Wurzelbehandlung – ganz schön nervig

mann-hat-zahnschmerzen

Gelangen Bakterien ins Zahninnere, entzündet sich der Nerv. Früher bedeutete das für den betroffenen Zahn den sicheren Tod. Heute hingegen kann er mithilfe einer Wurzelbehandlung noch viele Jahre im Kiefer verbleiben und dort seine Funktion zuverlässig erfüllen. Ganz unumstritten ist das Verfahren allerdings nicht.

von Anke Brodmerkel

 

Zähne sind lebendige Gebilde. Unter der sichtbaren, von hartem Schmelz überzogenen Krone befindet sich die im Kieferknochen verankerte Wurzel. Wie bei einem Baum sorgt die Wurzel nicht nur für festen Halt, sondern auch dafür, dass der Zahn mit allen lebensnotwendigen Nährstoffen versorgt wird.

Das Innere der Wurzel, die Pulpa, die in den Wurzelkanälen von den Wurzelspitzen bis zur Krone zieht, besteht aus einem fein verästelten System aus Nerven, Blut- und Lymphgefäßen. Wird die Krone des Zahns zerstört, zum Beispiel in Folge einer tief gehenden Karies oder bei einer Verletzung, wie sie insbesondere bei Kindern durch Stürze beim Spielen und Toben öfter mal vorkommt, können Bakterien sich einen Weg ins Innere des Zahnes bahnen.

Dies führt zu einer mitunter sehr schmerzhaften Entzündung der Pulpa. Darüber hinaus kann der entzündete Zahn empfindlich auf Kälte und Wärme reagieren. Schreitet die Entzündung voran, schwillt oft die Backe an. Dies ist ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass die Keime bereits bis in den Kieferknochen vorgedrungen sind.

Neun von zehn Zähnen, deren Wurzel entzündet ist, lassen sich retten

Früher gab es nur eine schlichte Methode, eine Entzündung der Zahnwurzel rasch und erfolgreich zu bekämpfen: Der Zahn wurde gezogen. Dazu muss es heute nicht mehr kommen.

„Mit einer Wurzelbehandlung gelingt es uns inzwischen, in mehr als 90 Prozent aller Fälle den Zahn über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren zu erhalten“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Endodontologie und zahnärztliche Traumatologie (DGET), Prof. Dr. Christian Gernhardt vom Universitätsklinikum Halle (Saale).

Das hätten inzwischen mehrere große Studien gezeigt, in denen die Zähne der Probanden nach dem Eingriff noch zehn Jahre lang regelmäßig untersucht worden seien. „Vermutlich verbleibt ein wurzelbehandelter Zahn, wenn der Eingriff erfolgreich war, aber auch noch sehr viel länger im Kiefer“, sagt Gernhardt.

So wird die Wurzelbehandlung durchgeführt

Bei einer Wurzelbehandlung, Endodontie genannt, wird der Zahn zunächst betäubt und dann so weit aufgebohrt, dass die Wurzelkanäle – je nach Zahn können es ein oder auch mehrere Hauptkanäle sein – zu sehen sind.

Mithilfe feinster Instrumente entfernt der Zahnarzt anschließend den Großteil der entzündeten Pulpa. Zuweilen ist das nicht ganz einfach, da die Wurzelkanäle verzweigt oder auch stark gekrümmt sein können. Ein spezielles Mikroskop kann dem Zahnarzt dabei helfen, das entzündete Gewebe so gut es geht zu beseitigen.

Im nächsten Schritt werden die entstandenen Hohlräume desinfiziert und mit speziellen Füllmaterialien wieder geschlossen. Viele Zahnärzte ziehen es allerdings vor, zunächst ein antibakterielles Medikament in den Zahn einzulegen und den Zahn vorerst nur mit einem Provisorium zu verschließen.

Sie wollen abwarten, bis die Entzündung vollständig abgeklungen ist, bevor sie den Zahn endgültig versiegeln und eventuell – insbesondere, wenn zu viel eigene Zahnsubstanz durch die Entzündung verloren gegangen ist – auch überkronen.

zahnarzt-im-gespraech-mit-patient

Meist reicht eine Sitzung beim Zahnarzt aus

Wirklich notwendig sind zwei oder gar mehrere Sitzungen für eine Wurzelbehandlung in den meisten Fällen jedoch nicht, so Gernhardt. „Bei einer sehr hochgradigen Entzündung würde ich ein solches Vorgehen zwar auch vorziehen“, sagt der DGET-Präsident.

„In der Regel reicht jedoch eine Sitzung aus, um eine entzündete Wurzel erfolgreich zu behandeln.“ Mehrere Vergleichsstudien hätten inzwischen ergeben, dass die Zahl der Behandlungstermine für die Dauer des anschließenden Zahnerhalts eher unerheblich sei.

Für Gernhardt und die meisten anderen Zahnmediziner ist eine möglichst rasche Entfernung eines entzündeten Zahns wegen der guten Erfolge, die sie mit einer Wurzelbehandlung mittlerweile erzielen können, heutzutage keine Option mehr. Das allerdings sehen nicht all seine Kollegen uneingeschränkt so.

Widerspruch: tote Gewebereste schaden Körper

„Gerade für chronisch kranke oder aus anderen Gründen geschwächte Menschen ist eine Wurzelbehandlung meines Erachtens nicht das Mittel der Wahl“, sagt der Zahnarzt, Heilpraktiker und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Umwelt- und Humantoxikologie (DGUHT), Dr. Karlheinz Graf.

„Bei einer Wurzelbehandlung können lediglich die Hauptkanäle gereinigt werden“, erläutert er. „Das verzweigte Netz feinster Kanäle hingegen bleibt für die Reinigung unzugänglich.“

Zwar könne man die Ergebnisse der Säuberungsaktion durch zahlreiche Methoden optimieren, etwa durch eine Reinigung der Kanäle unter dem Mikroskop, durch eine Bedampfung mit Ozon oder mithilfe einer Laserbestrahlung.

Dennoch werde es nie gelingen, sämtliches entzündete oder tote Gewebe zu entfernen und alle vorhandenen Keime abzutöten, sagt der DGUHT-Präsident. „In jedem wurzelbehandelten Zahn verbleiben Reste von abgestorbenem Gewebe und Bakterien“, betont Graf.

Und diese würden den Organismus in vielfältiger Weise belasten – beispielsweise durch die Entstehung von Leichengiften, vor allem Mercaptanen, beim Gewebszerfall und die Produktion von krank machenden Toxinen durch die Bakterien.

Die beste Alternative ist ein Implantat aus Vollkeramik 

Darüber hinaus bedeute jeder wurzelbehandelte Zahn eine energetische Belastung des Körpers, die zu Beschwerden in den unterschiedlichsten Organen führen könne, sagt Graf.

Insbesondere bei chronisch Kranken seien eine Entfernung des betroffenen Zahns und das Einsetzen eines Implantats aus gut verträglicher Vollkeramik meist die bessere Alternative, sagt der in Straubing niedergelassene Zahnarzt, der auch der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche Zahnmedizin (GZM) angehört.

„Und eigentlich sollte jeder gesundheitsbewusste Mensch ernsthaft überlegen, ob er die Minimierung seiner Selbstheilungskräfte durch einen wurzelbehandelten Zahn hinnehmen möchte“, ist Graf überzeugt.

Ziel der Behandlung ist es, die Zahl der Keime deutlich zu senken

Nicht nur der DGET-Präsident Gernhardt, sondern auch der in Bad Segeberg praktizierende Zahnmediziner Dr. Joachim Hüttmann vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte widerspricht seinem Kollegen aus Straubing gleich in mehreren Punkten.

„Als Vertreter der klassischen, evidenzbasierten Zahnmedizin sehe ich nirgendwo Belege dafür, dass wurzelbehandelte und damit tote Zähne Störfelder sind oder wegen einer Störung des Energieflusses durch die Meridiane Fernwirkungen auf andere Organe ausüben“, sagt er.

„Was es hingegen tatsächlich gibt, ist die Streuung von Keimen aus akuten oder chronischen Entzündungen, auch an den Zähnen“, sagt Hüttmann. Das bedeute aber nicht, dass tote Zähne sofort extrahiert werden müssten. Vielmehr müsse man sie adäquat behandeln, betonen Hüttmann und Gernhardt übereinstimmend.

„In aller Regel können wir durch eine Wurzelbehandlung die Zahl der Keime so weit reduzieren, dass das Immunsystem mit den verbleibenden Bakterien, die sich vor allem in den Dentinkanälchen verstecken, selbst fertig wird“, sagt Hüttmann.

Dentinkanälchen sind winzige Hohlräume, die den Zahn von der Pulpa bis zum Schmelz durchziehen und auch mit den feinsten zahnärztlichen Instrumenten nicht zu erreichen sind. Natürlich gebe es von jeder Regel Ausnahmen, räumt Hüttmann ein – und vertritt damit erneut die gleiche Ansicht wie der DGET-Präsident Gernhardt.

„Patienten, deren Immunsystem stark geschwächt ist, würde ich von einer Wurzelbehandlung eher abraten.“ Zu dieser Patientengruppe gehören beispielsweise Menschen, die Immunsuppressiva einnehmen, also Medikamente, die das körpereigene Immunsystem nach einer Organtransplantation oder wegen einer Autoimmunerkrankung unterdrücken.

patientin-wird-beim-zahnarzt-behandelt

In seltenen Fällen müssen die Wurzelspitzen gekappt werden

Den allermeisten anderen Menschen mit einer entzündeten Zahnwurzel würden die beiden Zahnmediziner jedoch zunächst eine Wurzelbehandlung empfehlen. „Sicherlich ist es richtig, dass wir mit dem Verfahren die Wurzel nicht hundertprozentig keimfrei bekommen“, sagt auch Gernhardt.

Aber offensichtlich gelinge es dem Immunsystem der Patienten in den allermeisten Fällen ja, die wenigen verbleibenden Bakterien selbst zu bekämpfen. „Wenn keine klinischen Anzeichen einer Entzündung mehr vorliegen, gilt der Zahn für mich jedenfalls als erfolgreich behandelt und heilt aus“, betont der Zahnmediziner aus Halle.

„Hat der Patient weiterhin Beschwerden, muss man natürlich intervenieren“, sagt Gernhardt. So könne eine Wurzelbehandlung, die nicht erfolgreich gewesen sei, ohne Weiteres wiederholt werden. Und sollte die Entzündung bereits zu den Enden der Zahnwurzel vorgedrungen sein, lasse sich eine Wurzelspitzen-Resektion vornehmen, bei der die unteren Spitzen der Wurzeln gekappt würden. Für dieses Verfahren muss allerdings der Kieferknochen geöffnet werden.

Dass Symptome in anderen Organen auf einen wurzelbehandelten Zahn zurückgehen, sind für Gernhardt nur Mutmaßungen. Sein Kollege Graf aus Straubing sieht das anders: „Nach jahrelanger Erfahrung ist es für uns inzwischen keine Überraschung mehr, wenn sich Beschwerden, unter denen ein Patient zuvor vielleicht schon viele Jahre lang gelitten hat, nach dem Ersatz eines wurzelbehandelten Zahns durch ein keramisches Implantat spontan bessern“, sagt er.

Zuweilen ist es sinnvoll, eine zweite Meinung einzuholen

Gernhardt und Hüttmann raten ihren Patienten dennoch dazu, den Erhalt des eigenen Zahns zumindest anzustreben. „Natürlich müssen wir bei chronisch kranken Menschen im Einzelfall abwägen“, sagt Hüttmann. Je kritischer die Abwehrlage des Patienten sei, desto besser müsse die Wurzelfüllung sein.

„Und wenn absehbar ist, dass die Wurzelkanäle aufgrund ihrer Struktur nur schwer zu verschließen sein werden, ist eine Entfernung des Zahns – in diesem speziellen Fall – vielleicht tatsächlich die bessere Alternative.“

Rate ein Zahnarzt jedoch ohne weitere Erklärungen dazu, einen entzündeten Zahn sofort zu ziehen, solle man als Patient besser noch einmal eine Zweitmeinung einholen, empfehlen Hüttmann und Gernhardt. Vielleicht gelinge es einem anderen, spezialisierten Kollegen ja, den Zahn zu retten. „Ein Implantat ist immer nur ein Ersatzteil“, sagt Gernhardt. „Und es wird niemals so gut sein wie das Original.“

Wer zahlt für die Behandlung?

Die Kosten für eine Wurzelbehandlung, auch Wurzelkanalbehandlung genannt, werden in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Allerdings müssen dafür einige Voraussetzungen erfüllt sein.

So muss der Zahnarzt vor Beginn der Behandlung prüfen, ob er den Zahn voraussichtlich retten kann – ob es zum Beispiel möglich ist, die Zahnwurzel bis an die Wurzelspitze zu füllen – und ob es sinnvoll ist, den Zahn zu erhalten. Als sinnvoll gilt der Zahnerhalt dann, wenn

  • der Zahn in einer vollständigen Zahnreihe steht, in der es keine Lücke gibt,
  • die Behandlung verhindert, dass die Zahnreihe einseitig nach hinten verkürzt wird, und
  • die Maßnahme dabei hilft, einen schon vorhandenen, funktionstüchtigen Zahnersatz zu erhalten.

Spezielle Behandlungstechniken, bei der ein Mikroskop, Ozon oder Laserstrahlen eingesetzt werden, sind keine Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen – ebenso wenig wie das Einsetzen eines Implantats und allen damit verbundenen zahnärztlichen Leistungen.

Allerdings ist es möglich, einen Zuschuss für den Zahnersatz auf dem Implantat, die sogenannte Suprakonstruktion, zu erhalten. Dazu ist in der Regel ein Heil- und Kostenplan erforderlich, der vor der Behandlung von der Krankenkasse genehmigt werden muss. Auch bei sehr schweren Kieferdefekten und wenn ein herkömmlicher Zahnersatz nicht möglich ist, können Implantate unter Umständen bezuschusst werden.