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Kieferschmerzen: Wenn der Zahnarzt zum Physiotherapeuten überweist
Bei Funktionsstörungen arbeiten Zahnärzte regelmäßig mit Experten aus anderen Disziplinen zusammen – mit Radiologen, Schlafmedizinern, Logopäden, Physiotherapeuten und Hausärzten. Eine Therapie an medizinischen Schnittstellen hat ihre Vorteile, aber auch Grenzen. Facharzt Dr. Daniel Hellmann erklärt, wie diese aussehen und in welchen Fällen Patienten skeptisch werden sollten.
Zahnärzte sind keine Einzelkämpfer
Viele Patientinnen und Patienten nehmen die Zahnheilkunde wie eine Sonderdisziplin unter den medizinischen Fachrichtungen wahr. Bei vielen Beschwerden im Mundraum soll der Zahnarzt weiterhelfen. Der verweist sie bei bestimmten Problemen an einen Dentalspezialisten: bei Zahnfehlstellungen zum Kieferorthopäden, zum Oralchirurgen, wenn etwa die Weisheitszähne raus müssen.
Es gibt auch Fälle, bei denen sich der Blick in benachbarte Disziplinen lohnt. „Es ist keineswegs so, dass der Zahnarzt als Facharzt immer für sich alleine arbeitet“, sagt Privatdozent Dr. Daniel Hellmann, der an der Universität Würzburg lehrt und forscht. „Es ist nichts Außergewöhnliches, wenn der Haus- oder Facharzt Patienten zum Zahnarzt schickt – oder wenn dieser andersherum an einen anderen Kollegen verweist.“
Allerdings ergänzt der Fachmann gleich, dass das Ideal einer ganzheitlichen Medizin nicht in jedem Fall erreicht werden kann. Dazu fehlten aktuell oft die technischen Ressourcen im Gesundheitssystem und das Personal: „Hierzu müssten die Möglichkeiten der elektronischen Patientenakte erweitert werden und mehr Ärzte sollten sie nutzen.“
„Es ist nichts Außergewöhnliches, wenn der Haus- oder Facharzt Patienten zum Zahnarzt schickt.”
Zahnärzte können an andere Fachärzte überweisen
Nicht nur der Hausarzt, auch Zahnärzte können ihre Patienten an andere Fachärzte überweisen, etwa an Radiologen oder Schlafmediziner. „Das ist seit geraumer Zeit möglich – doch nicht alle Ärzte wissen das.“ Erst recht wissen das nicht alle Patienten. Eingeführt wurde diese Option wegen einer Behandlungsform aus der Schlafmedizin, erklärt Hellmann. „Die Möglichkeit kam mit der Kostenübernahme von Unterkiefer-Protrusionsschienen durch die gesetzlichen Krankenkassen. Diese Schienen verlagern den Unterkiefer deutlich nach vorne und werden eingesetzt, um Atemaussetzer im Schlaf zu reduzieren.“
Wenn Schlafmediziner feststellen, dass ihre Patienten von solch einem Schienensystem profitieren würden, beauftragen sie den Zahnarzt mit der individuellen Anfertigung einer solchen Schiene. „Wenn versierten Zahnärzten ein Bedarf auffällt, besteht ebenfalls die Möglichkeit zur Überweisung zum Schlafmediziner. An der Schnittstelle dieser beiden medizinischen Disziplinen wird dann die Therapie gemeinsam durchgeführt.“
Zahnärztliche Therapien an solchen Schnittstellen funktionieren nicht nur in der Schlafmedizin, sondern auch in der Logopädie, etwa bei Fehlfunktionen im Mund-Gesichts-Bereich. Beispielsweise kann bei einem gestörten Schluckmuster oder einer gestörten Sprechfunktion mit einer Heilmittelverordnung eine logopädische Therapie eingeleitet werden. So sind es häufig Kieferorthopäden, die in die Logopädie überweisen. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche, in einigen Fällen kann dies krankheitsbedingt auch bei Erwachsenen vorkommen.
Gute Erfahrungen mit Physiotherapie
Erfolgreich arbeiten Zahnärzte auch Hand in Hand mit Physiotherapeuten. Diese Schnittstelle werde „sehr häufig bespielt, weil wir vor dem Hintergrund des aktuellen Wissens davon ausgehen können, dass Physiotherapie dass Physiotherapie bei schmerzhaften Funktionsstörungen des Kauorgans zur Linderung der Beschwerden beitragen kann.“, sagt Hellmann.
Gemeint ist hier die Craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD: eine Funktionsstörung der Kiefermuskulatur oder der Kiefergelenke. Dabei kann die Bewegung des Kauapparates beeinträchtigt sein, Schmerzen können auftreten und auch Kiefergelenkgeräusche. Tinnitus und Beschwerden im Nackenbereich sind weitere Symptome, die häufig von betroffenen Patienten angegeben werden. „Eventuelle Zusammenhänge dieser Symptome mit einer CMD sind Gegenstand intensiver Forschung“, so der Experte.
„Wir wissen, dass Physiotherapie bei schmerzhaften Funktionsstörungen des Kauorgans zur Linderung der Beschwerden beitragen kann.”
„Wenn eine CMD vorliegt, kann der Zahnarzt seinen Patienten eine entsprechende Therapie beim Physiotherapeuten vorordnen“, sagt Daniel Hellmann. Der Zahnarzt schreibt seine Diagnose und die Leitsymptome auf die Heilmittelverordnung. Die konkrete therapeutische Umsetzung liegt in der Regel beim Physiotherapeuten. Der kann etwa eine manuelle Therapie verordnen, klassische Krankengymnastik und ergänzende Heilmittel wie Kälte und Wärme.
Die Verordnung ist übrigens keine Einbahnstraße: „Der Zahnarzt kann über die Verordnung eine Rückantwort erbitten und erhält vom Physiotherapeuten einen kleinen Therapiebericht.“
Mehr Austausch, zusätzliche Therapieansätze
Der Austausch von Ärzten und Therapeuten aus unterschiedlichen Disziplinen ist auch deshalb wichtig, weil sich die CMD oft nicht mit einer einmaligen Behandlung für alle Zeit auskurieren lässt. Es ist wie bei Rückenschmerzen: Die Ursachen der Beschwerden lassen sich manchmal nicht vollständig beheben. „Dann müssen die Patienten strukturiert therapeutisch arbeiten, um langfristig schmerzfrei zu leben.“ Es reiche also nicht, sich darauf zu verlassen, dass jemand anders einen wieder gesund macht.
Diese strukturierte Therapie kann unterschiedlich aussehen. Für Zahnärzte etwa sieht der nächste Behandlungsschritt häufig so aus, dass sie ihren Patienten eine Aufbissschiene, Fachbegriff: Okklusionsschiene, anfertigen. Ein Ansatz, der in vielen Fällen Linderung verschafft, sagt Hellmann: „Allerdings gibt es Patienten, die solche Schienen nicht gerne tragen. Ein Fremdkörper im Mund kann ein ungutes Gefühl auslösen.“
Physiotherapeuten hingegen gehen zumeist so vor, dass sie für die Zeit nach der akuten Behandlung Übungen zusammenstellen, die der Patient kontinuierlich zu Hause durchführt. Der Nachteil: Meist werden die Eigenübungen gemacht, solange die Schmerzen da sind, „lässt der erste Leidensdruck nach, fallen die Übungen leider oft aus“.
Die Möglichkeiten der verschiedenen Disziplinen verbessern also die Chancen, dass Patienten eine Therapie finden, die dauerhaft zu ihnen passt. „Studien belegen, dass Physiotherapie plus Eigenübungen bei einer CMD mindestens genauso erfolgreich sein können wie eine zahnärztliche Therapie mit Okklusionsschienen. Ebenfalls kann eine Kombination beider Ansätze angezeigt sein und durchgeführt werden“, sagt Hellmann.
„Es gibt keinerlei Beweise, dass eine Behandlung im Kauorgan zielgerichtet Haltungskorrekturen herbeiführt oder bei ganzkörperlichen Beschwerden hilft.”
Die Grenzen der Interdisziplinarität
Das Überschreiten von Schnittstellen kann allerdings auch missbraucht werden. Daniel Hellmann berichtet etwa von Zahnärzten, die versprechen, über eine Kieferbehandlung Körperfehlhaltungen und Rückenschmerzen entgegenwirken zu können: „Das wird zwar immer wieder behauptet, aber es gibt keinerlei Beweise, dass eine Behandlung im Kauorgan zielgerichtet Haltungskorrekturen herbeiführt oder bei ganzkörperlichen Beschwerden hilft. Vielmehr rät die Forschung hier zu interdisziplinären Ansätzen und zur Vermeidung zahnärztlicher Übertherapie.“
Ein korrigierter Biss und schon ist der schiefe Rücken passé – so einfach sind die Beziehungen im menschlichen Skelett nicht. Zwar komme es oft vor, dass Menschen mit Kieferbeschwerden zugleich Schmerzen in Schulter, Nacken oder Rücken hätten. „Aber direkte kausale Zusammenhänge zwischen Abweichungen oder Beschwerden im Kauorgan und orthopädischen Befunden der weiteren Körperregionen werden in der Literatur eher widerlegt als bestärkt.“
Vorsicht bei vollmundigen Versprechen
Facharzt Hellmann rät in manchen Fällen zu besonderer Vorsicht, wenn vermeintliche Spezialisten allzu vollmundige Therapieversprechen machen. „Gemäß unserer Approbation beschränkt sich das zahnärztliche Wirkungsgebiet auf die Kieferregion, die umgebenden Weichgewebe und die an den Kieferbewegungen beteiligten Muskelgruppen der benachbarten Gebiete.“ Diese Grenze müsse man zwar nicht immer ganz streng nehmen. Aber es sollte dem Patienten ein Warnzeichen sein, wenn ein Zahnarzt anfange, Diagnosen deutlich außerhalb dieses Bereichs zu stellen und in seine Therapiekonzepte einzubinden.
„Facharzt Hellmann rät in manchen Fällen zu besonderer Vorsicht, wenn vermeintliche Spezialisten allzu vollmundige Therapieversprechen machen. ”
„Nicht selten verspricht der Zahnarzt dann, durch die Einstellung eines perfekten Bisses eine ganzkörperliche Genesung zu erreichen. Wird einem solch eine Behandlung, die meist sehr kostspielig ist, angeboten, ist Vorsicht geboten.“ Spätestens dann empfiehlt Hellmann, eine Zweitmeinung einzuholen.
Entsprechende Experten finde man bundesweit bei den Universitätskliniken und über die zuständige Fachgesellschaft Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (DGFGT). Auf ihrer Website sind die von ihr zertifizierten Spezialisten für Funktionsdiagnostik und -therapie aufgelistet – zu denen auch Hellmann selbst zählt.
Quellen:
PD Dr. Daniel Hellmann Experte Daniel Hellmann lehrt und forscht als Privatdozent der Medizinischen Fakultät an der Universität Würzburg sowie in Kooperation mit den Universitäten Ulm, Karlsruhe und Freiburg. Zudem ist er von der DGFDT zertifizierter Spezialist für Funktionsdiagnostik und -therapie.
Wissenschaftliche Mitteilung zur Therapie craniomandibulärer Dysfunktionen (CMD). Zeitschrift für kraniomandibuläre Funktionen 2024; 16 (3): 209-229
Hans J. Schindler, Alfons Hugger, Daniel Hellmann, Jens C. Türp: Die Schienentherapie bei Myoarthropathien des Kausystems. Quintessenz Zahntech, 39 (11): 1502-1516 (2013)
Dr. Daniel Hellmann, MSc Steffen Ringhof: Okklusion – Craniomandibuläre Dysfunktion – Körperhaltung. Zahntech Mag 17, 5: 298-300 (2013)
DGFDT, DGZMK: Okklusionsschienen zur Behandlung craniomandibulärer Dysfunktionen und zur präprothetischen Therapie, 2024, Version 1.0, AWMF-Registriernummer: 083-051, https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/083-051.html
DGFDT, DGZMK: Diagnostik und Behandlung von Bruxismus, Langfassung, Version 2.1, 2026, AWMF-Registriernummer 083-027, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/083-027
Villar-Aragón-Berzosa, Víctor et al.: Manual Therapy Techniques Versus Occlusal Splint Therapy for Temporomandibular Disorders: A Systematic Review with Meta-Analysis. Dentistry journal vol. 12,11 355. 1 Nov. 2024, doi:10.3390/dj12110355
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Kohlmann, T. (2002). Epidemiologie orofazialer Schmerzen. Der Schmerz, 16(5), 339-345. https://doi.org/10.1007/s004820200000
Dr. Daniel Hellmann
Experte
Privatdozent an der Universität Würzburg
Markus Düppengießer
Autor
Markus Düppengießer, Journalist und Lektor, lebt in Köln. Früher schrieb er vor allem für Tageszeitungen, heute für verschiedene Fachmedien (on- und offline) aus den Bereichen Gesundheit und Personalwesen, für ein Straßenmagazin und eine Kinderzeitung. Zudem ist er Dozent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.