherweise“. Tatsächlich gehe die Verfärbung zurück auf die Vermischung von Öl und Speichel, der die Fettmoleküle im Öl aufspaltet. Auch die angebliche Entgiftung wird hinterfragt: Der Körper habe mit Leber und Nieren zwei funktionierende Entgiftungsorgane, zusätzliche Detox-Maßnahmen seien „aus medizinischer Sicht nicht notwendig“. Für wissenschaftlich fundierte Aussagen seien weitere Studien erforderlich.
Auch die Krebsgesellschaft NRW hat eine Bewertung zum Ölziehen abgegeben. Krebserkrankungen und -therapien könnten bei Betroffenen Mundgeruch hervorrufen. Öl für fünf bis zehn Minuten im Mund zu bewegen könne dagegen helfen. Das Öl bilde einen Schutzfilm auf der Schleimhaut, „verstärkt werden kann der Effekt durch Zugabe von frisch gepresstem Zitronensaft“. Belege, dass das Ölziehen die Vorbeugung oder Therapie von Krebs oder anderen Erkrankungen unterstütze, gebe es hingegen nicht.
Ist Tongue Scraping nützlich?
Der Einsatz eines Zungenschabers ist in europäischen Breiten noch nicht allzu weit verbreitet, erklärt Dr. Vinay Pitchika vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München (siehe Nur Zahnbürste ist zu wenig: Welches Hilfsmittel hilft wem?). Vielleicht ändert sich das nun dank Social Media – oder dank der Verwendung des englischen Begriffs. Tongue Scraping richtet sich vor allem gegen Mundgeruch. Allerdings seien einige der Bakterien, die man sich von der Zunge schrubbt, mit Parodontitis assoziiert, so Pitchika. Diese zu entfernen könne der Zahngesundheit auch im weiteren Sinne zuträglich sein.
„Bei Menschen ohne Mundgeruch ergibt die Zungenreinigung keinen Sinn.”
Stefan Zimmer sagt, die regelmäßige Verwendung eines Zungenschabers in Verbindung mit einer antibakteriell wirkenden Zahnpasta könne helfen, den Mundgeruch zu bekämpfen. Jedoch schränkt er ein: „Bei Menschen ohne Mundgeruch ergibt die Zungenreinigung aus meiner Sicht keinen Sinn.“ Er empfiehlt ein Kombiinstrument: Schaber auf der einen Seite, Bürstensaum auf der Rückseite. „Das Ganze muss möglichst flach sein, damit die Anwendung keinen Würgereiz auslöst.“
Die „New York Post“ zitiert einen Zahnexperten, der sagt, der virale Trend zur Zungenreinigung könne mehr Schaden als Nutzen bringen und in speziellen Fällen sogar zum Tode führen. Demnach verursachten Zungenreiniger möglicherweise kleine, unsichtbare Schnitte im Zungengewebe, „wodurch Bakterien direkten Zugang zum Blutkreislauf erhalten“. Bei Menschen mit Herzklappenproblemen könne dies zu einer Endokarditis führen, also einer Entzündung der Herzinnenhaut, „deren Sterblichkeitsrate zwischen 15 und 30 Prozent liegt“.
Für ein solches Risiko sieht Professor Zimmer „keinerlei Anhaltspunkte“. Schließlich müssten dafür orale Bakterien in einem erheblichen Umfang in den Blutkreislauf eindringen: „Das ist bei der Zunge, die ja ein ziemlich derbes muskulöses Organ ist, im Grunde ausgeschlossen.“ Selbst wenn man sich die Zunge blutig schrubben sollte, hält er das Risiko „für sehr gering, weil es dann einen starken Blutausstrom gäbe, der Bakterien eher aus- als einspülen würde“.
Zahnpoliergeräte für zu Hause?
Eine professionell durchgeführte Zahnreinigung ist eine sinnvolle Ergänzung zur täglichen Mundhygiene. Solch eine Reinigung des Mundraums beugt Karies und Parodontitis vor, Zahnersatz, Kronen und Brücken bleiben länger erhalten, Verfärbungen werden entfernt. Gesetzliche Krankenversicherungen übernehmen die Kosten (in der Regel 80 bis 120 Euro) üblicherweise nicht.
Ein zentrales Element der professionellen Zahnreinigung ist das Polieren der Zähne. Ist die Anschaffung eines Zahnpoliergeräts für den Hausgebrauch vielleicht eine kostengünstige Alternative, um das Gebiss dauerhaft weiß zu erhalten?
„Zahnpoliergeräte gehören nicht in die Hände von Laien.”
Mancher Social-Media-Post legt das nahe. Im Handel sind manuelle und elektrische Zahnpolierer erhältlich. Angeblich taugen sie dazu, oberflächliche Verfärbungen durch Kaffee oder Tee zu beseitigen – oder sogar noch weichen Zahnstein. Stefan Zimmer ist grundsätzlich skeptisch: „Zahnpoliergeräte gehören nicht in die Hände von Laien.“
Je nach Gerät könne ein nicht fachgerechter Einsatz das Zahnfleisch verletzen, zum Verlust von Hartsubstanz an der äußeren wie an der inneren Zahnschicht führen. Diese schützende Substanz bildet sich nicht neu, wenn sie einmal abgenutzt ist. Die Wirksamkeit einzelner Geräte sei zudem wenig erforscht: „Zur Effektivität kenne ich keine Studien.“
Fazit
Von Produkten und Techniken, die in den sozialen Medien angepriesen werden, sollte man grundsätzlich keine Wunder erwarten. Vielfach stecken hinter solchen Empfehlungen wirtschaftliche Interessen. Bewährte Methoden wie Zähneputzen und die professionelle Zahnreinigung können sie höchstens ergänzen, nicht ersetzen. Viele Wirkversprechen sind wissenschaftlich nicht belegt. Der vereinzelt geäußerte Hinweis, bislang sei aber auch keine schädliche Wirkung nachgewiesen worden, ist zu wenig.
Mehr zum Thema Mundhygiene finden Sie hier: Nur Zahnbürste ist zu wenig: Welches Hilfsmittel hilft wem?
Quellen
Interview mit Prof. Dr. Stefan Zimmer, Leiter der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke
torhaus - IHRE ZAHNÄRZTE | Philosophie Ihres Zahnarzt Berlin
New York Post: Trendy oral care habit can lead to life-threatening heart issue
Professor Stefan Zimmer
Experte
Leiter der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin an der Universität Witten/Herdecke
Dr. Vinay Pitchika
Experte
Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München
Markus Düppengießer
Autor
Markus Düppengießer, Journalist und Lektor, lebt in Köln. Früher schrieb er vor allem für Tageszeitungen, heute für verschiedene Fachmedien (on- und offline) aus den Bereichen Gesundheit und Personalwesen, für ein Straßenmagazin und eine Kinderzeitung. Zudem ist er Dozent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.