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Stillen und Zahngesundheit: Ein heiß diskutiertes Thema
„Klar, dass Ihr Kind Karies hat – Sie stillen es schließlich immer noch!“ Ist Stillen tatsächlich schädlich für die Zahngesundheit? Worauf sollten Sie achten, wenn Sie Ihr Kind auch nach dem Wachstum der ersten Zähne stillen? Und warum ist das Thema Stillen und Zahngesundheit so heiß diskutiert? Wir haben mit einer Kinderzahnärztin und einer Expertin für Stillen gesprochen. Ihre Antworten zeigen: Das Thema ist komplex.
Ist Stillen gut für die Zähne?
Schadet Stillen der Zahngesundheit – oder kann es umgekehrt sogar vor Karies schützen? Das Thema wird unter Expertinnen und Experten heiß diskutiert. Hinweise gibt die S3-Leitlinie, eine Leitlinie höchster Stufe, „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“, ebenso wie Metastudien aus den Jahren 2023 bis 2025: Stillen senkt offenbar das Risiko für Zahnfehlstellungen.
Durch die umfassende richtige Aktivierung der Mund- und Saugmuskulatur hat es positive Auswirkungen auf die Knochenentwicklung, das Schädel- und Kieferwachstum und den Tonus der Gesichtsmuskulatur. Außerdem fördert es die gesunde Nasenatmung. Längeres Stillen hat hierbei laut der Studien einen stärkeren Effekt als kürzeres Stillen.
Im ersten Lebensjahr verringert Stillen sogar das Karies-Risiko. Anders als frühere Studien nahelegten, zeigen zwei Metastudien aus dem Jahr 2025, dass das Karies-Risiko für gestillte Kinder erst ab dem Alter von 24 Monaten ansteigt. Entscheidend für die Bildung von Karies im Kleinkindalter sind zudem weitere Risikofaktoren wie hoher Zuckerkonsum, schlechte Zahnhygiene und fehlende Fluoridierung.
„In der Muttermilch enthaltene Stoffe wie Laktoferrin, Kalzium, Phosphat und Osteopontin wirken antibakteriell und remineralisierend. ”
Fragt man Kinderzahnärzte sowie Stillexperten, unterscheidet sich ihre Einschätzung zu Nutzen und Schaden des Stillens dennoch deutlich. Gudrun von der Ohe, Vorstandsmitglied des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation, verweist auf die Empfehlung der WHO (Weltgesundheitsorganisation). Der WHO nach sollten Mütter bis zum Alter von sechs Monaten ausschließlich stillen und das Stillen neben der Beikost bis zum Alter von zwei Jahren und darüber hinaus fortsetzen.
In der Muttermilch enthaltene Stoffe wie Laktoferrin, Kalzium, Phosphat und Osteopontin wirken antibakteriell und remineralisierend. Sie hemmen etwa das Wachstum von Streptococcus mutans, dem wichtigsten Karieserreger. Laut Dr. Johanna Maria Kant vom Bundesverband der Kinderzahnärzte sollte aus zahnärztlicher Sicht nach zwölf Monaten dennoch weder regelmäßig tagsüber noch nachts gestillt werden. Stattdessen sollte abends, vor dem Zähneputzen, ein sättigender Brei gefüttert werden und das Kind danach nachts nur noch Wasser trinken.
Zwei Meinungen zum Stillen: Was sollten Eltern tun?
Die WHO-Empfehlung betont deutlich die gesundheitsförderlichen Aspekte des Stillens für Kind und Mutter, geht dabei aber nicht explizit auf die Zahngesundheit ein. Die aktuelle S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ aus dem Jahr 2025 empfiehlt ebenfalls das ausschließliche Stillen bis zum sechsten Lebensmonat sowie Stillen neben der Beikost für mindestens zwölf Monate.
In Bezug auf das Thema Stillen und frühkindliche Karies weist sie darauf hin, dass die bis zum Jahr 2021 durchgeführten Studien aufgrund von zum Teil gravierenden methodischen Mängeln hierzu keine klare Aussage erlauben. Neuere Studien wiederum weisen darauf hin, dass Stillen bis zum ersten Lebensjahr die kindlichen Zähne schützt sowie bis zum zweiten Lebensjahr nicht zahnschädigend und in Bezug auf das Kieferwachstum sogar förderlich sein kann.
Als Eltern ist somit wichtig, zu bedenken, dass neben der Art der Nahrung auch die Dauer, Häufigkeit und Technik der Nahrungsaufnahme eine Rolle spielt. So macht es laut S3-Leitlinie einen Unterschied, ob das Kind Muttermilch an der Brust oder über ein Fläschchen zu sich nimmt. Beim Trinken an der Brust wird die Flüssigkeit durch die Zunge des Kindes aktiv Richtung Rachen befördert und geschluckt, beim Saugen an der Flasche verbleibt sie zunächst im Mundraum. Hierdurch werden die Zähne eher als beim Trinken an der Brust von der Milch umspült, was die Kariesbildung begünstigen kann.
Darüber hinaus spielt es eine Rolle, wie viel Zucker das Kind mit der Beikost zu sich nimmt, wie konsequent und gründlich Eltern ihrem Kind die Zähne putzen und wie sie die Fluoridierung der Zähne über entsprechende Zahncremes gestalten. Auch die Zahngesundheit und das Essverhalten der Eltern spielen bei der Kariesprävention eine Rolle.
„Die wichtigste Maßnahme zur Karies-Prophylaxe ist eine konsequente und gründliche Zahnpflege vom ersten Zahn an. ”
Die wichtigste Maßnahme zur Karies-Prophylaxe ist eine konsequente und gründliche Zahnpflege vom ersten Zahn an sowie eine starke Begrenzung des Konsums von gesüßten Getränken und Süßigkeiten (auch Quetschies und Fruchtsäfte). Eltern sind hier Vorbilder und sollten ihre eigene Zahnhygiene und ihr Trink- und Essverhalten überprüfen. Aufklärung, Hygiene und zahnärztliche Begleitung sind somit der Schlüssel für gesunde Zähne des Kindes.
Gesunde Zähne von Anfang an: So geht’s!
- Achten Sie schon vor Geburt Ihres Kindes auf eigene gesunde, kariesfreie Zähne. Ansonsten können Sie Bakterien auf Ihr Kind übertragen, die verantwortlich für Karies sind.
- Vermeiden Sie zuckerhaltige Getränke und das Nuckeln an Fläschchen. Beim Stillen an der Brust werden die Zähne, anders als beim Trinken mit der Flasche, weniger stark von der Flüssigkeit umspült. Der in der Muttermilch enthaltene Milchzucker kann so auch weniger stark auf die Zähne einwirken.
- Gründliche Zahnpflege ab dem ersten Zahn mit einer altersgerecht dosierten fluoridhaltigen Zahnpasta schützt die Zähne zusätzlich. Zahnärztliche Begleitung und Karieskontrolle bilden einen weiteren Baustein für die Zahngesundheit Ihres Kindes.
„Laut S3-Leitlinie macht es zudem einen Unterschied, ob Muttermilch an der Brust oder über ein Fläschchen zu sich genommen wird. ”
Ist Stillen nachts schädlich für die Zähne?
Die Frage, ob Stillen nachts schädlich ist, muss differenziert beantwortet werden. Während Frau Dr. Kant vom Bundesverband der Kinderzahnärzte empfiehlt, auf das nächtliche Stillen nach dem ersten Lebensjahr zu verzichten, geben neuere Metastudien Hinweise darauf, dass das Stillen bis zum zweiten Lebensjahr grundsätzlich nicht schädlich für die Zähne ist.
Laut S3-Leitlinie macht es zudem einen Unterschied, ob Muttermilch an der Brust oder über ein Fläschchen zu sich genommen wird, da beim Trinken mit dem Fläschchen die Zähne stärker mit zuckerhaltigen Flüssigkeiten umspült werden.
Darüber hinaus spielen für die Kariesbildung weitere Risikofaktoren wie hoher Zuckerkonsum (z. B. über Flaschennahrung, Fruchtsäfte oder Quetschies), unzureichende Mundhygiene und auch das Ess- und Trinkverhalten der Eltern als Vorbild eine Rolle. Stillen bis zum zweiten Lebensjahr bringt laut neuesten Studien, wenn keine weiteren Risikofaktoren vorliegen, kein besonderes Kariesrisiko mit sich. Ab dem zweiten Lebensjahr kann es jedoch tatsächlich mit einem erhöhten Kariesrisiko verbunden sein.
Schützt Stillen vor Zahnfehlstellungen?
Die S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die gar nicht, nur unregelmäßig oder kürzer als sechs Monate gestillt wurden, häufiger Zahnfehlstellungen aufweisen als Kinder, die über sechs beziehungsweise zwölf Monate voll gestillt wurden. Allerdings schränkt sie ein, dass die Datenlage bis zum Jahr 2021 hierzu noch relativ schwach war.
„Insgesamt führt Stillen laut der Studien zu einem verringerten Risiko für verschiedene Formen von Zahnfehlstellungen. ”
Drei weitere Metastudien aus den Jahren 2023 und 2024 bestätigen die positiven Auswirkungen auf das Schädel- und Kieferwachstum, die Knochenentwicklung und den Tonus der Gesichtsmuskulatur. Außerdem fördere Stillen die gesunde Nasenatmung. Insgesamt führt Stillen laut der Studien zu einem verringerten Risiko für verschiedene Formen von Zahnfehlstellungen.
Gestillte Kinder entwickeln laut Information des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation auch seltener als Flaschenkinder sogenannte „non-nutritive habits“ (z. B. Daumenlutschen oder Schnullergebrauch), die zu einer Entwicklung von Zahnfehlstellungen beitragen können.
Stillen und Zahngesundheit: Das Wichtigste auf einen Blick
Stillen ist für Babys bis zum sechsten Lebensmonat die gesündeste Ernährungsweise und wird sowohl von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als auch von der aktuellen S3-Leitlinie „Stilldauer und Intervention zur Stillförderung“ für diesen Zeitraum klar empfohlen. Darüber hinaus empfiehlt die S3-Leitlinie neben der Beikost Stillen bis zum ersten Lebensjahr und darüber hinaus, die WHO sogar über das zweite Lebensjahr hinaus.
„Kinderzahnärztinnen und -zahnärzte sehen das Stillen über das erste Lebensjahr hinaus kritisch. ”
Kinderzahnärztinnen und -zahnärzte sehen das Stillen über das erste Lebensjahr hinaus kritisch und empfehlen, ab dem Alter von zwölf Monaten tagsüber nicht mehr regelmäßig und nachts überhaupt nicht mehr zu stillen. Expertinnen und Experten für Stillen und Laktation verweisen jedoch auf neueste Metastudien, die nahelegen, dass Stillen bis zum zweiten Lebensjahr keine schädlichen Auswirkungen in Bezug auf Kariesbildung hat. Vielmehr soll es in Bezug auf das Kieferwachstum und die Vermeidung von Zahnfehlstellungen sogar förderlich für die kindliche Entwicklung sein.
Insgesamt lässt sich sagen, dass Stillen nur ein Faktor ist, der über die Zahngesundheit des Kindes entscheidet. Mindestens genauso wichtig sind Faktoren wie eine zuckerarme Ernährung, eine gründliche und fluoridhaltige Zahnhygiene und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen.
Quellen:
- WHO-Stillempfehlung: https://www.emro.who.int/nutrition/breastfeeding/
- S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung”: https://register.awmf.org/assets/guidelines/027-072l_S3_Stilldauer-Interventionen-zur-Stillfoerderung_2026-02.pdf
- Aktuelle Studien zum Thema „Stillen und Zahngesundheit“ auf der Website des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation (EISL): https://www.stillen-institut.com/de/zahn-und-kiefergesundheit-beim-gestillten-kind.html
- https://doi.org/10.4103/jigims.jigims_38_22
- https://doi.org/10.23804/ejpd.2023.2015
- https://doi.org/10.22514/jocpd.2024.029
- https://doi.org/10.1111/ipd.13313
- https://doi.org/10.1007/s40368-025-01051-4
Dr. Johanna Kant
Experte
Vorsitzende des Bundesverbands der Kinderzahnärzt:innen
Gudrun von der Ohe
Experte
Ärztin, zertifizierte Stillberaterin (IBCLC) und stellv. Obfrau des Europäischen Instituts für Stillen und Laktation
Sarah Zöllner
Autorin
Sarah Zöllner schreibt als Journalistin und Autorin über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Familien- und Gleichstellungspolitik. 2023 erschien ihr zweites Buch „Mütter. Macht. Politik. - Ein Aufruf!“. Für die Envivas informiert sie regelmäßig über Gesundheitsthemen und Wissenswertes rund um den Alltag mit Kindern. Mit ihrer Familie lebt sie nahe Heidelberg.